"Horton hört ein Hu!": Ich seh' etwas, was du nicht siehst

8. April 2008, 13:39
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"Horton hört ein Hu!", ein formidabler Animationsfilm von Jimmy Hayward und Steve Martino nach dem Buch von Dr. Seuss

Fantasie und Anarchie liegen für manche zu nahe beisammen: Ob man Kinder allerdings vor Einfallsreichtum und vermeintlichen Hirngespinsten schützen muss, das darf aktuell im Kino mit Dr. Seuss' formidabler Erfindung "Horton hört ein Hu!" bezweifelt werden.


Wien - "Ihre Welt passt in meiner Welt auf ein Staubkorn." Diese Aussage muss man erst einmal verdauen. Und dabei ist sie nicht einmal symbolisch zu verstehen, sondern wörtlich zu nehmen: Das goldgelbe Staubkorn, auf dem ein ganzer Kleinstaat namens Whoville Platz hat, hat sich am zersausten zartrosa Kopf einer Kleeblume verfangen. Für den Bürgermeister von Whoville klingt die Enthüllung dieses Umstands zunächst genau so befremdlich wie für den Elefanten mit dem feinen Gehör, der dessen zarte Stimme zuerst vernommen hat.

"Horton hört ein Hu!" / "Horton Hears A Who!" heißt der Animationsfilm nach dem gleichnamigen Kinderbuch, das Theodor Seuss Geisel alias Dr. Seuss (1904-1991) erstmals 1954 veröffentlichte. Der Mann, der in US-amerikanischen Kinderzimmern so präsent ist wie hierzulande Janosch, Otfried Preußler oder Astrid Lindgren, hatte den liebenswürdigen Elefanten Horton zuvor bereits erfolgreich ein Vogelei hüten und ausbrüten lassen ("Horton Hatches The Egg", 1940). Wer wäre also besser geeignet, nun das mikroskopisch kleine Whoville und seine Bewohner vor Ungemach zu beschützen.

Der gutmütige Horton nimmt seine Aufgabe nämlich ernst: Es gilt, die Blume samt Staubkorn in Verwahrung zu nehmen und an einen sicheren Ort zu bringen. Während sich der Elefant aber noch mit dem Queren einer fragilen Hängebrücke abmüht, drohen schon ganz andere Gefahren.

Denn Hortons Beharren darauf, etwas zu sehen, das "nicht da" ist, stößt bald auf offene Feindseligkeit, der graue Riese sieht alle Dschungelbewohner gegen sich aufgebracht: Anarchie sei nicht mehr weit, wo einer unbedingt darauf beharre, dass da "Leben auf dem Staubkorn" sei.

Nach einer Reihe von Spielfilmadaptionen ("How The Grinch Stole Christmas", "The Cat in The Hat") haben sich nun wieder die Animateure eines Dr.-Seuss-Buches angenommen. Regisseur Jimmy Hayward war früher bei Pixar tätig, sein Co-Regisseur Steve Martino werkte zuvor unter anderem an "Monty-Python"-Kinofilmen, zahlreiche Mitarbeiter haben schon die urzeitliche Menagerie der ebenfalls von Centfox ins Trickfilmrennen geschickten "Ice-Age"-Filme zum Leben erweckt.

Hortons Mäusefreund Morton erinnert also nicht zufällig an das von dort bekannte nervöse Nagetierchen auf Futterjagd. Das Äußere der kleinen Hus hingegen lässt leider eher an jenen beflorten Kunststoff denken, aus dem man dereinst Wackeldackel für Autoablagen und ähnlich trauriges, hohles Spielzeug fabrizierte. Auch die Pastelldschungelwelt ist gewöhnungsbedürftig. Dafür wird man punktuell mit atemberaubenden Anblicken wie dichtem Kleeblütengestöber in Zeitlupe, mit Manga-Zitaten oder mit allerhand fein angebrachten visuellen Details entschädigt.

Am weitesten trägt aber ohnehin die humanistische Botschaft des guten Doktors, der nichts so wenig leiden kann wie Erwachsenenkardinaltugenden, die alleine zur Ordnung, zur Vernunft und zum Gehorsam rufen: Den Allerkleinsten gelingt hier mit ihrem lärmenden "Wir sind hier! Wir sind hier!"-Chorus nicht nur, den riesengroßen Zweiflern in der Über-Welt ihre Existenz zu beweisen und einem entfesselten Mob dort oben Einhalt zu gebieten.

Genau so wichtig ist, dass sie dabei sich selbst als eine vereinte positive Kraft erfahren. Eine schönere Erkenntnis ist dem Nachwuchspublikum wohl kaum anzuraten. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.3.2008)

  • Ist da Leben auf dem Staubkorn? "Horton hört ein Hu" und muss fortan einen Kleinstaat hüten.
    foto: centfox

    Ist da Leben auf dem Staubkorn? "Horton hört ein Hu" und muss fortan einen Kleinstaat hüten.

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