Nur die Filmgötter wissen mehr

4. April 2008, 13:15
11 Postings

Eine neue Website will das Filmemachen revolutionieren: Fans sollen per Mausklick über Produktionen abstimmen

Andrea Maria Dusl meint aber: Filme entstehen diktatorisch, nicht demokratisch.


Wenn es nach Kenneth Woo und Brett Icahn geht, dann sind die Tage mächtiger Studiobosse und einflussreicher Filmproduzenten gezählt. Wenn die Idee der beiden New Yorker Netz-Entrepreneurs aufgeht, bestimmen in Zukunft Filmfans, welche Blockbuster überhaupt in Produktion gehen. Online-Cinephile werden per Mausklick Script-Expertisen erstellen. Sie werden zu Castings einladen, mit Millionen-Budgets jonglieren und über Marketingstrategien abstimmen. Massify (massify.com) heißt die Internetplattform der findigen Kinodemokraten.

Die Idee, ein Publikum zu haben, bevor das Projekt in die Pipeline geschoben wird, ist bestechend. Aber eignet sich ein alchemistisches Produkt wie Film für basisdemokratische Entscheidungen? Gibt es überhaupt so etwas wie Gemeinsamkeiten in Geschmacksfragen? Ist Einzigartiges mehrheitsfähig? Von der Klärung dieser Fragen wird es abhängen, ob ein Experiment wie Massify das Filmemachen revolutionieren kann.

Wie entsteht denn im Moment noch ein Film? Wer entscheidet, welche Filme gemacht werden und wer bestimmt, wie sie gemacht werden? Das Publikum? Mitnichten. Egal ob Mainstream-Blockbuster oder Artsy-Fartsy-Kunstfilm, die Entscheidungen bei Filmproduktionen werden von wenigen getroffen. Um einen Filmstoff herum kristallisieren Produzenten Drehbuch, Regie und den einen oder den anderen Star. Manchmal gibt es den Hahn vor dem Ei. Manchmal zwei Eier und keine Henne, manchmal nur das Nest und kein Gegacker.

Egal, wann sie den Hühnerstall betreten: Filme werden von Einzelpersonen inszeniert. Das Kollektiv eignet sich nicht für die tägliche Arbeit an szenischen Direktiven. Produzenten und Drehbuchautoren können in Gruppen auftreten, sie können Bosse über sich haben und Berater unter sich, aber auch hier gilt: Je weniger Individuen an Entscheidungen herumbasteln, desto stabiler werden diese. Im Guten wie im Schlechten.

Die goldene Formel für den kassensprengenden Kunstfilm wurde nämlich noch nicht gefunden. Selbst in Hollywood gehen von fünf professionellen Versuchen, einen Blockbuster zu produzieren, statistisch gesehen vier in die Hose. Und Tinseltown, also: Hollywood, ist nicht neu im Geschäft. Welcher Film ein Renner wird, das wissen die Filmgötter. Wenn es sie gibt. Alle Versuche der Filmindustrie, das Publikum in künstlerische Entscheidungen einzubeziehen, führten bislang dazu, Unsicherheiten zu multiplizieren.

Testscreenings, Markterhebungen und Internet-Umfragen stärken die Geldbörsen der beauftragten Institute, auf die Erfolgschancen eines Films haben sie nur marginalen Einfluss. Dass ein Film mit Julia Roberts, Tom Cruise oder Nicole Kidman größere Chancen auf Publikum hat, dafür braucht es keine Onlineabstimmung. Und dass der nächste Harry Potter ein Renner wird, dazu genügt ein Gespräch mit dem Kartenabreißer.

Demoskopisch ließe sich allenfalls die Publikumsakzeptanz von Unbekannten und Geheimtalenten feststellen. Castingshows und Doku-Soaps funktionieren schon nach diesem Muster: Fernsehpublikum kürt Liebling, Liebling wird teilzeitberühmt, Publikum ist gerührt über die Richtigkeit seiner Entscheidung und begleitet Liebling zum Stapellauf der Karriere. Ob Liebling auf hoher See bestehen kann, zeigt sich spätestens nach dem ersten großen Sturm.

Ob Massify die kritische Masse für aussagekräftige Publikumsgröße agglomerieren kann, wird sich zeigen. YouTube ist ein rares Beispiel für Beliebtheits-Untersuchungen jenseits der statistischen Unschärfen. Millionen User stellen Millionen Clips online und fungieren als Quotenvolk, indem sie wiederum andere Clips ansehen, bewerten, weiterempfehlen oder ganz einfach nur ignorieren.

Wie sehr sich allerdings das Prinzip der Internet-Demokratie auch ins Gegenteil verkehren kann, zeigt der Buchversand-Gigant Amazon. Das Online-Bestellen von Büchern, CDs und DVDs ist verführerisch einfach, ebenso das Bewerten derselben. Mit bösen Folgen: Die Buchkritiken des Monopolisten werden von einer relativ kleinen Gruppe meist anonymer Hardcore-User verfasst, die sich mit Verlags-Textern und versprengten Fans Bewertungsschlachten liefern, die allfällige Leser verwirrt zurücklassen.

Die Gefahr ist gering, dass Independent-Filme in Zukunft vom Wohl und Weh einer amorphen Community von Massify-Power-Klickern abhängt. Denn die Frage stellt sich: Wollen wir wirklich alles entscheiden? Wollen wir uns in Zukunft all das ausdenken müssen, womit wir eigentlich überrascht werden wollen? Wollen wir Publikum und Produzent sein? Oder nur eines davon? Film ist ein diktatorisch erzeugtes Produkt, das von Demokraten konsumiert wird. Die Verfassung des unbekannten Landes namens Film hat nur einen Paragraphen, der da lautet: Du darfst nicht langweilen. Die Gefahr ist groß, dass es beim demokratischen Filmemachen zum Verfassungsbruch käme. Oder anders gefragt: Von wem möchten wir uns einen Tarantino-Film inszenieren lassen: Von Tarantino oder von seinem Publikum? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.3.2008)

Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin und Autorin und hostet das legendäre Blog comandantina.com.

Links:
- massify.com
- stockxpert.com

  • "Ich, Regisseur", könnte sich bald jeder Online-Cinephile auf die  Visitenkarte schreiben, wenn der Plan der Internetplattform Massify aufgeht: Demnach sollen Fans  demokratisch über Wohl und  Wehe potentieller Blockbuster  entscheiden.
    foto: stockxpert.com

    "Ich, Regisseur", könnte sich bald jeder Online-Cinephile auf die Visitenkarte schreiben, wenn der Plan der Internetplattform Massify aufgeht: Demnach sollen Fans demokratisch über Wohl und Wehe potentieller Blockbuster entscheiden.

Share if you care.