Algier, Karwoche, frühsommerliche Temperaturen. Gelb blühende Mimosen, wilde Orchideen, ein strahlend blauer Himmel und...
... überall Polizei. Nirgendwo habe ich so viele Polizisten gesehen wie in Algerien. Alle paar hundert Meter stehen sie in ihren taubenblauen Uniformen mit geschulterten, altertümlichen Gewehren, grinsen, winken. Vor offiziellen Gebäuden halten sie Autos an, sehen in den Kofferraum und unter die Motorhaube, ob keine Bombe drinnen ist. Auch die Balkone und Rollläden der prächtigen, aber verfallenen Kolonialbauten sind blau wie das Meer.
Auf den Straßen fast nur Männer, viele arbeitslos, in ihren Gesichtern die Schatten des letzten brutalen Bürgerkriegs. Einige wenige, meist verschleierte Frauen. Ständig Schüsse, nein, kein neuer Aufstand, nur Böller und Raketen, man feiert den Geburtstag des Propheten. Eine Gruppe junger Mädchen singt aus Solidarität die Hymne Palästinas. Und überall wird Fußball gespielt, auf Parkplätzen, Verkehrsinseln, Promenaden. In Restaurants und Kneipen hängen Mannschaftsfotos, stehen Pokale und immer wieder Zinédine Zidane, der beliebteste Exil-Algerier, der bei seinem letzten Besuch von mehr Menschen empfangen worden ist als der Präsident Amerikas.
In der demokratischen Volksrepublik Algerien, dem zweitgrößten Land Afrikas, ist man fußballverrückt. Alle wissen noch vom 0:2 gegen Österreich 1982, kennen die Torschützen Schachner und Krankl. Aber sie wissen auch vom Unspiel in Gijon, was für den mittleren der Maghrebstaaten trotz eines Sieges gegen Deutschland das Ausscheiden bei der WM in Spanien bedeutete, wofür sich Österreich nie offiziell entschuldigt hat. Ich bilde mir ein, bei dieser geschobenen Partie algerische Fans gesehen zu haben, die österreichischen und deutschen Spielern mit Kehle aufschlitzen gedroht haben.
Ob diese, im kollektiven Bewusstsein Algeriens verankerte Ungeschichte mit den entführten Österreichern zu tun hat? Ob es für die beiden Geiseln leichter wäre, wenn sich das offizielle Fußballösterreich einmal herabgelassen hätte, das Nichtspiel von Gijon zu entschuldigen? Die Botschaftsangestellten wirken abgehetzt. Mich interessiert, wie die Verhandlungen mit den Entführern ablaufen. Kommen E-Mails? Anrufe? Rauchzeichen? Oder trifft man sich in einem Fünf-Sterne-Hotel, wo man sogar Alkohol erhält, blaumachen kann? Die Leute von der Botschaft dürfen mir nichts sagen. Alles streng geheim. Nur, dass ich in ein bestimmtes, von Zidane geliebtes Lokal gehen und mich bloß nicht entführen lassen soll. Aber so blauäugig bin nicht einmal ich. (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 25. März 2008)