Die Schule als "Talentvernichtungsindustrie"

3. April 2008, 16:12
75 Postings

Ehemaliger Kultursprecher der Wiener ÖVP macht sich Gedanken über den "talentierten Schüler und seine Feinde"

Wien - "Wie viel Gleichgültigkeit und Fehlurteile hält ein junger Mensch aus?" - Unter anderem dieser Frage geht der Gründer des Waldzell-Meetings und ehemalige Kultursprecher der ÖVP Wien, Andreas Salcher, in seinem Buch "Der talentierte Schüler und seine Feinde" nach. Abseits von der Diskussion um Klassengrößen, Schulsprengel oder Organisation ortet der Unternehmensberater und Mitbegründer der Wiener Sir-Karl-Popper-Schule im derzeitigen Schulalltag eine "Talentvernichtungsindustrie".

Einseitige Ausrichtung

Salcher bemängelt wie schon viele vor ihm die einseitige Ausrichtung der Schule auf das Aufzeigen von Fehlern anstelle von Stärken, die sture Ausrichtung auf Noten etwa bei der Entscheidung über den weiteren Schulweg oder die Notwendigkeit von Nachhilfe. Gleichzeitig belegt er seine Kritikpunkte mit Beispielen aus der Praxis, die die Absurdität mancher vermeintlich unverrückbarer Punkte aufzeigen - etwa die Odyssee eines in Frankreich aufgewachsenen Schülers, der aufgrund eines Dreiers in Deutsch nicht von der Hauptschule in eine höhere Schule seiner Wahl wechseln kann und vom Landesschulrat trotz Unmusikalität in ein musisches Gymnasium geschickt wird, weil dort eben noch Plätze frei sind. Folge: Scheitern und der kostspielige Wechsel in eine andere Schule samt hohen Nachhilfe-Kosten, weil keine adäquate Nachmittagsbetreuung geboten wird.

Richtige Lehrer

Ansatzpunkte für eine Verbesserung sind für Salcher vor allem die Lehrer. Unter Verweis auf die im Vorjahr vorgestellte McKinsey-Studie, wonach die Auswahl der richtigen Personen für den Lehrerjob sowie deren anschließende Aus- und Fortbildung entscheidend für die Qualität eines Schulsystems ist, hält er eine Diskussion über die Schulorganisation nicht für zielführend - die Frage Gesamtschule ja oder nein vergleicht er sogar mit einer Diskussion über die Existenz Gottes.

Gleichzeitig macht sich Salcher auch Gedanken über die "schlimmsten Feinde" der Lehrer: Neben der eigenen Gewerkschaft sind es vor allem "wir alle". Als Sinnbild sieht er einen Lehrgang für Betreuungslehrer in einem Seminarhotel an, dessen Teilnehmer als einzige der zahlreichen Gäste anderer Seminare kein Plundergebäck vom Buffett nehmen durften - weil die Organisatoren anders als alle anderen eine Seminarpauschale ohne Getränke und Gebäck gebucht hatten. Mit den Pädagogen hat er aber nicht nur Mitleid - etwa wenn er konstatiert, dass "jeder Handyverkäufer in einem Großmarkt mehr Tage im Jahr in Fortbildungskursen sitzt als ein Lehrer".

Als Rezepte spricht sich Salcher unter anderem für eine harte Auswahl von Lehramtsstudenten, Leistungsbewertungen und gute Gehälter für Lehrer, mehr Macht für dafür nur auf Zeit bestellte Direktoren und eine fließende Übergangsphase nach der Volksschule in andere Schulformen aus. Begabungsunterschiede aufgrund sozialer Herkunft müssten schon vor Schuleintritt ausgeglichen, die Lehrergewerkschaften "entmachtet" werden. (APA)

Service: Andreas Salcher: "Der talentierte Schüler und seine Feinde", ecowin, 224 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-902404-55-8
  • Brav sein, zuhören, gewissenhaft und ehrlich sein - das gehört zum Anforderungsprofil für SchülerInnen. Was er von den LehrerInnen verlangt, macht Andreas Salcher in seinem neuen Buch klar.
    foto: derstandard.at/burg

    Brav sein, zuhören, gewissenhaft und ehrlich sein - das gehört zum Anforderungsprofil für SchülerInnen. Was er von den LehrerInnen verlangt, macht Andreas Salcher in seinem neuen Buch klar.

Share if you care.