Wirbeln im Wirtschaftswunder

25. April 2008, 11:15
posten

Bulgarien erlebt einen rasanten Wirtschaftsboom, doch nicht nur die Löhne, auch die Preise schnellen in die Höhe, im öffentlichen Sektor tut der Wandel weh

Sofia/Wien - In Bulgarien kann man zurzeit als Bauarbeiter reich werden, als Lehrer hingegen läuft man Gefahr, völlig zu verarmen. Während viele Firmen dringend Facharbeiter suchen und bereit sind, Löhne wie in Westeuropa zu zahlen, muss ein Professor mit etwa 160 Euro auskommen.

Die Regierung in Sofia erwägt nun sogar die Einführung einer "Green Card", um ethnische Bulgaren aus anderen osteuropäischen Ländern als Arbeitskräfte ins Land zu holen. Wenn es nach Außenminister Iwaljo Kalfin geht, dann sollen den Ausländern Ausweise ausgestellt werden, die den bulgarischen Personalausweisen ähnlich sind. Damit sollen sie ohne Visum und Arbeitserlaubnis in Bulgarien arbeiten können. Viele Mazedonier haben bereits einen bulgarischen Pass.

Bulgarien gilt spätestens seit dem EU-Beitritt 2007 als makroökonomisches Wunderkind. Das Wirtschaftswachstum lag 2007 bei 6,3 Prozent. "Durchschnittlich sind die Einkommen um 20 Prozent gestiegen", sagt der Ökonom Alexander Stoyanov vom Forschungsinstitut Vitosha in Sofia zum Standard. Auch die Pensionisten hätten mehr Geld zur Verfügung. "Es gibt keinen Teil der Gesellschaft, der nicht profitiert hat." Doch auch die Preise sind so hoch wie noch nie. "Die Kosten für Konsumgüter, Essen, Energie und Elektrizität sind gestiegen", so Stoyanov. Die Lebensmittel verteuerten sich von 2006 auf 2007 um sieben Prozent. Die Bulgaren verwenden nun ein Drittel ihrer Einkommen für Nahrungsmittel.

Spekulationsblase

Aber auch die Ausgaben fürs Wohnen stiegen um etwa zwölf Prozent. Der Immobilienagentur Orvitex zufolge zogen die Immobilienpreise zwischen 2004 und 2007 sogar um 300 Prozent an. Zurzeit stünden mehr als 25 Prozent der Mietwohnungen leer. Nun erwarten Ökonomen, dass die Spekulationsblase im Immobilienbereich platzt und die Wohnungspreise wieder sinken. Aber so weit ist es noch nicht. Vor allem Bedienstete im öffentlichen Sektor können mit den Lebenskosten nicht mehr mithalten. Krankenschwestern mit einem Durchschnittsgehalt von 128 Euro in Bulgarien verließen scharenweise das Land, um etwa in Spanien zu arbeiten. Laut dem Institut für Sozialforschung der Konföderation der Unabhängigen Syndikate in Bulgarien (KNSB) braucht man für ein "normales Leben" in Bulgarien etwa 220 Euro pro Person. Und obwohl die Arbeitslosenquote bei nur 6,9 Prozent liegt, ist das Lohnniveau in Bulgarien im EU-Vergleich nach wie vor das niedrigste.

Vor einem Jahr lebten fast 40 Prozent der Bulgaren unter dem Existenzminimum. Auch die beiden größten Gewerkschaften Bulgariens, die Podkrepa - zu Deutsch "Unterstützung" -, und die KNSB forderten vergangenen Sommer eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns von 92 auf 123 Euro. Im Juli gingen dann Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter, die Mitarbeiter der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und sogar die Förster auf die Straße: Sie folgten dem erfolgreichen Beispiel der Busfahrer, die mit Streikdrohungen Lohnerhöhungen durchgesetzt hatten.

Geld für gute Noten

Die Lehrer des französischsprachigen Gymnasiums in Sofia gaben sogar allen Schülern in sämtlichen Fächern die besten Noten und wollten damit den Staat dazu zwingen, endlich Geld lockerzumachen und das für ausgezeichnete Schüler vorgesehene "Stipendium" in Höhe von elf Euro zu bezahlen. Zuletzt hatten die bulgarischen Schüler vor 70 Jahren zur Geburt des damaligen Thronfolgers Simeon Sakskoburggotski bessere Noten bekommen.

Die Pensionen im Staatsbereich wurden schließlich nach den Protesten erhöht: um zehn Prozent statt wie geplant um 8,5 Prozent. Die Regierung hatte unter anderem gezögert, weil Bulgarien sich nach der Wirtschaftskrise 1996 durch eine Auflage des Währungsfonds dazu verpflichtet hatte, die Aufwendung für öffentliche Institutionen auf 40 Prozent zu beschränken. Die Streikwelle hatte aber auch den positiven Effekt, dass in Bulgarien eine Debatte über die Auswirkungen des rasanten gesellschaftlichen Wandels ausbrach. "Die grundlegenden Probleme in den Bereichen Bildung und Gesundheit werden nun diskutiert", so Stoyanov. "In diesen Sektoren wird es zu vielen Reformen kommen müssen."

Sorge bereitet etwa, dass sich nur noch die Geldeliten eine gute Ausbildung leisten können und die öffentlichen Bildungsangebote an Qualität verlieren. Auch die Sozialversicherungssysteme sind gefährdet, es fehlt zunehmend an Einnahmen. Ein Grund dafür ist, dass die Schattenwirtschaft auf ein Drittel der Gesamtwirtschaft angewachsen ist. Dem Staat entgehen dadurch jährlich etwa 511 Millionen Euro. Mit Anfang 2008 wurde zudem eine Flat Tax von zehn Prozent eingeführt. Profitieren dürften davon Großverdiener. Der Staat versucht sich über die Verdoppelung der Immobiliensteuer Geld hereinzuholen.

Hohe Inflationsrate

Außerdem wurde bisher zu wenig in Technologie investiert, also die Nachhaltigkeit des Wirtschaftsboom zu wenig gefördert. Die Inflationsrate schnellte im Vorjahr auf 12,5 Prozent. Und das Außenhandelsdefizit wird größer. Dennoch ist Stoyanov nach dem ersten Jahr EU-Mitgliedschaft sehr optimistisch: "Die Gesellschaft wird rationaler", sagt er. Und dadurch wachse der Druck auf die Politik, mehr Transparenz zu schaffen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schlafen im Freien: In den Rhodopen werden alte Hochzeitsbräuche mit neuen Konsumgütern gepflegt. Im Dorf Ribnovo leben slawische Muslime, Pomaken genannt.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.