Raucher denken anders

19. Mai 2008, 12:46
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Forscher verglichen in einem Experiment die Investitionsstrategien von Rauchern und Nichtrauchern - mit erstaunlichem Ergebnis

Houston - Auf den ersten Blick hat das Experiment, das Read Montague durchführte, nichts mit Sucht oder Nikotinabhängigkeit zu tun. Der Professor für Neurowissenschaften am Baylor College in Houston stattete mit seinen Kollegen die 62 Teilnehmer ihrer Untersuchung nämlich mit 100-Dollar-Aktienpaketen aus und ließ sie einfach investieren.

Nach jeder Runde, bei der die Probanden in zehn verschiedene Aktienpakete investieren konnten, wurde ihnen gesagt, was die ideale Investitionsstrategie gewesen wäre. So ging es viele Runden weiter, stets nach demselben Muster.

Erstaunliche Differenz

Das Besondere an dem Experiment war nun nicht nur, dass die Hälfte der Teilnehmer Raucher waren. Das wirklich Bemerkenswerte war das Ergebnis der Auswertung, über das die US-Forscher nun im Fachmagazin "Nature Neuroscience" (online vorab) berichten: Es zeigte sich nämlich, dass sich die Nikotinsüchtigen systematisch anders entschieden - und zwar egal, ob sie während des Experiments rauchen durften oder nicht.

Während nämlich die Nichtraucher die Konsequenzen alternativer Handlungen - also die Differenz zwischen eigenem Gewinn und möglichen Gewinnmaximum - in ihren Entscheidungsprozessen berücksichtigten, war genau das bei den Rauchern nicht der Fall. Bei Gehirnscans zeigte sich, dass beide Gruppen über die Handlungsalternativen und deren Konsequenzen im Prinzip Bescheid wussten. Die Raucher verdrängten diese Informationen allerdings.

Die weitreichenden Schlüsse der Forscher: Raucher und andere süchtige Personen lassen die Konsequenzen alternativer Handlungen in ihren Entscheidungen unberücksichtigt. Wenn sich also ein Raucher eine Zigarette anzündet, so wird diese Entscheidung dadurch begünstigt, dass er die gesündere Alternative - gar nicht erst zu rauchen - systematisch ausblendet.

Die Forscher vermuten, dass dieser Mechanismus mit dazu beiträgt, dass Raucher und andere Suchtkranke an ihrer Droge hängenbleiben. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 3. 2008)

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    Nikotin vernebelt allem Anschein nach auch Denkprozesse. Raucher blenden alternative Entscheidungen - nicht zu rauchen oder anders zu investieren - einfach aus.

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