Kritik von Politikern und Historikern an Otto Habsburgs absurden Theorien zum "Anschluss" 1938 fiel insgesamt verhalten aus
Wien - Die Kritik an Otto Habsburgs absurden Theorien zum "Anschluss" 1938 ("kein Staat war größeres Opfer als Österreich") fiel insgesamt verhalten aus. Aus der SPÖ wurden Stimmen aus der zweiten Reihe laut, die Dritte Nationalratspräsidentin Eva Glawischnig forderte Vizekanzler Molterer auf, sich von Habsburg zu distanzieren.
In der ÖVP reagierte man ebenfalls zurückhaltend, wohl weil sich Wolfgang Schüssel gezwungen sah, Habsburg unmittelbar danach zu korrigieren ("Es gab auch hausgemachte Fehler, auch Österreicher waren Täter"). Michael Spindelegger, der zweite Nationalratspräsident, der vorher die Einladung Habsburgs ausdrücklich begrüßt hatte, sagte zur Kritik der grünen Dritten Nationalratspräsidentin Eva Glawischnig: "Sie pickt sich einzelne Aussagen eines einzigen Referenten heraus und erwähnt nicht, dass es - neben den drei aktiven Politikern - insgesamt fünf Referenten gegeben hat." Mit Habsburg- oder Schuschnigg-Nostalgie habe das wirklich nichts zu tun (geladen war außerdem noch der Neffe des letzten Kanzlers vor dem Einmarsch, Schuschnigg).
Habsburg hatte in seinem vielbeklatschten Referat Österreich als reines Opfer dargestellt, die Mitverantwortung von Österreichern zurückgewiesen und die 250.000 jubelnden Nazis auf dem Heldenplatz mit den Besuchern eines Fußballmatches verglichen.
Unter Historikern und auch in der öffentlichen Debatte herrscht schon länger weitgehende Einigkeit, dass Österreich als Staat zwar Opfer einer Aggression wurde, aber sehr viele Österreicher auch schon vor und während des "Anschlusses" als Täter auftraten. Der Zeitgeschichtler Gerhard Botz (sein Standardwerk "Nationalsozialismus in Wien" wird soeben neu aufgelegt) sagt dazu: "Ich bedauere, dass Otto Habsburg durch diese absurde Neuauflage der Opferthese seine Verdienste zerstört - er hat immerhin 1938 mutig gegen den Anschluss protestiert."
Längst widerlegt
Die Opferthese sei längst widerlegt: "Es besteht wenig Unterschied zwischen Deutschland und Österreich in Bezug auf die Involvierung der Österreicher in den Nationalsozialismus. Der Staat ist nur bei Hegel ein Akteur der Weltgeschichte, in Wirklichkeit wird der Staat von Menschen getragen. Die Österreicher haben aus dem zugegeben geringen Spielraum, den sie hatten, nichts gemacht und deshalb ist der Staat dem Nazismus zum Opfer gefallen, obwohl sich viele gewehrt haben."
Der Historiker Stefan Karner, der die Gedenkveranstaltung mitgeplant hatte und auch im Publikum saß, wollte sich im Gespräch mit dem Standard nicht zu Habsburgs Thesen äußern. Teilnehmer der Veranstaltung berichten allerdings, dass sich Karner nachher kritisch geäußert habe ("historisch einfach nicht richtig") und nur mit Hinweis auf das hohe Alter Habsburgs öffentlich nichts Negatives sagen wolle. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2008)