Die Welt zum Nulltarif

Redaktion, 3. März 2008, 18:17
  • Artikelbild
    foto: reuters/jason lee

Warum im Internet so vieles gratis zu haben ist und wie sich das trotzdem rechnet

Viele Informationen im Internet haben eines gemeinsam: sie sind für die KonsumentInnen kostenlos. Woran das liegt, hat Thomas Schandl in seiner Diplomarbeit untersucht. Dabei kombinierte er ökonomische Theorien mit dem alltäglichen Verhalten im Web. Ökonomie hat dabei wenig mit Geld zu tun; vielmehr geht es um eine so genannte Geschenkökonomie. - Eine solche sieht der Autor im Informationsaustausch im Internet realisiert.

Eine kleine Gruppe ist dabei besonders aktiv und wird von Schandl genauer unter die Lupe genommen: die Open-Source-Bewegung. Open Source bedeutet, dass prinzipiell jeder aufgerufen ist, in den Code eines Programms einzugreifen, um es zu erweitern oder zu verbessern (Fachwissen vorausgesetzt).

Schenken mit Gewinnabsicht

Doch warum machen Menschen das Ergebnis ihrer Arbeit der anonymen Öffentlichkeit zum Geschenk? Wie die Sozialanthropologie zeigt, ist das Schenken selbst in nicht-kapitalistischen Gesellschaften wie jenen der Samoaner und Maori nicht altruistischer Natur: Es wird vom Beschenkten kurzfristig ein Gegengeschenk erwartet (direkte Reziprozität) und langfristig eine persönliche Bindung aufgebaut (Reputation). So entsteht ein (Waren-)Tauschsystem, das am Ende beiden Seiten nützt.

Auf die europäischen Gesellschaften oder gar das Internet lässt sich das aber nicht so leicht übertragen. Zum einen ist im Web in der Regel keine persönliche Bekanntschaft und direkte Verpflichtung der TauschpartnerInnen vorhanden. Zum anderen hat digitale Information eine wesentliche Eigenschaft: im Gegensatz zu Waren lässt sie sich beliebig oft weitergeben, ohne für den Geber an Wert zu verlieren.

Ehre wem Ehre gebührt

Das erleichtert das Schenken im Internet ungemein und als Belohnung winkt unter anderem die generelle Reziprozität. Das heißt, von den beschenkten Personen erhält der Schenkende möglicherweise nichts zurück, aber profitiert irgendwann von den Beiträgen ganz anderer User; seien dies ein paar Zeilen Code oder einige Artikel für Wikipedia.

Weniger profan ist der Wunsch sich Reputation zu erarbeiten. Das kann beim rastlosen Blogger der Fall sein, der sich über Visits und Feedbacks auf seinem Weblog freut. Und nicht umsonst tragen die Open-Source-Programmierer ihre Namen in den bearbeiteten Code ein. Die Namen von anderen zu löschen gilt hingegen als absolutes No-No. Nicht zu Vergessen ist hier aber auch die schiere Freude an der Arbeit und das eigene Interesse als User an einer verbesserten Software.

Tit for tat

Bei den Diskussionsforen, denen sich die zweite Hälfte der Diplomarbeit widmet, sieht Schandl die generelle Reziprozität als Hauptmotiv der Beteiligung. Die UserInnen geben ihr Wissen ein und hoffen irgendwann wieder nützliches Wissen herauszuholen. Um das System aufrecht zu erhalten, muss es aber Anreize geben auch etwas beizutragen und nicht einfach nur zu konsumieren ("Free Rider"). Dazu sollte es für alle anderen sichtbar sein, was ein User bereits geleistet hat. Wer immer nur konsumiert, erhält irgendwann keine Antworten mehr oder genießt weniger Ansehen. Innerhalb eines Forums ist das in der Regel mit einem Klick möglich, aber gerechterweise müsste es dafür ein forenübergreifendes Tool geben. Denn ein Free Rider im Forum A kann ein fleißiger User in Forum B sein, der dort auf Grund seines Fachwissens mehr hergibt, als er bekommt.

Faktor Mentalität

Schandl schlägt darum eine "Visitenkarte" für WebforenbenutzerInnen vor und hat auch dessen technische Umsetzung ausgearbeitet. Hierin ist auch die innovative Leistung der Arbeit zu sehen. Mit dieser Visitenkarte wäre auf einen Blick zu sehen, in welchen Foren und wie oft jemand in der Vergangenheit gepostet hat, und ob das von anderen positiv bewertet wurde. Der Ruf, den man genießt, kann so mitgenommen werden.

Über den technischen Aspekt hinaus gelingt es dem Autor in gut verständlicher Sprache die multiplen Faktoren zu beschreiben, die zum Funktionieren des Tauschsystems Internet beitragen. Was als Faktor aber ausgeblendet wird, ist die Grundbereitschaft in einer Gesellschaft an so einem System teilzunehmen, unabhängig von der ökonomischen Rationalität. Hier kann es durchaus unterschiedliche Traditionen geben, wofür nun Geld verlangt wird und wofür nicht.

So hatte das erste theoretische Hypertextsystem "Xanadu" des US-Amerikaners Ted Nelson ein Tantiemensystem für die Texte vorgesehen. Beim World Wide Web, das von europäischen WissenschafterInnen entwickelt wurde, gab es solche Überlegungen nicht.

Die Diplomarbeit "Kostenlose Informationsgüter im Internet und die Rolle von Reputationssystemen" (Thomas Schandl, 2007) ist im Volltext nachzulesen.

Der Autor
Thomas Schandl (Mag.rer.soc.oec, Jg. 1976) absolvierte ein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit einem Schwerpunkt auf Informationswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. In direkter Weiterführung seines Diplomarbeitsthemas arbeitet er seit 2007 als Forschungspraktikant an der National University of Ireland in Galway im Bereich des semantischen Webs und der Vernetzung von Online-Communities.

Der Rezensent
Thomas Müller ist Mitarbeiter beim Verein textfeld.

Logo: textfeld

Kommentar posten
18 Postings
Mr. Anderson
00
23.9.2008, 21:42

Open Source bedeutet: Die Software (d. h. der Quelltext) liegt in einer für den Menschen lesbaren und verständlichen Form vor. Die Software darf beliebig kopiert, verbreitet und genutzt werden. Die Software darf verändert und in der veränderten Form weitergegeben werden.

intrepid CLASS
02
Das Netzt braucht keinen Leistungsnachweis!

Die Konsequenzen solcher Geldersatzsysteme sind von diversen Werbeseiten bekannt.

zB. gibt es auf vielen Konsumentenseiten (zB. Ciao) "Testberichte", die nichts enthalten als abgeschriebene technische Daten.

Content ohne Inhalt macht das Netz nur unübersichtlicher und manipulationsanfälliger!

Mork vom Ork
01

Schandl schlägt darum eine "Visitenkarte" für WebforenbenutzerInnen vor und hat auch dessen technische Umsetzung ausgearbeitet.

jawoi - am besten gleich verpflichtend. Damit man den letzten anschein von anonymität verliert.

Thomas Schandl
01
Anschein von Anonymität

Tatsächlich ist die Anonymität im Internet für die meisten Benutzer nur eine scheinbare und sehr trügerisch.
Genau diese fälschliche Sicherheit ist besonders gefährlich.
Wer bewusst mit seinen realen Namen mit gewissen (selbst gewählten) Benutzernamen verknüpft, ist sich dann auch voll im Klaren, dass er darauf achten muss, was er von sich Preis geben will.

Die Möglichkeit anonym zu posten wird einem dadurch ja ncht genommen - das Bewusstsein um die Problematik der Ausforschbarkeit sollte dann auch dazu führen, dass man sich mehr damit beschäftigt, wie man seine privatspähre besser schützen kann.

AlBundyFan
 
00
warum anonymität verlieren?

du brauchst trotzdem nirgends deine daten anzugeben bzw. nicht mehr als man sowieso schon in jedem forum einzeln eingibt.

das einzige was dazukommt ist eine allgemeine seite in der eine auflistung verschiedenster beteiligter foren zu sehen ist und wieviele beiträge man schon geschrieben hat....das ganze nur verknüpft über eine eindeutige ID die dann jedes forum kennt und wo die im einzelforum vorhanden daten über eine webschnittstelle ausgelesen und zusammengefasst werden.

das einzige, das du dann wissen würdest: albundyfan schreibt nicht nur bei standard.at sondern auch bei fm08.de, giga.de usw....

Thomas Schandl
00

Genau dies Verknüpfung von Benutzernamen aus verschiedenen Foren wäre ein wirkilich sinnvolles Feature. So könnte man entdecken, wen man bereits aus einem anderen Forum kennt, man könnte leicht weitere Beiträge von auffällig guten Postern finden, etc.

aceFruchtsaft
02

Die Sache ist leider nicht so einfach. Jeder, der mal versucht hat, sich über Personen mit Hilfe derer Forumsbeiträge zu informieren, weiß das.

Man hinterlässt nunmal überall spuren, und mit immer mehr Informationen lässt sich ein Persönlichkeitsprofil aufbauen. Diese Informationen kann man für eine weitere Suche z.B. über Google verwenden.

Beispiel: in einem Uni-Forum hinterlässt man unachtsamerweise seine Emailadresse als Kontakt bei Kleineinzeigen, womöglich mit Matrikelnummer drin. Diese können dann User anderer Foren auch sehen und für weitere Recherchen verwenden.

Das Web lebt nunmal davon, dass Informationen verknüpft sind. Ein Paradies für jede Rasterfahndung.

mikromalist
 
02
Nichts gegen diese Arbeit?

1. zum Schenken gibt es eine Marketing Theorie. In "two-sided markets" muss immer eine Seite subventioniert werden um von der anderen Geld zu bekommen (HP Drucker und Zubehör, Gilette Halter und Klingen, Acrobat Reader und "Writer", Google,..)
2. Ernsthafte, informationsgebende Beiträge und Bewertung korrelieren negativ. Das merkt mensch auch in diesem Forum, in welchem Beiträge, mit Informationsabsicht, meist abgekanzelt werden: "Ahnungsloser". "Lern lesen". "Am Thema vorbei". "5 Setzen", "Eingraucht?",...
Als Mut-Vehikel dient meist das "Kinder-Du".
Ernsthafte Poster ziehen sich in ernsthafte Foren zurück.

Thomas Schandl
00

Falschbewertungen sind natürlich in Reputationssystemen an der Tagesordung und sehr problematisch
Aber: Anonymität verstärkt dieses Problem ja auch.

Eine solche Visitenkarte
sollte auch dazu nützlich sein ernsthafte und reife Forenteilnehmer hervorzuheben und deutlicher von anonymous cowards abzugrenzen.

Denkbar wäre auch nur Bewertungen von Benutzern zu akzeptieren, die ihrerseits eine solche Visitenkarte benutzen, und deren forenübergreifende Beitrags- und Bewertungshistory einsehbar ist.

r2pi
00
Beispiele: Ein kleiner Beamter schreibt ...

... in mehreren Experten- und Laienforen für Phyisk seine Ideen nieder.
Fallunterscheidung:
mit Visitenkarte
Experten => Was redet der Depp, den keiner kennt. Haut ihn gleich raus und warnt die anderen (Reputation low/non existant).
Laien => Superguru! Den merken wir uns, obwohl wir ihn nicht verstehen (Reputation high/unfounded).
ohne Visitenkarte
Experten => Was der schreibt ist ziemlich sicher Blödsinn - obwohl es könnte ja sein, daß er bekannt ist - forschen wir nach [Thema & Person] (Reputation low/investigated)
Laien => Superguru, siehe oben.

Interpretation:
Um Reputation aufzubauen, lege ich meine Kompetenz-Nachweise lieber Zug um Zug kontrolliert offen, als mich dynamischen Visitenkarten zu überantworten.

mikromalist
 
00
Korrekt!

Dem "Perfektion schafft Aggression" entkommen wir einfach nicht.
Beobachtung: Foren in welchen NICHT beurteilt wird, sind auf höherem Niveau.
Ein leidenschaftliches "reaktionäres A." ist ein Beitrag, "Ahnungsloser" eine Diffamierung.

Davidoff et cetera
01

es gibt auch foren (sehr viele sogar), in denen geholfen wird, ohne dass man danach bewertet wird. ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich in einigen fachforen nicht mehr einfach auskünfte geben würde, wenn ich gleich danach bewertet werde. da gibt's einfach zuviele trolle.

es gibt auch foren, wo man unregistriert (und also *ganz* anonym) anderen leuten helfen kann - und auch das wird gemacht.

die theorie zieht nicht.

yomellamo
04

.. offensichtlich funktioniert es auch ohne die globale identifikation in allen foren mit punktestand. Ich halte diese daher für verzichtbar.

Ich denke auch, dass ein Tantiemen-system eher zerstörerisch wirkt. .. man sieht an second life, .. sobald man geld ins system der freiwilligkeit reinbringt ändern sich die spielregeln auf totalkommerz. Und damit funktioniert das ganze wieder nicht für alle, weil der wert für die eine code-zeile eben nicht dem wert der anderen code-zeile entspricht... in so einem system können dann wieder nur Firmen überleben.

abgesehen davon.. an meinen open source sachen brauch ich kein geld zu verdienen. Das mach ich für mich und freu mich, wenns wer anderer verwendet.

aceFruchtsaft
05

Was ist mit dem Problem der Privatsphäre? Mit einem Schlag wird man im Internet komplett transparent, weil sich beliebige Personen Informationen über Interessen und Ansichten in sämtlichen Foren beschaffen können.

Und vielleicht will ich ja gar nicht, dass im Standard-Forum jeder sehen kann, dass ich zu Latex-Spielchen im Beate-Uhse-Forum kompetent Auskunft gegeben habe. ;)

Mad_Professor
00
Angeber!

Du bist doch der, der immer nach Blümchen-Sex fragt.
;-)

ragna
01
..

btw danke für den tipp mit den dessous ;)

Walter Kaiser
05
derStandard.at/Archiv - Recherchieren in mehr als 200.000 Artikeln

Nur halt eben kostenpflichtig ...

Soll heißen: Ich sondere hier meine Perlen ab und der Standard profitiert davon!

B. M.2
00
11.3.2008, 15:30
Nein!

Ich halte es nicht für richtig, alles dem Kapitalismus und dem Komerz zu unterwerfen.

Das Internet zeigt uns, was alles möglich ist, wenn das Geld so weit wie möglich draußen bleibt. Das reale Leben und 2nd Life zeigt uns, was passiert, wenn das Geld die Überhand gewinnt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.