Das Leben im Osten des Tschad ist gefährlicher denn je: Helfer bezweifeln, dass die EU-Friedenstruppe Eufor viel ausrichten können wird
Das Leben im Osten des Tschad ist gefährlicher denn je. Helfer vor Ort bezweifeln, dass die Soldaten der EU-Friedenstruppe Eufor viel ausrichten können. Hunderttausende Flüchtlinge müssen womöglich dort bleiben.
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Die Lehmhütte von Urban Britzius liegt so weit ab vom Schuss, dass er manches gar nicht mitbekommt. Etwa als das Dorf Iriba im Nordosten des Tschad, wo er seit fast drei Jahren lebt, von Rebellen eingenommen wurde. "Das habe ich erst im Radio erfahren", berichtet der ergraute deutsche Wasserbauingenieur, der ein weites tschadisches Gewand trägt. Schließlich steigen die Temperaturen in Iriba derzeit auch mal über 50 Grad im Schatten.
Früher war Iriba ein Marktflecken für den Handel mit dem Sudan, die Grenze ins westsudanesische Darfur liegt nur knapp 60 Kilometer entfernt. Doch seit Ausbruch der Darfur-Krise vor fünf Jahren ist Iriba vor allem ein wichtiger Ausgangspunkt für die Versorgung von Flüchtlingen in drei nahen Lagern. Britzius etwa versorgt im Auftrag der Hilfsgruppe Help 16.000 Menschen mit Wasser. Insgesamt leben mehr als 250.000 Darfur-Flüchtlinge im unwirtlichen Osten des Tschad, dazu kommen mindestens 180.000 intern Vertriebene.
Ein Polizist, viele Rebellen
Durch das grenznahe Iriba jagen seit neuestem außer Darfur-Rebellen und verfeindete Milizen auch tschadische Rebellen, die gegen die Regierung von Präsident Idriss Déby kämpfen. "Da braust irgendein Konvoi durch, und hinterher erzählt mir einer: Das war die oder jene Gruppe. Aber wirkliche Bedeutung für uns hier hat das nicht." Dass das Leben in Iriba derzeit dennoch gefährlicher ist denn je, erklärt Britzius so: "Als Vertreter des Staates haben wir hier gerade mal einen Polizisten mit fünf Handlangern."
Als etwa die Rebellen nach Iriba kamen, flohen die sechs in den Busch - die Stadt war in Rebellenhand. Als die Rebellen zum Sturm auf N'Djamena weiterzogen, kamen die sechs zurück: Die Stadt war wieder in Regierungshand. So, sagt Britzius, ist es fast überall im Osten des Tschad. "Es gibt hier einfach keinen Staat." Mehr als 40 Autos sind alleine in Iriba in den vergangenen Monaten gestohlen worden, ohne dass jemand die Täter verfolgt hätte.
Ob die Eufor-Soldaten, die im Laufe der Woche in den Osten des Tschad verlegt werden sollen, an der Lage in Iriba etwas ändern können, ist ungewiss. Zu groß ist der Osten des Tschad, zu festgelegt das Mandat. "Gegen die Rebellen, die im Februar N'Djamena gestürmt haben, hätten wir nichts unternommen", gesteht Eufor-Sprecher Patrick Poulain ein.
Freilich: Von der Basis der Operation im gut 200 Kilometer entfernten Abéché aus wird Eufor auch Patrouillen nach Iriba und in die Umgegend schicken. Ziel ist es, dass die aus ihren Dörfern vertriebenen Tschader früher oder später wieder nach Hause zurückkehren.
Doch Maurizio Giuliano von der UN-Koordination für humanitäre Hilfe im Tschad glaubt nicht daran. "Die zunehmende Gewalt in der Region macht es eher fraglich, ob die Menschen jemals zurückkehren werden." Was als Lager begann, könnte vielerorts schon bald eine feste Siedlung sein.
Wie gefährlich der Osten des Tschad ist, weiß die Eufor-Truppe nicht erst seit dem Tod des Soldaten Gilles Polin, der vor einer Woche von sudanesischen Soldaten erschossen wurde, nachdem er die Grenze nach Darfur überquert hatte. "Da gibt es keine Grenzzäune, es kann passieren, dass man sich verfährt", sagt Poulain. Doch für die sudanesische Regierung, die Angst vor einer internationalen Einmischung in den Darfur-Konflikt hat, war der Übertritt Polins der erste Beleg für illegale Spionage im Rahmen der Eufor-Mission. (Marc Engelhardt aus Iriba/DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2008)