Gewalt, Geld, Sex: Der Markt regelt alles!?

Redaktion, 17. März 2008, 20:01
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    foto: apa/epa/sergei ilnitsky

    Beispiel für "marktwirtschaftlich" ausgetragene Konflikte mittels Gewalt: der Ismailowo-Markt in Moskau.

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    Helge Mooshammer: Auch Flohmärkte sind Gradmesser des Wandels.

Am Beispiel des berühmt-berüchtigten Arizona Market im bosnischen Distrikt Brcko lotet ein Forschungsprojekt Möglichkeiten und Grenzen der "Privatisierung" von Konflikten aus

Wien/Brcko - Gewalt, Geld, Sex. Gäbe es den Arizona-Markt nicht, man müsste ihn erfinden: als ideales Objekt zur Erforschung menschlichen Zusammenlebens; als praktisches Beispiel und zugleich als Sinnbild schlechthin für die Möglichkeiten und Grenzen des Marktes.

Jeder Markt, der an einem bestimmten Platz zu einer bestimmten Zeit entsteht und sich verändert, spiegelt die jeweilige gesellschaftliche Situation wider. Und da fließt alles hinein: soziales und kulturelles Umfeld, Geschichte, Wirtschaftsinteressen. Aber löst der Markt auch quasi von selbst alle Probleme, die er widerspiegelt? Und wenn, wie? Oder schafft er auch neue Probleme, die er dann selbst nicht mehr zu bewältigen vermag?

Diesen Fragen geht das EU-Forschungsprojekt "Networked Cultures" nach, an dem die Österreicher Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck federführend arbeiten. Mitte April werden die Ergebnisse in Buchform unter demselben Titel erscheinen. Mooshammer ist Architekt, lebt seit zehn Jahren in London und ist derzeit Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Die kulturellen Paradoxien der Gobalisierung". Mörtenböck ist Universitätsprofessor für Visuelle Kultur an der TU Wien.

Mooshammer hat sich drei Märkte ausgesucht: den Ismailowo-Markt in Moskau, einen Straßenmarkt im Istanbuler Stadtteil Topkapi - und eben den Arizona-Markt nahe der nordostbosnischen Stadt Brcko. Dieser ist ein Produkt des Bosnienkriegs (siehe Karte und Wissen).

Die 2500 Standplätze auf rund 40 Hektar Fläche werden jährlich von drei Millionen Menschen besucht, die hier fast alles erwerben können, was käuflich ist. Geschätzte 100.000 Menschen leben direkt oder indirekt vom Markt, manche blendend, viele ganz gut, manche mehr schlecht als recht. "Für die einen ist er ein Modell für multiethnische Gemeinschaft, für andere die größte Open-Air-Shoppingmall auf dem Balkan, für dritte wiederum die Hölle auf Erden", sagt Mooshammer.

Der Raum Brcko war wegen seiner strategischen Lage an einer wichtigen Nord-Süd-Route besonders umkämpft zwischen serbischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Einheiten. Nach dem Friedensschluss von Dayton 1995 wurde am Schnittpunkt der drei ethnischen Gruppen ein Checkpoint der internationalen Friedenstruppe eingerichtet. Das dort stationierte US-Kontingent nannte ihn entsprechend seinem Gebietscode Arizona.

Wegen der räumlichen Nähe der drei Siedlungsgebiete wurde der Checkpoint schnell zum Treffpunkt und Umschlagplatz für Waren und Nachrichten. Um ein Signal für interethnische Versöhnung zu setzen, errichtete die lokale Kommandantur 1996 eine Freihandelszone. Daraufhin begannen sich Händler mit ihren Familien anzusiedeln - Beginn eines "selbstorganisierten Urbanisierungsprozesses" (Mooshammer).

Aber die hoffnungsvollen Ansätze entwickelten sich in eine Richtung, die von der internationalen Gemeinschaft so unerwünscht wie mitverschuldet war: Das wahre Geschäft wurde schon bald mit Prostitution und Menschenhandel gemacht. Den Markt dafür lieferten die 30.000 Mann der Bosnien-Friedenstruppe großteils selbst. Nach Schätzungen wurden bis 2001 zwischen 5000 und 20.000 Frauen durch den Raum Brcko geschleust.

Dass der Markt dieses Problem auf eine mit Menschenrechten und Menschenwürde vereinbare Art lösen würde, war auszuschließen. Die Situation wurde untragbar. Im Herbst 2000 verkündete die internationale Gemeinschaft ein Maßnahmenpaket zur Beendigung der illegalen Aktivitäten: Abtragen des bestehenden Marktes, Ausschreibung eines Masterplans zur Wiedererrichtung auf dem Feld daneben.

Forcierte Globalisierung

Den Zuschlag erhielt ein italienisch-bosnisch-serbisches Konsortium namens ItalProject. Es baute die neuen Markthallen, für die es laut Vertrag 17 Jahre Mieten kassieren kann, es regelt die Öffnungszeiten und betreibt einen privaten Sicherheitsdienst. Und gegenüber lässt ItalProject die "Trade City of China" entstehen - Ausdruck forcierter Globalisierung: Ein Themen-Shoppingcenter soll über hundert Geschäfte beherbergen, die ihre Waren direkt aus China beziehen und an Einzel- und Großhändler weiterverkaufen.

Rund um die Shoppingmall wächst eine Stadt. Aber die Hoffnung, dass sie ein Modell für selbstorganisierte Urbanisierung werden könnte, hat sich zumindest bisher nicht erfüllt. Mooshammer spricht von einer "Privatisierung des öffentlichen Raumes". Eine Demonstration auf dem Marktgelände etwa würden die Betreiber nicht zulassen. Für besonders problematisch hält es der Forscher, dass die Hintermänner des Konsortiums nicht bekannt sind.

Andererseits wird die stabilisierende Kombination von Konsortium und internationaler Oberaufsicht, unter der der Brcko-Distrikt nach wie vor steht, im Vergleich zum Moskauer Ismailowo-Markt deutlich: Denn dort, so Mooshammer, "werden Streitfälle mit Gewalt ausgetragen."

Generell sind Märkte Gradmesser für gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Dabei erfüllen sie auch "eine gesellschaftliche Ausgleichsfunktion, in der der Einzelne überlebt", sagt Mooshammer. Beispiele dafür seien unsere Flohmärkte, die Immigranten mit Unterstützung ihrer jeweiligen kulturellen Netzwerke ein Einkommen sichern. Das Immigrationsproblem insgesamt lösen können sie freilich nicht. Denn derartige Konflikte signalisieren einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Und den kann man nicht privatisieren. Oder, um es mit einem Lieblingsbegriff der Rationalisierer zu formulieren: outsourcen. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2008)

Kommentar posten
11 Postings
.581
13
31.3.2008, 11:19
Strategisch günstig

liegt Brcko ja, man muß es zugeben. Es teilt die RS in zwei Teile und die UN schafft neue Bevölkerungsmehrheiten, damit die Teilung permanent werden kann.

MarioV
00
18.3.2008, 08:31

Ein guter Platz um das soziale und asoziale Verhalten der Menschen und die daraus folgenden Wechselwirkungen zu studieren ist:
Ein Wiener Waschsalon

Das wäre eine echte Goldgrube für Soziologen

Ava Tar
13
18.3.2008, 16:30

oder das Arigona-Forum hier auf standard.at

Molto Bene
02
18.3.2008, 11:36

Oft reicht aber auch schon die U-Bahn bzw. die Straßenbahn. Ich habe schon in einigen Ländern und Großstädten gelebt, aber nur in Wien scheinen Menschen nicht zu begreifen, dass es für alle leichter ist (abgesehen davon dass es auch höflicher ist) zuerst Leute aussteigen zu lassen, und erst dann einzusteigen. Aber nein, der Wiener/die Wienerin steigt direkt gegen den Aussteigenden ein, schiebt, drängt...dabei könnte es so einfach sein..:-)

Ich lasse mir gerne vorwerfen dass ich das Thema verfehlt habe, im Artikel geht es wirklich um was Anderes :-)

Super-Zyniker
10
20.3.2008, 14:11

@Molto Bene

Du hast aber ein wichtiges Detail zu erwähnen vergessen:
Nämlich diejenigen, die bis zur letzten Mikrosekunde sitzen müssen und sich erst dann plötzlich erheben und zu den Türen eilen, wenn alle Anderen bereits ausgestiegen sind und die ersten einsteigen wollen.
Möchte aber klarstellen, daß meine Kritik NICHT Behinderten oder Gebrechlichen gilt, bei welchen man dies verstehen könnte.
Wie heißt es aber so treffend: "Wien ist anders." - Leider jedoch fast ausschließlich im negativen Sinn.

solandre
 
02
19.3.2008, 15:57

das ist der ur quatsch. die wiener wissen das sehr wohl. ich lebe und fahr hier ubahn seit jahrzehnten.

es tut mir leid, aber gerade touristen sind mir in diesem punkt schon mehrmals negativ aufgefallen. ich konnte einfach nur den kopf schütteln als eine dame, welche den fahrgästen, welche aussteigen wollten, verärgert dreinschauend den weg versperrte, dann, als sie doch drinnen angekommen war, entrüstet zu ihrem begleiter sagte:"they wouldn't let us in?!" also echt - lach.

ich glaub die ubahnbenutzenden wiener wissen schon wie das geht.

MarioV
00
18.3.2008, 15:08

[...<]scheinen Menschen nicht zu begreifen, dass es für alle leichter ist (abgesehen davon dass es auch höflicher ist) zuerst Leute aussteigen zu lassen[>...]
Aber wer zu den Stoßzeiten U6 fährt, der lernt bald das der Höfliche vor der Tür bleibt.

solandre
 
01
19.3.2008, 15:59

buhuuuu, mich hat wer berührt! aber ich sag ihm nicht, dass mich das stört, sondern fress den ärger in mich hinein! und dann muss ich mich wegen diesen personen auch noch daheim weiterärgern, obwohl er sich eigentlich ärgern sollte! aber zum glück gibts das standard forum! buhuuuuuuhuhuhuhuhuh

Max Mustermann
01
23.7.2008, 21:32

einmal in indien busfahren und man ist geheilt ;-)

Molto Bene
00
18.3.2008, 15:26

...genau das meine ich ja! :-))) ...Aber wir haben hier voll das Thema verfehlt! :-) 'Tschuldigung! :-)

verleih nix
00
18.3.2008, 10:32
geh bitte,

sogar oberklischeetante spira war schon dort

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