Proteste gegen China in Olympia

1. April 2008, 16:27
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Tibetkrise wirft ihren Schatten auf die Olympischen Spiele: eim Anzünden des Olympischen Feuers gab es erste Proteste

Peking/Athen – Der 137.000-Kilometer-Lauf nach Peking hat mit einem Zwischenfall begonnen. Als am Ostermontag im griechischen Olympia das traditionelle Feuer für die Sommerspiele entfacht wurde, sprangen drei Männer aus dem Publikum und schrieen antichinesische Parolen. Auf ihren Spruchbändern stand: "Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt." Sicherheitskräfte überwältigten die drei Männer.

"Schändlich"

Der Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang, reagierte darauf heute, Dienstag: "Jede Aktion, die darauf zielt, den Fackellauf zu stören, ist schändlich", sagte er.

Zudem forderte der er alle Staaten, durch die der Fackellauf gehen wird, auf, Vorkehrungen gegen geplante Demonstrationen zu treffen. "Die Behörden der Länder sind verpflichtet, einen reibungslosen Fackellauf zu gewährleisten." Die chinesische Staatspresse ignorierte die Störung der Zeremonie weitgehend.

Es ist etwas dazwischen gekommen

In China wurde die Übertragung aus Athen auf fünf verschiedenen Fernsehkanälen live gesendet. Hunderte Millionen Zuschauer bekamen dennoch vom Zwischenfall nichts mit, als einer der Männer während der Ansprache des chinesischen Olympiachefs und Politbüromitglied Liu Qi knapp vor das Podium des Redners gelang. Sie hörten noch die Ankündigung, dass Liu Qi jetzt sprechen werde. Dann schwenkte die Kamera auf den grünen Rasen des Geländes und verweilte dort. Als sie wieder auf Liu Qi gerichtet war, sahen und hörten sie ihn weitersprechen, ohne etwas von dem Vorfall zu erfahren.

Die Lösung dieses Rätsels: Die Zuschauer wussten nicht, dass sie die Übertragung in Wirklichkeit mit einer Verzögerung von rund 30 bis 45 Sekunden sahen, genug Zeit, die die Zensoren hatten, um statt Demonstranten das grüne Gras von Athen zu zeigen.

Aber alle Zuschauer ahnten was los war, als die Fackel an Schwimmolympiasiegerin Luo Xuejuan als erste chinesische Staffelläuferin übergeben wurde. Die Goldmedaillengewinnerin von Athen rannte in einem Pulk von Sicherheitsleuten und Sicherheitswagen, die sie so abschirmten, dass man sie zeitweilig gar nicht sehen konnte. Und Luo musste überraschend zwei Strecken laufen, weil einer der griechischen Läufer ausfiel, angeblich wegen eines Knöchelbruchs. Chinas Moderator sagte dazu nur: „Es ist etwas dazwischen gekommen.“

Fünf Jahre Haft

Nur wenige Stunden, bevor Chinas Olympische Fackel angezündet wurde, verurteilte ein Gericht in Nordostchina den Bürgerrechtsaktivisten Yang Chunlin wegen Anstiftung zu subversivem Verhalten zu fünf Jahren Haft. Yang hatte mit einer Petition unter dem Titel „ Wir wollen Menschenrechte und nicht die Olympischen Spiele“ weltweit Schlagzeilen gemacht. Das Urteil wurde am Montagnachmittag vom Mittleren Volksgericht der Stadt Jiamusi verhängt.

Yangs Schwester Yang Chunping sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass Yang sich außer kritischen Artikeln nichts hatte zuschulden kommen lassen. Sein Anwalt Li Fangping sagte, dass der Staatsanwalt Yang angeklagt habe, mit seiner Petition Chinas internationales Ansehen beschmutzt zu haben. Der 52-jährige Ex-Fabrikarbeiter Yang, der 2006 bereits mehrfach festgenommen wurde, hatte vergangenes Jahr mehr als 10.000 Unterschriften vor allem von landenteigneten Bauern für einen offenen Brief gesammelt, den er als Petition für ihre umstrittenen Bodenrechte verfasste. Yang war daraufhin im Juli festgenommen worden.

Nach Darstellung der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala sollen bei den Protesten gegen die Zentralregierung bisher rund 130 Tibeter in der Hauptstadt Lhasa und anderen Teilen der Provinz getötet worden sein. Die Proteste waren vor zwei Wochen anlässlich des Jahrestags des Aufstands der Tibeter von 1959 eskaliert. Seither gilt eine Nachrichtensperre. (Johnny Erling aus Peking/ DER STANDARD, Printausgabe 25.3.2008)

  • Es ist der
längste
Fackellauf
aller Zeiten:
97.000
Kilometer rund
um die Welt
und 40.000
Kilometer im
Gastgeberland
China. 21.000
Läufer werden
die olympische
Fackel in der
Hand haben,
doch die
meiste Zeit
fliegt sie – in
einem Airbus.
    grafik: der standard

    Es ist der längste Fackellauf aller Zeiten: 97.000 Kilometer rund um die Welt und 40.000 Kilometer im Gastgeberland China. 21.000 Läufer werden die olympische Fackel in der Hand haben, doch die meiste Zeit fliegt sie – in einem Airbus.

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