"Das Ende der Wahlfreiheit naht"

16. April 2008, 11:07
202 Postings

Das Festnetztelefon wird nicht nur von Handy und mobilem Internet kannibalisiert, es droht auch das Ende des Wettbewerbs - und damit ein neues Monopol der Telekom Austria

Wien - Die harsche EU-Kritik an der marktbeherrschenden Stellung der Telekom Austria (TA) im Festnetz ist Wasser auf die Mühlen der wenigen, zehn Jahre nach der Liberalisierung verbliebenen Festnetzanbieter in Österreich. "Der Wettbewerb im Festnetz und damit bei Breitband-Internet ist am Ende", warnt Hutchison-Chef Berthold Thoma in seiner Funktion als Präsident des Verbands Alternativer Telekomnetzbetreiber (VAT). Passiere regulierungsseitig nicht bald etwas, käme den Österreichern bei ihrem Internet-Anschluss die Wahlfreiheit abhanden.

Als Beweis führt er den jüngst veröffentlichten EU-Fortschrittsbericht an, in dem Österreich beim Zuwachs von Breitbandanschlüssen von der Spitze hinter den EU-Durchschnitt zurückgefallen ist. "Wir sind wirklich die letzten beim Zuwachs." Daher können und wollen die VAT-Branchenvertreter auch nicht verstehen, wie Telekom-Regulator RTR-Chef Georg Serentschy sagen könne, die EU-Zahlen seien nicht nachvollziehbar, weil "Kraut und Rüben".

Die trockene Replik des VAT: "Der EU-Bericht basiert auf den Zahlen des Regulators, also der RTR." Ein Beispiel, dass es anders geht: Schweden habe eine Million Festnetz-Breitband-Nutzer, obwohl eine halbe Million Laptop-Breitbandanschlüsse dazugekommen seien.

Freies Spiel der Kräfte

Als wäre der negative Befund über den Zustand des heimischen Festnetz- und Internetmarkts nicht genug, sehen Tele2, Silverserver und Co. weitere Unbilden auf die Branche zukommen. Die Regulierungsbehörde RTR will Breitband-Internet für Wiederverkäufer in Ballungsräumen nicht mehr regulieren, sondern dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Zu wessen Gunsten dieses Verfahren, bei dem VAT-Mitglieder keine Parteienstellung haben, ausgehen würde, kann sich der VAT ausmalen: Die TA würde nicht erst den Endkundenmarkt mit Kombi-Paketen aus Handy, Festnetz und Internet aufmischen, sondern über Telefonmaut und technische Ausrüstung gleich auch jenen für Vorleistungen. Das Ergebnis wären Wiederverkaufspreise für ADSL-Anschlüsse um 3,5 Euro unter dem Endkundentarif - und das Ende für die auf das TA-Leitungsnetz angewiesen Diensteanbieter. Sie wären nicht mehr konkurrenzfähig.

Die Forderung: Ballungsräume dürften keinesfalls von der Regulierung ausgenommen werden, mahnt Tele2-Chef Robert Hackl, sonst würden die Preise in ländlichen Gebieten um 20 bis 30 Prozent steigen. Wird die neue Regelung, wie befürchtet, am 14. April von der Telekom Control Komission beschlossen, müsste die TA ihren Konkurrenten keinen Zugang zum geplanten neuen Glasfasernetz (Next Generation Network, NGN) geben. Noch gibt es im TA-Budget dafür aber kein Geld.

Wohin die Reise geht, glaubt Roland Türke, Verbandssprecher der Internet Service Provider (ISPA) zu wissen: TA streife bereits 90 Prozent der Festnetz-Profite ein. Und: Die TA verwehre ihrer Konkurrenz sogar die im Zuge der Digitalisierung des TA-Netzes von den Steuerzahlern bezahlte Infrastruktur (z.B. Leerverrohrung). (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23./24.3.2008)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.