Tibet und das Elend des Secondhand-Journalismus

von Redaktion  |  23. April 2008, 12:23

Es ist sehr schwer, die Ereignisse zu rekonstruieren, wenn man die Darstellungen offensichtlicher Propagandamedien nicht berücksichtigt - Von Jens Berger

"Was ist Wahrheit? - Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, sie ununterbrochen zu wiederholen." (Oswald Spengler)

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Die ganze Welt schaut momentan mit Verachtung auf China, und der Boykott der Olympischen Spiele wird offen angedacht. Ähnlich wie bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste der buddhistischen Mönche in Myanmar im letzten Jahr, steht der Schuldige an der Eskalation und der Gewalt anscheinend fest. In den Köpfen der Medienkonsumenten schwirrt die Vorstellung, die chinesische Soldateska hätte friedliche Proteste tibetischer Mönche mit Gewalt niedergeschlagen. Dabei sollen über 100 Tibeter den Kugeln der in die Menge feuernden Besatzer zum Opfer gefallen sein - ein Massaker!

Diese Darstellung entspricht im Wesentlichen den Versionen der tibetischen Exilanten in Nordindien und des amerikatreuen Radiosenders "Free Asia". Beide Versionen werden in den Medien immer wieder gerne zitiert - freilich ohne zu erwähnen, dass beide Quellen nicht eben neutral sind. Aber was ist eigentlich am Wochenende im tibetischen Lhasa passiert, das die Weltöffentlichkeit derart schockiert hat, dass Peking am Pranger steht?

Es ist sehr schwer, die Ereignisse zu rekonstruieren, wenn man die Darstellungen der beiden Konfliktparteien und offensichtlicher Propagandamedien - wie "Radio Free Asia" - nicht berücksichtigt. Die seriösesten Quellen sind in diesem Falle Korrespondenten angesehener Zeitungen, die direkt vor Ort waren und nicht "Informationen" aus zweiter oder dritter Hand wiedergeben. Direkt vor Ort war der Korrespondent des britischen Economist, und seine Schilderungen weichen in entscheidenden Punkten von der Version der meisten Berichterstattungen, die sich auf Informationen aus zweiter und dritter Hand stützen, deutlich ab.

Ausgebrochen sind die gewaltsamen Proteste, als Gruppen von meist jungen Tibetern sich zusammengerottet haben und mit Pflastersteinen und Betonbrocken in die Gassen der Altstadt von Lhasa zogen und die Schaufenster chinesischer Geschäfte einwarfen. Auch (ethnische) Chinesen, die nicht schnell genug fliehen konnten, wurden mit Steinen beschmissen - darunter auch Kinder, Fahrradfahrer, Taxifahrer und Busreisende.

Die meisten Chinesen haben daraufhin ihre Geschäfte geschlossen und sind geflohen. Daraufhin wurden die Geschäfte von den tibetischen Demonstranten geplündert und einige wurden in Brand gesteckt. Es ist wahrscheinlich, dass auch einige Chinesen in ihren Geschäften verbrannten. Der Korrespondent wurde auch Zeuge einer Szene, in der ein kleiner chinesischer Junge, in Todesangst vor dem Mob, Schutz bei einem tibetischen Mönch suchte, den er gerade interviewte.

Die chinesischen Sicherheitskräfte haben sich nach den Angaben des Economist-Korrespondenten zurückgehalten und sich auf passive Abwehrmaßnahmen beschränkt. Rettungskräfte und Feuerwehr wurden ebenfalls von den Demonstranten angegriffen, so dass mit Beginn der Nacht die Feuerwehrwagen von gepanzerten Militärfahrzeugen eskortiert wurden, in denen bewaffnete Soldaten saßen. Von Schüssen auf Demonstranten ist dem Korrespondenten nichts bekannt.

Diese Version der Geschichte teilt auch der Zeit- und taz--Korrespondent Georg Blume, der als einer der letzten ausländischen Journalisten Tibet verlassen musste.

Heute hat mir ein Tibeter per Mail geschildert, wie er die Aufstände beobachtet hat:

Er konnte die Szenerie sehr genau beschreiben, brachte seinen ganzen Hass auf China zum Ausdruck - wie unmöglich sich die Chinesen aufführen, wie sie die Tibeter ökonomisch und religiös unterdrücken. Der nahm sich kein Blatt vor den Mund. Trotzdem sagte er: Die chinesischen Polizisten haben nicht geschossen am vergangenen Freitag, dem Ausbruch und vorläufigen Höhepunkt der Unruhen. Er vermutete, dass unter den Toten vor allem Chinesen waren, die in ihren Läden verbrannt sind.

Im Moment können wir einfach nicht belegen, wer für die Toten am Freitag verantwortlich ist. Auch ich hielt am Anfang die Militärpolizei für schuldig. Zumal die ganze Stadt voller Uniformierter ist, da liegt der Schluss natürlich sehr schnell nah, dass scharf geschossen wurde.

Je öfter ich aber mit Zeugen der Unruhen rede, desto unwahrscheinlicher scheint mir das und desto öfter muss ich an Aldous Huxley denken: "Die größten Triumphe der Propaganda wurden nicht durch Handeln, sondern durch Unterlassung erreicht. Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom praktischen Gesichtspunkt, ist das Verschweigen von Wahrheit"

Wenn man sich diese Schilderungen anschaut, so fragt man sich auch unwillkürlich, warum in den Medien nie das Wort Pogrom zu hören ist. Stattdessen spricht man in den Medien lieber von "anti-chinesischen" Protesten.

Angesichts dieser Vorkommnisse fällt es auch schwer, Solidarität mit den Tibetern zu empfinden. Natürlich haben die Ausschreitungen nicht den tibetischen Anspruch auf Autonomie diskreditiert. Aber mit uneingeschränkter Unterstützung können die "Free Tibet" Aktionen nicht rechnen, so lange sie sich nicht eindeutig von diesen Gewaltaktionen distanzieren.

Tibet ist nicht Myanmar und die jungen zornigen Tibeter sind nicht die friedlichen Mönche aus Yangon. Natürlich sollte China endlich den Dialog mit dem Dalai Lama eröffnen, um eine Verbesserung der Situation in Tibet für die Tibeter und die dort lebenden Han-Chinesen zu erwirken. Bei aller berechtigter Sorge um die kulturelle Identität sollte man aber auch nicht die chinesischen Menschen in Lhasa vergessen, die vom aufgebrachten Mob umgebracht wurden. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2008)

Jens Berger betreibt eines der meist gelesenen medienkritischen Weblogs im deutschen Sprachraum: spiegelfechter.com
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morales
27.03.2008 22:52

Es gibt auch "Firsthand"-Manipulation. Das sollte Ihnen als angeblicher "Medienkritiker" bewusst sein!

Die TAZ ist politisch ganz klar positioniert. Jetzt einen TAZ-Autor als Bestätigung für das KP-Regime zu nehmen, das zeugt nicht gerade von einem medienkritischen Bewusstsein, das Quellen richtig beurteilt.

Tashi Norbu
19.04.2008 14:35
Westliche Propaganda, östliche Propaganda,

das kommt dabei raus: es wird alles geglaubt und nichts! Vor allem aber wird geglaubt, was man glauben möchte. Und dass alle Tibeter für alle Tibeter sprechen, wer kann das glauben? Nachdem der Westen seit Jahrzehnten das Sprachrohr für die Tibeter gemacht hat, haben die Tibeter auch hier nichts mehr zu melden.

lewd da savage
27.03.2008 14:20
Die Medaille hat gleich ein paar Seiten

Vielleicht würde ein Vergleich zur Indischen Unabhängigsbewegung und den dazugehören Aufständen, bei denen Ghandi ähnlich wie jetzt auch der Dalai handelt(e) eher passen? Die 'jungen wilden' Tibeter handeln militant, die ältere Generation steht hinter dem Lhama und möchte gewaltfreie Aktionen sehen. Hier will wohl niemand behaupten, die Tibeter hätten's unter den Chinesen die letzten 50 Jahre leicht gehabt...

mikromaus
27.03.2008 11:32

Tibet ist wie bei den Palästinensern.
eine Wirtschaftsmacht kenbelt umschuldige Mernschen
und die Welt schaut zu, in Furcht vor wirtschaftlichen einbussen.

Ausserdem, wie verzweifelt muss man
sein das man sich mit Steinen gegen
eine übergrosse Macht anlegt?

Prostetnik Vogon Jeltz
27.03.2008 11:21
Was muss geschehen,



bis friedliche, buddhistische Tibeter die beschriebenen Dinge tun?


Jahrzehntelange "Bruderliebe" der chinesichen Staatsführung?


take responsibility
02.04.2008 16:52
ihre Zusammenfassung gefällt mir sehr gut

Angie Mueller
27.03.2008 21:35

Wer sagt, daß alle Buddhisten friedlich sind? Auch die Mongolen haben eine lange lamaistische Tradition, trotzdem stellt man sich im Westen einen Mongolen kaum anders als einen reitenden Kämpfer vor.
Manche Teile der Tibeter haben durchaus mit Mongolen vergleichbare Traditionen nomadischer Hirten.

plau graut 
28.03.2008 18:43
ein Irrtum

jagd den anderen.

Was hat es mit den reitenden Kämpfern, den "Mongolen" nun auf sich, und mit deren Buddhismus? - Wollen Sie die Güte haben, eine kurze Ausführung nachzuliefern?

edutainment
28.03.2008 13:33
Was können die für unsere westlichen Projektionen?

Der Citoyen 
27.03.2008 10:32
Mit

Am Ende des Artikels fehlt die ordentliche Verabschiedung:
"Das ZK der KPCh lässt herzlich grüßen und wird immer und überall dafür sorgen, arme und verfolgte Chinesen in China tatkräftig zu schützen".

That's it!

morales
27.03.2008 22:49

Das habe ich mir auch gedacht, als ich diesen Beitrag aus der Agitprop-Maschinerie der KP las.

Kendall Von Tharn
27.03.2008 10:23

generell wird viel falsches kolportiert. nicht nur bezüglich der ereignisse, auch hinsichtlich des dalai lama und der geschichte des gebietes.

wie oft wurde (auch im standard) geschrieben, dass er das religiöse oberhaupt tibets ist? ein populärer irrtum.

ebenso über die sogenannate abgeschottetheit tibets. dass tibet einmal von den briten besetzt war, scheint auch niemand zu wissen.

Mostbluzza
28.03.2008 08:30
britische besatzung

war ja auch sehr glorreich in china. die ursachen und folgen der opiumkriege sollten bekannt sein. ein volk mit drogen niederdröhnen ist eine beliebte strategie der usa und britanniens, siehe afghanistan, siehe vietnamkrieg.

china demokratisiert sich sehr langsam, aber der angezettelte tibet-putsch hilft da gar nix.

Roland Haidinger
29.03.2008 13:46

Inhaltlich voellig richtig kann ich da nur sagen.
Die Briten haben sehr viel verbrochen in China.
Ist zwar schon ewig her aber sollte man nicht vergessen wenn wir schon immer als Bessermenschen in Europa dastehen wollen.

si net
27.03.2008 12:11

Ich lach nur mehr
;)


Daniil Charms
26.03.2008 22:34

Weil wir es nicht sehen, ist nichts passiert. Und der autor redet mit Zeugen, die auch einer der beiden Seiten zuzurechnen sind, und entscheidet, dass die Darstellung der Tibeter nicht stimmen kann, weil er an Aldous Huxley gedacht hat.
Zwingende Logik.

DieBo
27.03.2008 09:47
Und den Aussagen von sogenannten Exil - Tibetern ist mehr Glauben zu schenken? Da fällt mir spontan der Exil- Iraker Talabani und seine Sprüche ein.

magnolia2  
26.03.2008 21:52
Das finde ich fair

Ein sehr sachliches Artikel.
Ich stimmt 100% zu, daß eine faire beurteilung über jede Sache nur mit infomationen aus dem "first hand" basieren soll.

Tetsuwan Atomu
26.03.2008 20:07
Radio Free Asia


...ist kein "amerikatreuer" Sender.

Es ist ein amerikanische nicht-kommerzieller, vom US-Kongress gegründeter und mit Steuergeldern finanzierter Sender.

Sinn und Zweck des Senders sind transparant:

Es soll Informationen im Sinne der Freiheit und Demokratie in Asien verbreiten.

Genauso, wie einst Radio Free Europe dazu diente, den Menschen in den Ostblock-Diktaturen zu informieren.

Genau das Radio Free Asia in Asien, zum Glück.

Denn von den hochwohlgeborenen "neutralen" und "sachlichen" europäischen Medien, die nur für sich selbst völlig eurozentrische Infos sammeln, können sich Asiaten, die in Diktaturen leben, nichts kaufen.

Die Botschaft der "Volksrepublik" ist über diesen Kommentar sicher erfreut.

Hanno 23
27.03.2008 11:03
Gähn.

Soviel Blödsinn in sovielen Posts.

Sie müssen ein echt fades Leben haben. Und ein zerrüttetes Weltbild mit grotesken Wertvorstellungen dazu.

HAL 2000 
27.03.2008 11:00
haha

"Es soll Informationen im Sinne der Freiheit und Demokratie in Asien verbreiten. "

So wie im Irak ?

DieBo
27.03.2008 09:51
Wenn die Sendungen auf ihrem Niveau laufen dann Prost Mahlzeit. Ich mach dort einen Ohrenstöpselfirma auf und verdiene mir eine goldene Nase.

h 90
27.03.2008 09:17

loool. Ich wollte zwar was negatives ueber Free Asia schreiben. Aber was Sie schreiben sagt eigentlich auch alles.
Ich sage nur Myanmar "Die USA marschiert ein und hilft Euch, Ihr braucht nur lange genug durchhalten"

Mostbluzza
27.03.2008 17:18
so wie bei den ungarn 1956

die warten heute noch drauf ....

si net
26.03.2008 19:54

als Kontrast der Beitrag der anderen mit "Blum" gemeinsam verwiesenen letzten 2 Journalisten:

http://tinyurl.com/2x4jbr

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