Machtübernahme von Außen und Innen

3. März 2008, 16:12
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Die akademische "Elite" war schon vor 1938 auf die großdeutsche Wissenschaftslandschaft eingestellt - So blieb dies in Teilen auch nach 1945

Wien – Es waren die Vorwehen zu der 1968er-"Revolution" in Österreich; die Affäre rund um die antisemitischen Äußerungen des Professors an der Hochschule für Welthandel, Taras Borodajkewycz.

1945 hatte dieser seine Professur an der Universität Prag aufgrund seiner Tätigkeiten während der NS-Zeit verlassen müssen, erhielt 1955 jedoch erneut eine Professur in Wien. Auf das Bestreben von Studenten hin, geriet Borodajkewycz ins mediale Licht. Bei einer Demonstration für seine Absetzung am 15. März 1965 wurde der Kommunist und KZ-Überlebende Ernst Kirchweger als erstes politisches Opfer nach 1945 von einem Neonazi ermordet.

Taras Borodajkewycz wurde nie wegen Wiederbetätigung verurteilt, aber die Vorgänge setzten eine Auseinandersetzung mit der universitären Autorität in Gang. Die Studentenbewegung der 1960er-Jahre ist nicht ohne die Geschichte des Nationalsozialismus, samt seiner Prägung der Unis zu verstehen.

Uni-Neuausrichtung

Denn besonders die Universitäten wurden in den 1930er- und 1940er-Jahren schnell zum Spielball autoritärer Politik. Die Veränderungen in der Hochschulpolitik hatten nicht nur unmittelbaren Einfluss. Sie wirkten sich langfristig auf die Strukturen der Uni und die Bildung einer Generation aus.

Die Neuordnung der Unis 1938 erfolgte auf allen Ebenen: "Gerade für die Uni kann man sagen, es war eine Machtübernahme von oben, unten, innen und außen. Ohne das Mitspielen aller Funktionäre, Studierenden und Lehrenden, wären solche Umbrüche in so kurzer Zeit nicht möglich gewesen", so Historiker Herbert Posch.

In den Anschlusstagen wurde Fritz Knoll zum Rektor der Universität Wien erklärt. Am 22. März leisteten dann die Professoren, unter Ausschluss von Professoren jüdischer Herkunft oder politischer Gegner, ihren Eid auf Hitler. Das Führerprinzip wurde auf der Universität etabliert. Knapp einen Monat später, am 25. April, fand die Eröffnung der Universität statt. Die erste Vorlesung wurde zwei Tage später vom nationalsozialistischen Historiker Heinrich von Srbik gehalten. Innerhalb weniger Wochen war die Universität unter nationalsozialistische Führung gebracht worden.

Doch die Ereignisse haben ihre Wurzeln weit vor 1938. Schon 1924 und 1929 wurden jüdische Professoren angefeindet: Eine Unterorganisation des deutschen Studentenbundes verteilte Flugzettel vor der Universität Wien mit 191 „nichtarischen“ Professorennamen, darunter Sigmund Freud, Hans Kelsen oder Julius Tandler. Sie riefen dazu auf, die Kurse dieser Professoren zu boykottieren.

Die Republik war von Professoren und Studenten nicht wirklich begrüßt worden: "Das hat solche Formen angenommen, dass zwar der Reichsgründungstag des Deutschen Reiches 1871, nicht aber die Gründung der Republik Österreich 1918 feierlich begangen wurde. Da hat man gesagt, das wäre eine politische Handlung und die Uni ist neutral, während man die Deutsche Reichsgründung als Kulturereignis deklariert hat", erklärt Herbert Posch.

Während rassisch und politisch verfolgte Professoren 1938 von ihrem Lehrstuhl vertrieben wurden, stellten andere ihre nationalsozialistische Gesinnung betont offen zur Schau. Der Historiker Heinrich von Srbik, der Germanist Josef Nadler und der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr seien hier exemplarisch erwähnt.

Während Srbik in einer "Gesamtdeutschen Geschichtsauffassung" versuchte, Österreichs Rolle in die völkische Geschichtsschreibung zu integrieren und als Funktionär der NSDAP auch im Reichstag saß, wurde der Kunsthistoriker Sedlmayr erst nach dem Zweiten Weltkrieg breiteren Massen bekannt.

"Verlust der Mitte" gilt als klassisches Werk der Kunstgeschichte. Erstmals 1948 erschienen, basiert es auf Vorträgen von Sedlmayr zwischen 1936 bis 1945. Nach 1945 musste er dem akademischen Betrieb einige Jahre weichen, wurde aber später Professor in München. Nadler arbeitete als einer der "Blut und Boden"-Germanisten der NS-Zeit, an deren völkischen Ausrichtung.

Obwohl im Zuge der Entnazifierung nationalsozialistisch-gesinnte Lehrende entlassen wurden, konnten viele nach den erfolgten Amnestien ihre Karriere fortsetzen. Die zur Emigration gezwungenen kamen nur vereinzelt zurück, aktive Bemühungen sie zurückzuholen waren selten. Somit war die Nachkriegszeit, wie schon 1938, sowohl durch Bruch als auch durch personelle Kontinuität gekennzeichnet.

Als in den 1960er-Jahren Autoritäten und Biografien dieser Professoren infrage gestellt wurden, waren Spannungen unvermeidbar. (Sebastian Pumberger/DER STANDARD Printausgabe, 4. März 2008)

Buchtipp
Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien. 1945 bis 1955. Herausgegeben von Margarete Grandner, Gernot Heiss und Oliver Rathkolb. Erschienen 2005 im Studienverlag, € 24,90.
  • Die Auswirkungen nationalsozialistischer Hochschulpolitik ziehen sich bis weit in die 1960er-Jahre. Eine Demonstration gegen Taras Borodajkewycz.
    foto: standard/votava

    Die Auswirkungen nationalsozialistischer Hochschulpolitik ziehen sich bis weit in die 1960er-Jahre. Eine Demonstration gegen Taras Borodajkewycz.

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