Österreicher fühlen sich heute als Nation

  • 1918, 1938, 2008: Geschichte im Spiegel der Forschungs- ergebnisse von GfK Austria
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70 Jahre nach dem "Anschluss" stellen nur mehr sieben Prozent die österreichische Nation in Frage - 1956 waren es noch 47 Prozent

Wien - Dass es eine eigenständige österreichische Nation gibt, davon ist die heimische Bevölkerung 70 Jahre nach dem "Anschluss" zum überwiegenden Teil überzeugt. 82 Prozent der Befragten sehen die Österreicher als eigene Nation, sagt Peter Ulram vom Meinungsforschungsinstitut Fessel-Gfk. Nur sieben Prozent lehnen sie ab. Ein deutlicher Kontrast sowohl zur Ersten Republik (die ja schon im Namen "Deutsch Österreich" ihre Zugehörigkeit zur deutschen Nation ausdrückte) als auch zur Nachkriegszeit.

Gut zwei Drittel der Befragten gaben übrigens auch an, dass der "Anschluss" vermeidbar gewesen wäre, wenn alle politischen Kräfte vereint gegen Hitler und den Nationalsozialismus gekämpft hätten. Etwa ebenso viele meinten, dass der "Anschluss" keine politische und wirtschaftliche Notwendigkeit gewesen sei bzw. dass er keine natürliche Verbindung mit dem deutschen Volk darstellte.

Unsicherheit nach dem Krieg

Erstmals erhoben wurde das Nationalbewusstsein der Österreicher 1956. Damals hielten sich Zustimmung und Ablehnung zur österreichischen Nation noch annähernd die Waage: 49 Prozent bejahten die Frage nach ihrer Existenz, 47 Prozent verneinten sie (der Rest machte keine Angabe). Für Ulram ist das Ausdruck der großen Unsicherheit des Nachkriegsjahrzehnts - etwa durch die Besatzung, die ungewisse wirtschaftliche Entwicklung und die negativen Erfahrungen aus der Ersten Republik.

Schon deutlich anders das Ergebnis 1964, bei leicht veränderter Fragestellung: Zwar sah immer noch weniger als die Hälfte (47 Prozent) die Österreicher als Nation, aber nur 15 Prozent lehnten den Gedanken ab und etwa ein Viertel (23 Prozent) gab an, sie "beginnen sich als Nation zu fühlen". In den 70er Jahren stieg das Nationalbewusstsein stark an - auf durchschnittlich 64 Prozent, zehn Prozent verneinten es und 16 Prozent sahen es in Entwicklung.

"Konsolidierungsphase" in den 60ern und 70ern

Ulram sieht die 60er und 70er Jahre daher als "Konsolidierungsphase". "Da haben Sie schon die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik, das Verschwinden der deutschnationalen Frage", sagt der Meinungsforscher. Ab den 80er Jahren sei der Deutschnationalismus dann "eigentlich kein Thema mehr": 74 Prozent sehen die Österreicher als eigene Nation, nur sieben Prozent verneinen das und 17 Prozent sprechen von einer Entwicklung in Richtung Nationalbewusstsein.

In den 90er Jahren verstärkt sich der Trend: 78 Prozent bejahen die Frage nach einer österreichischen Nation, nur fünf Prozent verneinen sie, 14 Prozent sehen eine Entwicklung zur Nation. Praktisch unverändert die Situation 2000 bis 2005 (78 Prozent ja, fünf Prozent nein, 15 Prozent in Entwicklung). Die aktuellsten Zahlen stammen aus 2007. Demnach sprechen 82 Prozent von einer österreichischen Nation, sieben Prozent lehnen sie ab, acht Prozent sehen eine Entwicklung in diese Richtung.

"Genuiner österreichischer Chauvinismus"

Interessant ist für Ulram, dass selbst unter den Anhängern des traditionell deutschnationalen "Dritten Lagers" (FPÖ und BZÖ) nur noch eine "kleine Minderheit" von 17 Prozent die österreichische Nation infrage stellt. Keine Auswirkung hatte aus seiner Sicht die Waldheim-Affäre. Zwar habe es hier durchaus aggressive Reaktionen in Österreich gegeben, die hätten aber keinen deutschnationalen Hintergrund gehabt, betont Ulram. "Das war schon genuiner österreichischer Chauvinismus." (APA/red)

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