Wiederkehr eines Stücks von Wien

Redaktion, 10. April 2008 12:34
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    Foto: archiv

    Gesellschaftlich wie sportlich eine fixe Größe: Die Hakoah Redoute in den Sofiensälen zählte zu den beliebtesten Tanzveranstaltungen in Wien.

70 Jahre nach ihrer Beraubung eröffnet die Hakoah Wien, einer der traditions- und erfolg­reichsten Sportvereine Österreichs, auf ihrem alten Grund ein neues Sportzentrum

Wien - Dass der österreichische Fußball in seiner Glanzzeit nicht nur zu einem guten, sondern zu einem entscheidenden Teil von Juden geprägt, ja erfunden wurde, sollte eigentlich keiner besondern Betonung bedürfen. Zu sehr liegt dieser Umstand auf der Hand. Andererseits neigt man gerade in Österreich so hartnäckig zu einer schmerzhaft selektiven Vergesslichkeit, dass einem die Neueröffnung des Hakoah-Sportzentrums in der Krieau am Dienstag Anlass genug bietet, die Gefahr in Kauf zu nehmen, den geneigten Leser, die geneigte Leserin mit einem Rückblick zu langweilen.

Der SC Hakoah Wien - wie auch seine Brüder in Graz, Innsbruck und Eisenstadt - war ja weit mehr als bloß ein Sportverein. Sie waren Teil jener Welt, die Friedrich Torberg in seinem besten Werk, den zwei Tante-Jolesch-Bänden, so eindrucksvoll wie verzweifelt beschworen hat. Eine Welt, die 1938 aus dem Gebilde, das Österreich war, herausgesprengt worden ist und dem Land bis heute spürbar fehlt. Nicht nur, aber auch im Fußball, der zwar eine Nische sein mag, aber keine in sich geschlossene Eigenwelt.

Am 13. März 1938, am Tag nach dem "Anschluss", wurde mit der Hakoah jener Allround-Verein zerschlagen, der zum Wiener Fußball gehörte wie das Scheiberlspiel. In der Mitte der 1920er-Jahre, als die Wiener darangingen, sich zum Wunderteam zu formieren, zählte die Hakoah mit Rapid, Austria und Vienna zu den "großen vier" der Stadt. Sie war immerhin Meister in der Saison 1924/25, als in Wien die erste Profiliga des europäischen Kontinents den endgültigen Startschuss zum Erfolgslauf des mitteleuropäischen Fußballs, des "calcio danubiano" gegeben hat.

Dass der längst schon beschlossene Sache war, zeigte die Hakoah am 19. Mai 1923. Als erste Gastmannschaft gelang ihr ein Sieg auf der Insel. Der fiel gegen West Ham United mit 5:0 so deutlich aus, dass er durchaus als Fingerzeig genommen werden darf. Nicht nur, aber selbstverständlich auch für das 6:3 der ungarischen Nationalmannschaft genau 30 Jahre später, dem ersten Sieg einer kontinentalen Nationalmannschaft in England.

Denn die Stärke der Hakoah war, wie die des gesamten Wiener Fußballs, kein bloßes Verdienst der Stadt. Sie verdankte sich Budapest. Drei der fünf Tore wurden West Ham von einem gewissen Alexander Neufeld zugefügt. Der aber erblickte als Nemes Sándor in Budapest das Licht der Welt.

Budapester Kind

Auch die Hakoah selbst ist eine Art Budapester Kind. Im Mai 1909 gastierte im Prater bei den Cricketern der Budapester Vívo és Atlétikai Club, ein ausdrücklich jüdischer Verein. Das war der Anstoß, die physische Kraft - das bedeutet das hebräische Hakoah - auch in Wien in jüdische Hände zu nehmen. Zumal viele Sportvereine damals ihre Statuten um einen "Arierparagraphen" ergänzten.

Dessen Hintergrund war nicht bloß der wie eine Grippewelle grassierende Antisemitismus, sondern die dahinterstehende Merkwürdigkeit, "Juden" eigneten sich, im Gegensatz zu "Ariern", nicht für physische Hochleistungen. Dieser erstaunlichen Einstellung ein aus Tatsachen gemaltes Bild entgegenzusetzen war eine der ideologischen Grundlagen der Hakoah.

Die zweite war der Zionismus. In der Stadt des Theodor Herzl keine wirkliche Überraschung, die aber die sportliche Ausbildung mit einem praktischen Zweck versah: die jungen Menschen auf das Pionierdasein vorzubereiten.

In Wien selbst hatte das eine sehr schillernde Konsequenz, die Friedrich Torberg genüsslich schildert. Denn wenn auf dem Fußballplatz die Austria auf die Hakoah traf - was ja oft genug der Fall gewesen ist -, dann hieß es lakonisch, es kickten die "Juden" gegen die "Israeliten". Eine Gegnerschaft, die zuweilen mitten durch die Familien ging. Torberg schildert das Entscheidungsmatch in Hakoahs Meistersaison. Austria führte um einen Punkt, hatte ihr letztes Spiel schon absolviert, Hakoah musste noch gegen den Sportclub antreten, was natürlich auch den Austria-Anhang mobilisierte. Da erzielte der verletzte und quasi als Halbinvalide dennoch im Sturm mittuende Hakoah-Tormann Fabian - für den Stürmer Nemes ins Tor gewechselt war - das 3:2. Vor Torberg und seinen Begleitern - "kampferprobte Raufbolde" - stürzte sich ein Austria-Fan auf einen der Hakoah. Die Torberg-Partie wollte eingreifen, da rief der auf dem Boden liegende Hakoahner: "Ich bitt' Sie, lassen Sie ihn in Ruh'. Er ist mein Cousin."

Torberg war zeitlebens ein Hakoahner, auch dann noch, als ihm klar geworden war, dass die Austria den weit schöneren Fußball spielte. Aber die Austria und ihr Vorläufer, die Amateure, repräsentierten die liberalen, urbanen Juden, was dem Heranwachsenden als Identifikationsangebot keineswegs reichte.

Meisterschwimmer

Torberg war selbst auch aktiver Hakoahner. Fürs Kicken, beklagte er selbst einmal, reichte es nicht ganz. Aber er war ein hervorragender Wasserballer, später sogar tschechoslowakischer Meister, und somit ein Vertreter der Schwimmsektion, aus der Serienmeister kamen. Zum Beispiel Fritzi Löwy und Hedy Bienenfeld, die 1927 jeweils auch EM-Bronze holten. Mit ein guter Grund, dass Österreichs diesbezüglich aktuell Bester, Markus Rogan, sich stark macht für ein Hakoah-Schwimmzentrum.

Dass sportliche Erfolge in einer Welt, die ihren Verstand verloren hat, keineswegs genügten fürs Renommee eines Vereins, zeigten dann die Dreißigerjahre. Judith Deutsch, österreichische Kraulmeisterin und 1935 Sportlerin des Jahres, weigerte sich aus einsichtigen Gründen, an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilzunehmen, worauf der Verband sie für zwei Jahre sperrte.

Bei den vorangegangenen Spielen in Los Angeles schob sich in Nikolaus Hirschl die Ringersektion in den Vordergrund. Im Schwergewicht holte er sowohl im Freistil als auch im griechisch-römischen Stil Bronze. Aber auch in dieser Sektion kam das Prekäre der verrückt gewordenen Zeit durch. Arthur Baar, ein Hakoahner der ersten Stunde, der 1959 in Israel die erste Geschichte der Hakoah Wien schrieb, verweist darin auch auf die Security-Aufgaben der Ringer. Die antisemitischen Angreifer seien oft und oft "mit blutigen Schädeln" heimgeschickt worden.

Hakoah Wien war der größte jüdische Sportverein der Welt. Nach der Katastrophe wurde er am 10. Juni 1945 in einer gänzlich veränderten Welt reaktiviert. Die Fußballer aber mussten schon 1950 ihren Betrieb einstellen.Von den einst 200.000 Juden Wiens überlebten 6000. Selbst die Öffnung des Kaders für Nichtjuden - unter anderem spielte hier auch der spätere Trainer Karl Schlechta - half nichts.

Violette Erinnerung

Jene, denen die Flucht vor den Barbaren gelungen ist, nahmen die Erinnerung an die Hakoah mit. Sie formierten sich als Hakoah Tel Aviv. Die "Israeliten" erhielten diesbezüglich Hilfe von den "Juden". Die Austria schickte Dressen. Und deshalb spielt der zweifache israelische Meister nicht im traditionellen Blau-Weiß, sondern in Violett. 1959 fusionierte Hakoah Tel Aviv mit Maccabi Ramat Gan zur Hakoah Ramat Gan, die mit ihren Heimdressen immer noch an die Austria erinnert.

Anders als Wien es mit der Hakoah getan hat, die heute aus den Sektionen Basketball, Karate, Schwimmen, Touristik & Skiclub, Tennis, Tischtennis und Wandern besteht. Das 1923 bezogene Areal, auf dem am Dienstag das neue Sportzentrum eröffnet wird, wurde dem Verein erst im Jahr 2002 zurückgegeben. Und erst ein Grundstückstausch zwischen Stadt Wien und Bund 2004 schuf die Voraussetzung für den Neubau. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 10.3. 2008)

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zinn glaeckl
10.03.2008 14:53

Interessante, wichtige Reminiszenzen.

Chris_SM
10.03.2008 14:44
Schöner, informativer Artikel

Fußballerisch gehörte allerdings Friedrich Torbergs Herz sehr wohl der Austria. Und dass er kein zionistische Jude war zeigt sich auch darin, dass er nach 45 nach Ö zurückkehrte und nicht nach Israel ging.
Und natürlich ist "Tante Jolesch, oder der Untergang des Abendlandes" ein ganz grandioses Buch.

Lustig finde ich auch, dass es rechtsstehende Austria-Fans geben soll, die das jüdische an der Austria verleugnen. Wahrscheinlich sind das die selben, die auf der Westtribüne mit einem riesigen Plakat an den verstorbenen jüdischen Mäzen Leopold Böhm gedacht haben......

Ach ja der Vater einer Exfreundin gehörte noch in den 30iger der Schwimmsektion der Hakoah an. Sie besitzt ein Foto aus dieser Zeit.

flary
10.03.2008 13:21
finde ich gut, wenn dieses stück zeitgeschicht öfters erwähnt wird

alleine die vor ca. einem jahr gebrachte sendung über die hakoah-schwimmerinnen, die dafür nach wien zurückkehrten, hat mich als nachkriegskind sehr interessiert und berührt.

habe in meiner kindheit nie etwas darüber erfahren, obwohl ich aus einer sportlich aktiven familie stamme.

bitte um weitere betonung ;-)

Stotterer
10.03.2008 08:27
Neu wäre an einem Wiener Fußballverein,

wenn sich dessen Fans leidenschaftlich UND fair zeigten. Man darf gespannt sein. ;-)

Christian Lindner
 
10.03.2008 11:41
Wohl noch nie was vom Sportclub gehört?

skurril austriak
11.03.2008 17:03

irgendwie ist der sportklub der fc st.pauli von wien

Anti Staberl
10.03.2008 13:34

Bin selbst glühender Dornbacher, aber der WSC hatte in den Fünfziger und auch noch in den Sechigerjahren einen antisemitischen Ruf......

Christian Lindner
 
10.03.2008 12:57

Warum bitte ein rotes Stricherl?

Christ Kind
10.03.2008 13:40
machen'S Ihna nix

draus, hier ist nur Gruen/weiss oder Violett Religion.

kollege gulasch
10.03.2008 09:31

rlo, sagt ihnen was?

Stotterer
10.03.2008 09:40

Ja, daran könnte sich die Bundesliga derweil orientieren.

MsLiberty
10.03.2008 07:08

Da steht ja einem Freundschaftsspiel gegen Makabi Haifa nix im Weg. Dafür würd ich mir glatt Karten kaufen, für die EM nicht.

socceroo
 
10.03.2008 03:15

Zeit dass es wieder einen Wiener Fussballverein geben wird der vielleicht nicht so jammert wie die Rapidler und Austrianer....

Herr von und zu
10.03.2008 09:10

na und wie die jammern werden, so wie jeder verein in diesem lande

Affe&Affe
10.03.2008 01:23
Nach 70 Jahren eine epochale Leistung.

gert poelzl1
10.03.2008 00:37
Das ewige Unterstreichen der Greueltaten gegen die Juden in Europa bei gleichzeitigem Ausblenden jener der Araber ist ein Irrtum

also ich finde den artikel sehr interessant, aber ich würde mich noch mehr freuen, wenn man auch über das Leben der Juden in Bagdad vor der Katastrophe sprehen wûrde.
Schliesslich wurden ja aus Bagdad alleine so an die 270 000 Juden rausgeschmissen, ermordet, beraubt usw..(In dem ganzen Raum belief sich die Zahl auf ca 900 000 Personen.)

Wenn man sich nämlich immer nur an die Verbrechen in Europa besinnt und die, die im arabischen Raum begangen wurden , systematisch vergißt oder ausblendet, dann wird das Israel nicht viel nützen.

Die Araber lachen sich da nämlich einen Ast und können hämisch darauf verweisen, dass man den Juden doch einen Staat in Europa geben sollte, bei all den Greueltaten die die Europäer begangen haben....

Timagoras
 
10.03.2008 14:07


da muss ich dem poster "r." leider recht geben.

r.
10.03.2008 13:01

denke hier gehts um unsere geschichte ... hier.
macht mm nicht viel sinn zur eröffnung eines hokoah wien sportzentrums einen artikel über bagdad zu schreiben ... meine 10 cent ;)

Chris_SM
10.03.2008 17:02

Grün für r

gert poelzl1
10.03.2008 14:33
@ r, tTmagoras, Herr und Frau Österreicher

freilich haben Sie recht.
Mein Posting soll ja auch nur ein Mahnmal sein, dafür, dass man nicht immer nur auf Europaer eindreschen soll hinsichtlich der Verbrechen an den Juden.

Und das ist es ja gerade was der Artikel indirekt macht. Er ist ja gerade eine Sublimierung dieses Themas.

Und freilich freu ich mich wie Sie auch über die Wiederentstehung von Hokoah Wien

xxxxXXXX111
10.03.2008 15:08

sie breiten lügen ganz frech. hauptsache was gegen araber! die araber haben gegenüber ihren jüdischen mitbürgern keine greueltaten verübt. fast alle arabischen/islamischen länder waren nach dem 2.WK noch kolonien. damals haben die kolonisten die autochtonen juden als gleichwertig gesehen und waren in algerien usw. franz. staatsbürger während die muslime null rechte hatten, und das nach der befreiung (1945). mit der entkolonisierung dieser länder ist dann die gesellschaft allmählich radikaler geworden den juden gegenüber vor allem wegen deren loyalität israels. für viele juden lebt sich sicher besser in frankreich, israel, england und usa als in diesen verärmten, ausgebluteten ländern, was meine eltern auch getan haben. aber greueltaten!

Austro-Spanier
10.03.2008 22:30

Sie sind schon wieder einmal im falschen Forum, hier geht es einzig und allein um den SC Hakoah und um nichts anderes.
Heben sie sich gefälligst ihre Weisheiten für andere Foren auf.

Miamicalling
 
10.03.2008 19:32

xxhour? Sind Sie´s?

Timagoras
 
12.03.2008 22:48
zu "Bin ganz überrrascht, dass Sie diesen Spruch nicht kennen"

(meine güte, zu was für umwege man gezwungen ist, um hier ein ganz normales 'gespräch' führen zu können) ;o)

tatsächlich kannte ich den spruch nicht, und angesichts der hier üblichen auslassungen war ich mir wirklich nicht sicher, was er bedeuten sollte.

aber danke für die aufklärung! :o)

gert poelzl1
10.03.2008 18:56
@ xxxxXXXX111

noch was: haben Sie jemals was vom Mufti von Jerusalem gehört ? Derselbe der sich während WK2 mit Himmler traf ?

Is eine interessante Sache.

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