Der Rebensaft spielt in der niederösterreichischen Landespolitik eine tragende Rolle
St. Pölten - Wein im politischen Kontext ist multifunktional. Ein schmuckes Foto mit dem Henkelglas beim Heurigen im Kreis von Familie oder Prominenten (welcher Kategorie auch immer) wirkt volksnah. Drückt man einem Politiker dagegen ein Stielglas mit Rotwein in die Hand, gehört er bald einmal der "Toskanafraktion" an und vermittelt alles andere als Leutseligkeit. Ein Weingarten als Hintergrund für einen, seine Enkelin herzenden Erwin Pröll im Wahlkampf 2008 macht sich nicht nur wegen des saftigen Grüns und der Photoshop-Bläue des Himmels prächtig, sondern soll auch in Erinnerung rufen, dass Pröll "einer von uns" sein will.
Wein eignet sich mit seiner Bipolarität natürlich bestens für politische Inszenierungen: Hier ist er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Niederösterreich, dort ein Kulturgut mit besonders hohem emotionalem Faktor. Der Anteil von Wein an der Gesamtheit der landwirtschaftlichen Erzeugung des Bundeslandes betrug laut Statistik Austria 2006 knapp 14 Prozent (rund 225 Mio. €). Wein leistet damit noch vor Getreideproduktion, Schweine- und Rinderzucht den höchsten Beitrag.
In puncto Inszenierungen der Weinseligkeit streut Weinbaupräsident Josef Pleil dem Landeshauptmann Rosen: "Gerade er ist auch außerhalb der Wahlzeiten bei vielen Veranstaltungen dabei", sagt Pleil. "Weinbau wird heute sehr positiv, und nicht nur wirtschaftlich gesehen. Es ist auch ein Stück Landschaftskultur, Landschaftspflege und Brauchtum und daher interessant für die Politik als Drehscheibe." Pröll ließ es sich beispielsweise 2006 nicht nehmen, den "Codex Wachau" persönlich unter der Regie von PR-Berater Wolfgang Rosam zu präsentieren, in dem die Vinea-Wachau-Winzer ihre Kriterien noch einmal - zart erweitert - festhielten.
Förderprogramme, bei denen das Land meist als Co-Financier mit Bund und EU auftritt, laufen unter den verschiedensten Titel. Ausschließlich vom Land finanziert sind dabei die wenigsten. Außerdem sind viele Förderprogramme nicht nach Sektoren à la Weinbau, Schweinezucht etc. organisiert. Messeförderung, bei der es bis zu 1500 Euro für Standmieten gibt, bekommen alle, die sich mit ihren Produkten präsentieren möchten. Die bekanntesten, vom Land angeregten Initiativen sind die "Niederösterreichischen Weinstraßen", auch wenn sie ins Tourismus-Ressort von Landesrat Ernest Gabmann fallen.
Jüngstes Beispiel in puncto Wein ist "Top-Heurigen Niederösterreich". Miteingebunden sind Landwirtschaftskammer und der Landesverband für bäuerliche Direktvermarkter, der das Projekt auch umsetzt. Dabei werden Heurigenbetriebe durch eine Kommission getestet und als empfehlenswert oder nicht eingestuft. Überprüft wird in weiteren Runden durch Mystery Guests. Die Top-Heurigen gehören zu der Dach-Initiative "So schmeckt NÖ" von Landesrat Josef Plank. Deren Ziel ist, über das Pushen von Regionalität, lokale Produktion und Weiterverarbeitung zu stärken. Als Vorteile (neben der Bedienung des überwiegend als konservativ geltenden Klientels) werden auch Klimaschutz, Landschaftspflege und Erhaltung von Kulturlandschaften wie der Terrassenweinbau in der Wachau angeführt. Der passende Heurige für ein Foto wird sich wohl auch dabei finden. (Luzia Schrampf/Der Standard, Printausgabe 06.03.2008)