Die große lllusion eines Aufklärers

13. März 2008, 19:11
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Karl Marx - Stationen seines Lebenswegs

Wenn jemand eine große Erzählung schreibt, geht das häufig auf Kosten des eigenen Lebens. Karl Marx ist dafür ein gutes Beispiel. Er verbrachte einen wesentlichen Teil seiner späteren Jahre im Lesesaal des British Museum in London, um aus umfangreichen Exzerpten dem Kapitalismus sein Schicksal vorzuschreiben: Das Kapital blieb unvollendet, der Kommunismus kam anders, als Marx ihn sich vorgestellt hatte.

Viele sehen in ihm den tragischen Vollender des (scheiternden) Projekts der Aufklärung: Er wurde 1818 in Trier als Sohn jüdischer, wenig später zum Protestantismus konvertierter Eltern geboren und verbrachte seine prägenden Jahre in einer Stimmung des Auf- und Umbruchs, die in der (scheiternden) bürgerlichen Revolution von 1848 einen Ausdruck fand. Marx konnte während seines Studiums in Berlin noch den entschiedensten Vertreter einer idealistischen Geschichtsphilosophie hören: Für Hegel war das Weltgeschehen ein Ausdruck der Vernunft.

Diesen intellektuellen Optimismus wollte Marx mit dem wirklichen Leben verbinden. So kam er zuerst auf die Naturphilosophie, das Thema seiner philosophischen Dissertation, die er in Jena einreichen musste. Weil es in Preußen mit einer Hochschullaufbahn nichts wurde, ging Marx nach Köln und wurde Journalist. 1843 wurde die liberale Rheinische Zeitung verboten, deren Chefredakteur er für eine Weile gewesen war. In diese Zeit fiel seine Heirat mit Jenny von Westphalen, mit der er sieben Kinder haben sollte, von denen vier in jungen Jahren starben.

Heine, Bakunin und Engels

Das Paar übersiedelte nach Paris, dort ergab sich eine Bekanntschaft mit Heinrich Heine, aber auch mit Emigranten aus Russland wie Michail Bakunin. Das ganze 19. Jahrhundert in Europa war von sozialen Fragen bestimmt - die autoritären Kräfte führten Rückzugsgefechte, die Revolutionäre überwarfen sich ständig in neuen Fraktionierungen. Marx, der in Paris seine Theorie der Entfremdung entwickelte, stand im Zentrum zahlreicher Mobilisierungsversuche.

1847 gründete er in Brüssel mit Friedrich Engels den Deutschen Arbeiterverein und schrieb den maßgeblichen Anteil am Manifest der Kommunistischen Partei. 1848 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde aber bald wieder ausgewiesen. In London fand er seinen letzten Wohnsitz. 1867 erschien der erste Band von Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 1875 vereinigten sich mehrere Parteien zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, was Marx zu einer Kritik des Gothaer Programms provozierte.

1883 starb er in London, er ist auf dem Highgate Cemetery begraben. Aus seiner Idee vom Kommunismus entstanden der Bolschewismus und andere Varianten der praktischen Umsetzung jener Kritik an einer Wirtschaftsordnung, auf deren Analyse Marx den größten Teil seines Lebens verwendet hatte. Der Rest, die große Erzählung von der Überwindung des Kapitalismus, war "Illusion", wie François Furet unter Anspielung auf Freud schreibt. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2008)

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    illustration: rowohlt verlag
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