Komoren: Militär will abtrünnige Insel "befreit" haben

11. April 2008, 16:10
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Zweitgrößtes Eiland der französischen Ex-Kolonie von Rebellen besetzt - Für Afrikanistik-Professor Schicho Konflikt zwischen Separatisten und Befürwortern des kolonialen Modells

Maschinengewehrfeuer und Explosionen störten am Dienstag den Sonnenaufgang über dem indischen Ozean: 450 Soldaten der komorischen Armee landeten zusammen mit Truppen der Afrikanischen Union (AU) mit Amphienfahrzeugen auf der Insel Anjouan, „um eine seit Jahren andauernde Rebellion zu beenden“, wie BBC News meldet.

Vereinzelte Plünderungen

Laut Regierungssprecher Abdurahim Said Bacar sei die gemeinsame Landungsaktion von AU-Soldaten und Regierungstruppen sei mit Ausnahme von zwei Verletzten unblutig verlaufen. Die Bevölkerung habe positiv auf die Invasion reagiert. Vereinzelt gab es Plünderungen. Eine Übergangsregierung solle nun den Weg für Neuwahlen ebnen.

Dienstag Mittag hieß es, die Regierungstruppen hätten den Flughafen und den Hauptort der Insel unter Kontrolle, Berichte über menschliche Opfer oder Schäden an der Infrastruktur lagen zu diesem Zeitpunkt nicht vor.

Unklar ist weiter, wo sich der Anführer der Rebellen befindet. Mohamed Bacar, nicht anerkannter Präsident der Insel, soll sich mit „einigen hundert bewaffneten Polizisten“ an einem bislang unbekannten Ort verschanzt halten. In einer vom Fernsehen übertragenen Botschaft weigerte sich Bacar vor der Landung der komorischen Truppen, den Widerstand gegen die komorische Zentralmacht aufzugeben.

Präsident Ahmed Mohamed Sambi sagte in der Hauptstadt Moroni, Anjouan würde von seinen Truppen „innerhalb von Stunden oder Tagen befreit". Die Bevölkerung Anjouans feierte die Ankunft der Regierungstruppen laut einem BBC-Bericht mit Freudenkundgebungen.

Konflikt zwischen Kolonialisten und Separatisten

„Die aktuellen Ereignisse stehen in einer Tradition von Separatismus, der auf diesen Inseln schon immer ausgeprägt war“, zeigt sich Walter Schicho, Institutsvorstand und Professor für Afrikanistik an der Universität Wien, wenig überrascht. Für ihn ist der Waffengang am nördlichen Ende des strategisch bedeutsamen Kanals von Madagaskar auch ein Abbild der post-kolonialen Geschichte des Inselstaats. „Es gab und gibt immer wieder Versuche, Sezessionsansätze einzelner Inseln mit polizeilichen und militärischen Mitteln zu unterdrücken. Ein Teil der Inseln zieht eine koloniale Existenz, wie sie in der Vergangenheit gegeben war, der Unabhängigkeit vor.“

Armut

Die drei Komoren-Inseln im indischen Ozean, zwischen Madagaskar und der afrikanischen Ostküste, sind zusammen etwa so groß wie Vorarlberg. Laut CIA World Factbook leben 60% der Komorer unter der Armutsgrenze, Verkehrswege auf und zwischen den drei Hauptinseln Grande Comore, Moheli und Anjouan sind kaum ausgebaut, 20 Prozent der Bevölkerung sind nach letzten verfügbaren Angaben arbeitslos.

19 Mal putschte das Militär

Militäroperationen sind für den Großteil der 711.000 Einwohner des mehrheitlich islamischen Inselstaats alles andere als ungewöhnlich. Seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1975 putschte das Militär, das sich National Development Army nennt, 19 Mal. 1974 entschieden sich die Bewohner Mayottes, heute Außenposten der EU im indischen Ozean, per Referendum für den Verbleib im französischen Staatsverband, während im Rest der Inselgruppe mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit gestimmt wurde. Wirtschaftlich verlor der junge Staat schnell den Anschluss an das von Paris subventionierte Mayotte, was den Konflikt zwischen Separatisten und Befürwortern eines kolonialen Systems weiter anheizte. Eine weitere Folge des Wohlstandsgefälles ist der starke Zustrom komorischer Einwanderer, die nach Schätzung etwa ein Drittel der knapp 200.000 Bewohner Mayottes ausmachen.

„Der aktuelle Konflikt hat aber auch mit den regionalen politischen Strukturen zu tun“, erklärt Schicho. „Diese waren schon während der Kolonialzeit sehr kleinräumig und brachten eine Reihe von Lokalpolitikern hervor, die ihre eigenen Geschäfte machen. Das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern.“ (flon/derStandard.at/25.03.2008)

  • Schon 1997 kam es zu heftigen Gefechten um die Insel Anjouan
    foto: epa/thomas

    Schon 1997 kam es zu heftigen Gefechten um die Insel Anjouan

  • Inselgruppe zwischen Madagaskar und der ostafrikanischen Küste
    grafik: perry-castañeda library/cia

    Inselgruppe zwischen Madagaskar und der ostafrikanischen Küste

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