"Blocher ist ganz anders als Haider"

  • Roger Köppel: "Wir Schweizer sind ein anarchisches Volk, auch wenn es von außen nicht so aussieht."
    foto: weltwoche

    Roger Köppel: "Wir Schweizer sind ein anarchisches Volk, auch wenn es von außen nicht so aussieht."

  • Das Cover der aktuellen "Weltwoche"

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  • Das aktuelle Cover von "Datum - Seiten der Zeit"

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Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche", im Interview mit dem österreichischen Magazin "Datum" über Unterschiede in Politik, Medien und Fußball

Ob man ihn und sein Blatt mag oder nicht: Roger Köppel, der Chefredakteur und Verleger des traditionsreichen Wochenmagazins "Die Weltwoche", gilt als einer der profiliertesten Journalisten der Schweiz. In der Heimat wie im Ausland sorgt freilich vor allem die publizistische Unterstützung der "Weltwoche" für die rechtsliberale Schweizer Volkspartei (SVP) unter ihrem Chef Christoph Blocher regelmäßig für Aufregung. Für Köppel, Jahrgang 1965, stellt der vor kurzem abgewählte Justizminister bis heute "keinen Haider oder Le Pen dar, sondern eine Kernfusion aus Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Franz-Josef Strauss".

In der Schweiz verkauft die "Weltwoche" jede Woche rund 85.000 Stück, nach Angaben des Verlags erreichte sie Ende vergangenen Jahres nach jahrelanger wirtschaftlicher Durstrecke wieder die Gewinnzone. Bevor Köppel Ende 2006 mittels Sicherung der Aktienmehrheit der von ihm gegründeten Weltwoche Verlags AG zum Verleger aufstieg, arbeitete er unter anderem zweieinhalb Jahre lang als Chefredakteur der deutschen Tageszeitung "Die Welt". 1988 hatte seine Karriere nach einem Studienabschluss in Politischer Philosophie und Wirtschaftsgeschichte bei der "NZZ" (Neuen Zürcher Zeitung) ihren Ausgang genommen. Das Gespräch für derStandard.at führte Klaus Stimeder, Chefredakteur des österreichischen Monatsmagazins DATUM – Seiten der Zeit.

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Die Schweizer machen sich gerne über die Österreicher lustig. Wie lautet ihr bester Österreicher-Witz?

Köppel: Ich habe keinen. Das ist sehr traurig, dass wir nicht einmal mehr dieses Klischee erfüllen. Die Österreicher sind uns mittlerweile so egal, dass wir uns nicht einmal mehr über sie lustig machen. Man kann das auch als zivilisatorischen Fortschritt der Schweizer sehen.

Sie beklagen regelmäßig den "linksliberalen Publizistik-Mainstream" in ihrer Heimat. Obwohl wir Nachbarn sind, weiß kaum ein Österreicher über die Schweizer Presse wirklich Bescheid. Bitte erklären Sie uns die Schweizer Medienlandschaft so, wie Sie einem Blinden die Farbe erklären.

Köppel: Die Schweizer sind fleißige Zeitungsleser, davon zeugen die hohen Auflagen und die Anzahl der Blätter. Auch in Sachen Qualität können wir uns nicht wirklich beschweren, es gibt eine hohe Dichte an hervorragenden Journalisten. Bis weit ins 20. Jahrhundert gab es höchste Meinungsvielfalt auf Grund der Parteipresse. In den Neunzigerjahren setzte sich eine oft ideologisch motivierte Meinungseinfalt durch. Mittlerweile dreht das wieder. Man will der "Weltwoche" nicht alle brisanten Themen überlassen. Dass heute marktwirtschaftliche Kriterien eine viel größere Rolle spielen, hat der Presselandschaft lesbar gut getan.

Tatsächlich schaut die Schweizer Presselandschaft deutlich besser aus als die österreichische: Mehr Vielfalt, mehr Quantität. Bei der Frage, warum das so sei, beruft man sich hierzulande auf die grundlegend andere historische Ausgangssituation. Teilen Sie diese Meinung? Oder sind die Österreicher einfach doofer als die Schweizer, weil sie kein Blatt von Weltruf haben wie beispielsweise die NZZ?

Köppel: Sicher sind die Österreicher nicht doof. Ein Urteil über die Medienlandschaft traue ich mir nicht zu, aber gewiss sind durch den II. Weltkrieg große Journalisten- und Verlegertraditionen zerstört worden. Bei der NZZ haben wir Alfred Polgar oder Friedrich Torberg bewundert. Heute habe ich großen Respekt vor den Gebrüdern Wolfgang und Helmuth Fellner. Was die früher mit ihren Magazinen – und was Wolfgang Fellner heute alleine mit seiner neuen Tageszeitung aus dem Boden gestampft hat –, das verdient wirklich Bewunderung.

Sie lesen "Österreich"?

Köppel: Gelegentlich. Der unternehmerische Kraftakt ist beeindruckend.

Was können die Schweizer von uns lernen?

Köppel: Die Ironie, den Humor, den Schmäh, auch die elegante Nonchalance. Bei den Schweizern schlägt immer diese protestantische Freudlosigkeit durch, auch eine gewisse Unerbittlichkeit. Da wäre sicher diese Grundlässigkeit wünschenswert, wie sie die katholischen Österreicher pflegen. Die brauchen sich weniger darum scheren, dass ihnen heute auf den Kopf fällt, was sie gestern gesagt haben. Die Katholiken können dank der Beichte wohl generell etwas flexibler mit der Realität umgehen. Die Schweizer tun sich damit bedeutend schwerer.

Die "Weltwoche" ist bekannt durch Ihre provokanten Titel, Thesen und Geschichten ("Intelligenz: Gelb schlägt Weiß, Weiß schlägt Schwarz", "Die Klimalüge" et cetera). Wie viel davon ist ernst gemeint – und wie viel l’art pour l’art?

Köppel: "If you can’t be funny, be interesting", sagte der Gründer des "New Yorker", Harold Ross. Wir nehmen unser publizistisches Anliegen sehr ernst. Wir wollen Neues bieten, neue Fakten, neue Autoren, andere Blickwinkel. Entscheidend bleibt die Glaubwürdigkeit. Kann schon sein, dass wir dabei manchmal ein bisschen übertreiben. Aber gerade in der Schweiz, wo trotz aller Veränderungen vieles noch entlang alter ideologischer Linien läuft und ein grosser Konformismus herrscht, ist es besser, gegen den Mainstream zu gehen. Das würde auch mancher deutschen Zeitung nicht schaden.

Seit Sie nicht nur Chefredakteur, sondern auch Eigentümer der "Weltwoche" sind, befindet sich das Blatt stramm auf SVP-Kurs. Wir haben unsere eigenen Populisten, Jörg Haider vom BZÖ und HC Strache von der FPÖ. Wie steht ein Mann wie Blocher, für den die "Weltwoche" regelmäßig Partei ergreift, im Vergleich da?

Köppel: Die "Weltwoche" ist eine bürgerliche Zeitung, wir verfolgen aber keine Parteilinie, und ich habe die sehr emotionalen Anti-Kampagnen gegen Blocher nicht mitgemacht, weil sie mir unsachlich und falsch erschienen. Vermutlich bin ich etwas unbefangener, weil ich nicht als Politikjournalist, sondern als Sportreporter angefangen habe. Mit Le Pen oder Haider würde ich Blocher auf keinen Fall vergleichen. Ich habe ihn mal als brachialliberal bezeichnet in der Tradition von Thatcher oder Reagan. Das schreibt heute auch der "Spiegel", wenn Sie dem mehr trauen. Trotzdem wird der Mann immer noch dämonisiert.

Während der vergangenen Bundesratswahl haben das zahlreiche ausländische Medien getan ...

Köppel: ... was mehr über die oberflächlichen Reflexe der Berichterstatter sagt als über unsere SVP, die eine volkstümliche Variante des klassischen staatstragenden Freisinns darstellt. Es war erschreckend, was da alles geschrieben wurde. Auf der anderen Seite muss sich Blocher natürlich auch fragen, warum er solche Energien gegen sich aufbringt. Grundsätzlich kritisiere ich hier aber vor allem die Medien. Da machen es sich die Journalisten zu leicht. Auch Russlands abtretender Präsident Putin wird unisono abgeurteilt. Niemand macht sich die Mühe, wirklich zu verstehen, was die Leute bewegt, die ihn wählen. Dieser moralische Kolonialismus ist unjournalistisch.

Ist Herr Blocher ganz einfach selber schuld an seinem Image? Jörg Haider hat sich am Höhepunkt seiner Karriere Ende der Neunziger auch allen Ernstes gefragt, warum das Ausland so allergisch auf ihn und seinesgleichen reagiert. Wahrscheinlich hat er bis heute nicht kapiert, dass Reden vor SS-Veteranen und ähnliche Aktionen im Ausland nicht so gut ankommen.

Köppel: Ich weiß nicht, worauf der Erfolg Haiders beruhte. Die NZZ schrieb mal, er sei nicht wegen, sondern trotz seiner Entgleisungen gewählt worden. Ich finde die SS-Sprüche auch daneben, aber namhafte Schweizer Sozialdemokraten haben bis in die Achtziger-Jahre mit einer geradezu geschmacklosen Naivität die Genossen in der DDR oder in Nordkorea gefeiert, ohne dass sie sich je dafür entschuldigen mussten. Die Linke kennt bis heute keine Vergangenheitsbewältigung, obwohl sich die Massenmörder Stalin, Hitler, Pol Pot oder Mao nichts geschenkt haben. Aber ich schweife ab.

Blocher ist ganz anders als Haider. Er ist kein Boderline-Politiker, er ist auch kein Populist, wenn ein Populist ein Politiker ist, der den Leuten nach dem Mund redet. Blocher ist liberalkonservativ, patriotisch, sein Programm ist seit dreißig Jahren stabil: Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung, politische Unabhängigkeit für die Schweiz, eine nach wirtschaftlichen Erfordernissen gesteuerte Einwanderungspolitik. Das sind bürgerliche Schweizer Grundwerte, keine Extremismen. In einem Punkt ist Haider möglicherweise ähnlich: Er hat den großkoalitionären Konsens in Österreich aufgebrochen, den rotschwarzen Filz, aber er blieb für mich ein Radaupolitiker mit selbstzerstörerischen Neigungen.

Die "neue" große Koalition, die Österreich heute regiert, zeichnet sich derzeit vor allem durch Streit aus – was auch Diskussionen über das Wahlsystem ausgelöst hat. Ist das Schweizer Modell besser, in dem basisdemokratische Elemente eine wesentlich größere Rolle spielen?

Köppel: Für die Schweiz auf jeden Fall. Die Schweizer sollten sich aber mit einem Urteil über die politischen Systeme anderer Länder zurückhalten. Ich bin jedes Mal mehr als skeptisch, wenn wieder einmal ein hiesiger Politiker versucht, den Nahen Osten vor dem Untergang zu bewahren. Von dieser Art der Zwangsbeglückung halte ich gar nichts. Nur so viel: Wir Schweizer sind ein anarchisches Volk, auch wenn es von außen nicht so aussieht.

Große Koalitionen, das sieht man ja jetzt auch in Deutschland, neigen zu großen Kompromissen – die nicht zuletzt auch eine gewisse Abgehobenheit der Politiker fördern, weil sie mit soviel Macht ausgestattet sind, dass sie tun und lassen können, was wollen. In der Schweiz bilden die direktdemokratischen Institutionen ein Korrektiv. Bezeichnenderweise lieben es die Politiker gar nicht, wenn sie sich immer vor dem Volk rechtfertigen müssen.

Ihre Zurückhaltung in Sachen Zwangsbeglückung scheint sich in Grenzen zu halten, wenn es um die Amerikaner geht. Die "Weltwoche" war eines der wenigen deutschsprachigen Medien, die den Kurs der Regierung Bush publizistisch unterstützt hat und dies bis heute tut.

Köppel: Am Beginn des Irakkriegs hatte man die Wahl zwischen zwei Übeln: Auf der einen Seite die USA, auf der anderen das Regime von Saddam Hussein. Da erscheint mir doch ersteres als deutlich kleineres. Auch wenn man sieht, wie es jetzt langsam aber sicher wieder aufwärts geht im Irak. Zweitens: Die kritiklos antiamerikanische Stimmung, die Europa wie einen Flächenbrand erfasste, musste im Sinne der Meinungsvielfalt gekontert werden.

Wie viel verkauft die "Weltwoche" in Österreich?

Köppel: Weniger als 1.000 Stück. Leider.

Was erwartet sich die Schweiz von der Europameisterschaft?

Köppel: Lustige Abende. Und ein Verkehrschaos in den Städten.

Es tut weh, aber es muss sein: Wer wird Europameister? Die Schweiz oder Österreich?

Köppel: Jetzt muss ich sagen: Die Schweiz. Trotz ihrem Trainer.

Was haben Sie gegen Köbi Kuhn?

Köppel: Gar nichts. Aber die Leute, deren Meinung ich in Sachen Fußball schätze, sagen mir alle, dass der Mann fehl am Platz ist.

(derStandard.at, 5.3.2008)

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