"Wir sind nie modern gewesen"

Redaktion, 23. März 2008, 19:30
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    coverfoto: harvard university press

    Bruno Latour: "We have Never Been Modern", Harvard University Press 2007, 168 S.

Auf den Spuren von Technokultur, Hybridwesen und alternativen Denkern

Die Moderne hat uns aus dem finsteren Mittelalter gerissen. Mit der Aufklärung die Spreu der Ideologie vom Weizen der Wissenschaft getrennt. Und nun behauptet der französische Wissenschaftsforscher Bruno Latour: "Wir sind nie modern gewesen"? Warum es essentialistische Dichotomien der Moderne wie jene zwischen Wissenschaft und Gesellschaft oder Technik und Kultur zu verabschieden gilt? Die Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Holas bietet Antworten.

Perspektivenwechsel: "Inmitten der Dinge"

Ein Blick in die Zeitung entfaltet ein reiches Potpourri an nicht-menschlichen Wesen, die ihren Weg tagtäglich über die "News" auf unseren Frühstückstisch finden. Nanopartikel, Gen-Sequenzen, und der Tod der CD werden beispielsweise heute serviert. Bleiben wir einmal kurz bei letzterem Thema. Feinsäuberlich vom STANDARD unter der Rubrik Kultur einsortiert, wirbelt der Text menschliche Wesen, Technik und Wirtschaft wild durcheinander. Ausgehend vom Musiker Platzgumer und seinem als MP3-Download neu aufgelegten Album "Tod der CD" entfaltet der Interview-Text ein zusammenhängendes Netzwerk aus Musikern, Käufern, Musiklabels, sowie technischen Innovationen wie Digitalisierung, MP3s und Downloadmöglichkeiten. Die dichotome Trennung von Technik und Kultur führt sich damit ad absurdum und löst sich in ein verschränktes Ganzes auf. So oder so ähnlich kann man sich ein rezentes Beispiel für die theoretischen Argumentationen in Katharina Holas' Diplomarbeit "Transmissionen zwischen Technik und Kultur" vorstellen.

Régis Debray & Bruno Latour: Zwei alternative Denker

Holas fordert neue Denkmodelle, die binäre Technik- und Kulturkonzepte hinter sich lassen und der komplexen Realität auf unserem Frühstückstisch gerecht werden. Konkret beschäftigt sie sich mit zwei französischen Philosophen, die alternative Konzepte zur Erfassung von technokulturellen Hybridwesen vorschlagen: Régis Debray und Bruno Latour. Beide Denker tummeln sich zwischen den Disziplinen und können als Grenzgänger oder vielmehr Grenzüberschreiter beschrieben werden. Gleichzeitig treffen sie sich theoretisch an einem für beide zentralen Punkt: dazwischen. Debrays medientheoretisches Konzept der "Mediologie" beschäftigt sich vornehmlich mit wechselseitigen Übertragungen zwischen Kultur und Technik. Bruno Latours „Actor-Network Theory“ hat im Kontext empirischer Forschungen ein engmaschiges Netz zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Technologie gesponnen.

Technokultur & sozio-technische Hybride

Beide Konzepte wehren sich gegen künstlich errichtete Dichotomien und rücken Verschränkungen und Übersetzungsprozesse zwischen so heterogenen "Akteuren" wie Kultur, Technik, Wissenschaft, Gesellschaft, Menschen, Materialität, Diskurs, Ideen bis hin zu geschlechtslosen Wesen wie Cyborgs ins Zentrum. Sie versuchen durch Denkwerkzeuge wie Technokultur oder sozio-technische Hybride eine Symmetrie zwischen Materialität und Kultur herzustellen. So beschäftigt sich die Mediologie zum Beispiel mit materiellen Gütern wie Denkmälern oder Medien als kulturelle Gedächtnisspeicher, die Ideologien und Religionen über Raum und Zeit hinweg verbreiten und durchsetzen. Die Actor-Network Theory hingegen beschreibt Wissenschaft als sozialen Prozess. "Erkenntnis" oder "Innovation" werden dabei als Resultat komplexer Ausverhandlungen zwischen WissenschaftlerInnen, Labortechniken, Natur, sowie politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen begriffen. Erst durch das Aufzeigen des "Eigensinns der Objekte" und deren Zusammenspiel mit menschlichen Akteuren können wissenschaftliche Kontroversen oder technische Innovationsprozesse in ihrer Komplexität begriffen werden, so das Argument.

"Wider deterministische Denkmodelle"

Mit angenehmer Leichtigkeit führt uns Holas durch die zum Teil sperrigen Theoriekonzepte. Präzise dekonstruiert sie sowohl subjektzentrierte, als auch technikdeterministische Denkmodelle, um uns den Weg aus der gescheiterten Moderne zu weisen. Was die beiden Konzepte konkret für medienwissenschaftliche Forschung jenseits von Interdisziplinarität leisten können, verbleibt allerdings etwas abstrakt. Hier hätten ein paar Anknüpfungspunkte an gesellschaftspolitische Debatten rund um neue Medien und deren kulturelle Implikationen nicht geschadet. Davon abgesehen leistet die Arbeit einen umfassenden Überblick über alternative Technik- und Kulturkonzepte und kann damit insbesondere frankophonen LeserInnen (Zitate im französischen Original) nur wärmstens empfohlen werden.

Katharina Holas' Diplomarbeit "Transmissionen zwischen Technik und Kultur. Der mediologische Ansatz Régis Debrays im Verhältnis zu Actor-Network Theorien" (2007) kann im Volltext nachgelesen werden.

Die Autorin
Katharina Holas (Jg. 1982) studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Französisch an der Universität Wien. Während ihrer Studienzeit hat sie mehrere Praktika im Kultur- und Journalismus-Bereich, sowie ein Auslandsjahr in Paris absolviert, wo sie auch für ihre Diplomarbeit recherchiert hat. Seit 2005 ist sie als Fachtutorin am Wiener Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft tätig.

Die Rezensentin
Astrid Mager (Jg. 1977) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Wissenschaftsforschung, Universität Wien. Sie schreibt ihre Dissertation über Online-Gesundheitsinformationen als sozio-technisches Ensemble, das von Webseiten Anbietern, Nutzern und technischen Elementen wie beispielsweise Links und Google gleichermaßen gestaltet wird.

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Kommentar posten
17 Postings
Nick Tameer
00
25.3.2008, 23:31
Du banaltité au schwadronage hyper-sublime ...

Le style c'est la femme oder wo kommen die kleinen Stilblüten her?

"Beide Denker tummeln sich zwischen den Disziplinen und können als Grenzgänger oder vielmehr Grenzüberschreiter beschrieben werden. Gleichzeitig treffen sie sich theoretisch an einem für beide zentralen Punkt: dazwischen."
Wie der Franzose gerne zu sagen pflegt: Il faut qu'on se laisse fondre cela sur la langue!

"Holas fordert neue Denkmodelle, die binäre Technik- und Kulturkonzepte hinter sich lassen und der komplexen Realität auf unserem Frühstückstisch gerecht werden." Wenn ich an die komplexe Realität auf meinem Frühstückstisch denke, kann ich das nur unterstützen (ich brauche immer mindestens zwei Stunden zum Aufräumen)!

Très joli, très drôle!

P1ckn1cker
00
25.3.2008, 14:14
für wen schreibt der standard?

mich würd interessieren wieviel % der leser diesen Artikel verstehen!

Abgesehen davon das ich für Potpourri und Dichotomien Wiki bemühen musste, ist mir nach einmaligem durchlesen die aussage dieses artikel noch komplett im verborgenen geblieben.

Als HTL Maturant der jetzt schon 4 Jahre berufstätig ist, und sich regelmäßig mit Medien auseinandersetzt hätte ich schon gedacht das ich zumindest alle Artikel einer Tageszeitung verstehen sollte...

Was muss man studiert haben um den Beitrag zu verstehen?

estewe
00
3.10.2008, 12:41

Soziologie könnte hierbei sicher nicht schaden...

UliSchnulli
01
25.3.2008, 16:12

ich hab ihn verstanden!!

Wazn
00
24.3.2008, 17:24
"Wir sind nie modern gewesen"

griffige Slogan braucht die PR

Trash-Flegel
00
24.3.2008, 17:21
jetzt bitte

den Kellnerpunkt

vaycha shanka
00
24.3.2008, 17:02

wir waren nie modern, aber wir modern gut.

vaycha shanka
00
24.3.2008, 16:53

schöner wortklang, "dichotomie". muss ich mal nachschlagen, es wird wohl nicht das gegenteil von "michotomie" sein ...?

MagnaMater
00
25.3.2008, 14:30

genau das hab ich mir jetzt auch gedacht... *grins*
irgendwie hab ich den artikel nicht ganz begriffen... soll ich ihn nochmal, noch langsamer lesen, oder gleich zugeben, dass ich kein philosoph bin?

Roter Baron
00
24.3.2008, 08:48
schmucker hut

freissig freissig
alle achtzig


roter baron

dreiwahlmaenner
00
23.3.2008, 23:27
lieb, da klammert sich noch wer an die postmoderne

abgesehen davon ist die textfeld-plattform aber ganz brauchbar.

übrigens, grad gesehen, wer seine bakk-arbeit/diplomarbeit/diss dort hochlädt, erhält einen facultas-büchergutschein (www.textfeld.ac.at/gutscheine/).

kcharlotte
00
"postmoderne" ...

... gegen dieses label dürften wohl debray wie auch latour was einzuwenden haben.

astrid_m
00
24.3.2008, 12:02

und woran klammerst du dich?

astrid_m
00
13.4.2008, 13:35

ja, das würde ich auch so sehen: latour hat ja bereits 1990 einen artikel mit dem titel: "Postmodern? No, simply amodern!" veröffentlicht..

dreiwahlmaenner
00
24.3.2008, 21:03

ich find den neorealismus ganz kuschelig

sehr engagiert von dir, die reaktionen auf deine rezension zu verfolgen

aceFruchtsaft
00
24.3.2008, 22:07

Würde das nicht jeder machen? ;)

thomislav
00
24.3.2008, 15:44

an den facultas-büchergutschein, was sonst? ; )

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