"Was sollen wir tun, zu Hause bleiben?"

9. April 2008, 10:51
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Die Klimaerwärmung durch CO2-Ausstoß, Tourismusexperte Peter Zellmann verteidigt das Freizeitverhalten - Interview

Urlaubsreisen sollten trotz CO2-Diskussion nicht schlechtgeredet werden, sagt der Freizeitforscher Peter Zellmann. Der Tourismus sei weder Verursacher noch Beschleuniger des Klimawandels. Die Fragen stellte Günther Strobl.

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STANDARD: Wetterextreme nehmen zu, der Klimawandel scheint sich zu beschleunigen. Stößt damit auch die Reiseindustrie an ihre Grenzen?

Zellmann: Sicher nicht. Der Reiseurlaubstourismus wird zu Unrecht mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Tatsächlich ist es so, dass der Tourismus im Vergleich zu allen anderen Verursachern von klimaschädigenden Emissionen weit hinten liegt. Der Flugverkehr beispielsweise ist nur für zwei, drei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Bei der Automobilität ist es so, dass die Straßen voll sind mit Freizeit-, Ausflugs- und Berufsverkehr, der Touristenanteil aber eine eher untergeordnete Rolle spielt.

STANDARD: Dennoch gibt es zunehmend Kritik am Reisetourismus. Manche denken Pfui, wenn sie ein Flugzeug am Himmel und die Kondensstreifen sehen, manche sagen das auch laut.

Zellmann: Das versuche ich zu relativieren. Man hört von Urlauberströmen, sieht die weißen Streifen hinter Flugzeugen und in den Alpen die Autokolonnen. Die Urlauber selbst bekümmert das wenig bis gar nicht. Urlaub ist die emotional wichtigste Zeit im Jahr, da ist niemand beeindruckt vom Klimawandel, geschweige denn, dass jemand Schuld bei sich selbst suchte.

STANDARD: Trotzdem wird versucht, Urlaubern oder Reisenden ein schlechtes Gewissen einzureden.

Zellmann: Ökologische Entwicklungen sollte man ernst nehmen, dabei aber seriös bleiben. Manche versuchen zu punkten, indem sie den Leuten ein schlechtes Gewissen einreden. Auch manche Medien springen da drauf. Damit wird die Einschätzung, Reisen ist etwas Schlechtes, zu einem nicht mehr reflektierten Gemeingut. Der Tourismus hat sich diese Art von Verunglimpfung nicht verdient.

STANDARD: Auch Veranstalter und Airlines besetzen das Thema und bieten Kunden an, sich über freiwillige Zuschläge vom schlechten Gewissen freizukaufen.

Zellmann: Das zeigt die Macht der Medien. Was sollen wir tun, zu Hause bleiben? Die Umwelt wird genauso verseucht, weil unser Alltags- und Freizeitverhalten mindestens so schlimm ist wie unser Urlaubsverhalten. Selbst die, die relativieren und aus ehrlicher Überzeugung aufklären müssten, nämlich Veranstalter und Fluggesellschaften, schließen sich lieber dem Hype an. Das überrascht mich. Alles, was da an Hysterie erzeugt wird, gilt ja auch für den Incoming-Tourismus. Und der ist zumindest indirekt der wichtigste Wirtschaftszweig Österreichs.

STANDARD: Die Welttourismusorganisation sagt, der Tourismus sei das beste Instrument, den ärmsten Ländern der Welt einen Entwicklungsschub zu geben. Sehen Sie das auch so?

Zellmann: Im Grundsatz ja. Es hängt aber davon ab, ob die Welthandelsorganisation das entsprechend zulässt. Da habe ich Bedenken.

STANDARD: Exotische Länder verfügen über Anziehungskraft für Touristen?

Zellmann: Es ist das Neue, das lockt. Nur schlägt sich das in der Statistik nicht nieder. Der Anteil der Fernreisen am gesamten Reiseaufkommen beträgt ziemlich stabil zwölf, 13 Prozent. Was sich ändert, ist die Zusammensetzung. Knapp 50 Prozent der Fernreisenden sind Wiederholungstäter, gut die Hälfte setzt sich aus Leuten zusammen, die zum ersten Mal eine Fernreise machen.

STANDARD: Nun ist es so, dass gerade diese Länder unter den Auswirkungen des Klimawandels am meisten leiden - Stichwort Überschwemmungen?

Zellmann: Das hat aber mit dem Tourismus nichts zu tun. Der Tourismus ist weder Verursacher noch Beschleuniger des Klimawandels. Da gibt es nachhaltigere Ursachen und größere Gefahren, die man beachten und bekämpfen sollte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.03.2008)

Zur Person
Peter Zellmann (60) studierte Pädagogik und Psychologie und machte die Lehramtsprüfung für Sport und Geografie. Das Wiener Institut für Freizeit- und Tourismusforschung leitet er seit 1987.
  • Freizeitforscher Peter Zellmann.
    foto: standard/corn

    Freizeitforscher Peter Zellmann.

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    Der Rettenbachgletscher bei Sölden mit vollgestelltem Parkplatz: Die Diskussion um den Klimawandel hat längst auch die Tourismuswirtschaft erfasst. Diese sieht sich mehr in der Opfer- als in der Täterrolle.

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