"Wirtschaft ist das zentrale Thema im Wahlkampf"

10. April 2008, 16:30
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Die ökonomische Situation werde die US-Wahlen so entscheidend beeinflussen wie nun die Vorwahlen in Ohio, sagt Joseph Quinlan, von der Bank of America im STANDARD-Interview

Die ökonomische Situation werde die US-Wahlen so entscheidend beeinflussen wie nun die Vorwahlen in Ohio. Das sagte Joseph Quinlan, der Chefanalyst der größten Bank Amerikas, der Bank of America, zu Christoph Prantner.

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STANDARD: Wirtschaftsthemen haben in diesem Vorwahlkampf zunehmend an Bedeutung gewonnen. "It’s the economy, stupid" – wird es in diesem Jahr wieder heißen, dass das einzige Wahlkriterium die Wirtschaftslage sei?

Quinlan: Ja, definitiv. Wir werden sehen, dass es letzten Endes um Jobs, Einkommen und die Housing-Krise gehen wird. In einem derart schwachen Wirtschaftsumfeld, in dem die Vereinigten Staaten derzeit stecken, wird das einfach das zentrale Thema einer Wahlauseinandersetzung.

STANDARD: Wie schätzen Sie die derzeitige Lage der US-Wirtschaft ein? Die Stimmen, die von einem "soft landing" der US-Konjunktur sprechen, und jene, die die Vereinigten Staaten bereits in einer Rezession sehen, halten sich in etwa die Waage.

Quinlan: Wir befinden uns in einer sehr langsamen Wachstumsphase. Ich denke aber, dass wir mit Ach und Krach eine Rezession vermeiden werden. Aber das spielt eigentlich keine Rolle, da das Wachstum beinahe auf Halteposition steht. Es ist fast bei null, und so wird es auch im ersten Halbjahr bleiben. Im zweiten Halbjahr rechnen wir wieder mit einem Wachstum von 2,5 Prozent.

STANDARD: Vor allem in Ohio ist es im Vorwahlkampf um Wirtschaftsthemen, insbesondere um den Freihandel gegangen. Sie haben sich in Ihren Analysen genauer mit dem Bundesstaat befasst. Hat das Thema dort die Primary wirklich entschieden?

Quinlan: Ganz klar. Ohio hat viele Jobs aufgrund des Freihandels verloren. In diesem Bundesstaat geht es vor allem um ökonomische Themen, vor allem Handelsthemen. Das reflektiert sich klarerweise im Wahlausgang.

STANDARD: Was halten Sie von den Wirtschaftsprogrammen, die Hillary Clinton und Barack Obama vorgelegt haben? Viele sagen, es gebe kaum Unterschiede – gibt es tatsächlich keine?

Quinlan: Es gibt definitiv einen großen Unterschied zwischen den republikanischen und demokratischen Ansätzen, wenn es um Wirtschaft geht. Es ist wahrscheinlicher, dass die Demokraten eher Steuern auf Einkommen und Kapitaleinkünfte erhöhen als die Republikaner. Es geht in diesen Fragen eher um diesen Gegensatz als um Unterschiede zwischen Obama und Clinton.

STANDARD: Was halten Sie von Barack Obamas Ankündigung, 60 Milliarden Dollar in die US-Infrastruktur stecken zu wollen und fünf Millionen Jobs in der "grünen Industrie" zu schaffen? Ist das realistisch?

Quinlan: Das sind sicher Themen, über die man sprechen muss. Die USA brauchen definitiv eine erneuerte und bessere Infrastruktur und müssen in grüne Technologie investieren. Die Frage ist nur, wer dafür zahlt.

STANDARD: Beide Demokraten sprechen auch davon, die Unternehmen und die Wohlhabenden in den USA höher zu besteuern. Mit all den Lobbyisten und Pressure-Groups in Washington – ist das realistisch?

Quinlan: Das ist die 64.000-Dollar-Frage. Was jedenfalls sicher ist, ist, dass das, was auf Wahlplattformen gesagt wird und das, was in Washington dann geschieht, zwei völlig verschiedene Dinge sind. Dort wird alles durch den Fleischwolf von Partikularinteressen gedreht. Was dann herauskommt, muss man sehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.03.2008)

Zur Person
Joseph Quinlan ist Direktor und "Chief Market Analyst" der Bank of America. Der Ökonomist ist zudem Fellow am Center for Transatlantic Relations an der Johns Hopkins University in Washington D.C.

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  • Joseph Quinlan ist Direktor und "Chief Market Analyst" der Bank of America.
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    Joseph Quinlan ist Direktor und "Chief Market Analyst" der Bank of America.

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