The whole world is watching

10. März 2008, 17:05
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"1968" aus postkolonialistischer Perspektive I: Reden wir einmal nicht über 1968. Reden wir stattdessen über 1961 - Eine Textspende vom Bildpunkt

Am Anfang dieses Jahres rebellieren Studierende in Korea nach der dubiosen Wiederwahl des südkoreanischen Diktators Syng-Man Rhee. Nachdem bei einer Massendemonstration 100 Studierende von der Polizei erschossen und 750 weitere verletzt werden, entsteht eine ungeahnte Solidarisierungswelle, die Diktator Rhee dazu zwingt, nach Konsultation mit Militärs und US-Amerikanern, zurückzutreten. Die Ermordung des kongolesischen Ministerpräsidenten Lumumba im Januar löst weltweit Proteste aus. Nur zwei Monate später organisiert Zengakuren, der japanische Studentenverband, Proteste gegen den so genannten Sicherheitsvertrag (einen Militärpakt) mit den USA. Studierende verhindern den Abflug des Ministerpräsidenten Kishi in die USA. Nachdem der Vertrag dennoch ratifiziert wird, treten 4 Mio. ArbeiterInnen in Streik. Bei darauf folgenden Protesten kommt die Studentin Michiko Kanba ums Leben. Schließlich demonstrieren 300.000 Menschen vor dem Parlament, um gegen den Vertrag zu protestieren. Im Mai 1961 beginnen in den USA so genannte "Freedom Rides" ("Freiheitsfahrten") in den Überlandbussen, um gegen die fortdauernde Rassentrennung im Interstate Travel zu protestieren. Dabei setzen sich Schwarze auf die für Weiße reservierten Sessel und umgekehrt. Fast an jeder Station werden die AktivistInnen tätlich angegriffen. Noch im selben Jahr wird die Rassentrennung der Busterminals aufgehoben.

1961 weigern sich auch die mosamibikanischen KünstlerInnen Malatanga und Bertina Lopes, als VertreterInnen des Kolonialstaats Portugal an der Biennale von São Paolo teilzunehmen. Frantz Fanons Buch Die Verdammten dieser Erde wird publiziert und wird zum vielgelesenen Manifest. Am 17. Oktober 1961 schließlich findet in Paris ein Massaker an demonstrierenden Algeriern statt. Unter der Führung von Maurice Papon, dem Pariser Polizeichef und ehemaligen Nazi-Kollaborateur, greift die Polizei die 30.000 friedlich Protestierenden an. Papon, der im Zweiten Weltkrieg die Deportationen französischer Jüdinnen und Juden aus Bordeaux organisiert hatte, lässt das Feuer auf die Demonstranten eröffnen. Schätzungen der Anzahl von der Polizei Getöteten bewegen sich zwischen 40 und 200. Ihre Tötung verteilte sich über mehrere Tage und fand teilweise auch im Hof der Polizeipräfektur statt. Mitten in Paris schwimmen Leichen in der Seine.

All diese Beispiele belegen zwei Dinge: Zum ersten ist das Datum 1968 nur ein simplifizierendes Kürzel um den Zeitpunkt zu beschreiben, als jene Bewegungen, die sich während der 1960er Jahre weltweit verstärkt hatten, kulminierten und endlich auch massiv westliche MetropolenbewohnerInnen erfassten. Paris, Berlin und Berkeley sind nicht die Mittelpunkte dieser Revolten – sie sind die späten Nachzügler von Protesten oder Aufständen, die Jahre vorher in Albany (Georgia), Havanna oder Teheran stattfanden – sie sind auch harmlose Varianten der dramatischen 68er Vorgänge in Prag oder Mexiko.

Ein Blick auf die verschiedenen Protestaktivitäten der 1960er macht deutlich, dass ein Großteil der weltweiten Bewegungen postkolonialen Charakter hatte – ob dies nun weltweite Widerstandsbewegungen gegen Kolonialkriege oder ihre neokolonialen Ableger waren, oder jene US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die endlich die Folgen der Ära der Sklaverei überwinden wollte: "Rassen"-Trennung und faktische Apartheid. Dieser postkoloniale Aspekt wird jedoch in der lokalen medialen Wahrnehmung der 68er fast vollständig beiseite gedrängt – im Übrigen ebenso wie die heftigen Proteste und Reformbewegungen, die um 68 in Polen, Jugoslawien und der Tschechoslowakei stattfinden. Die dominante Wahrnehmung von 68 reduziert die weltweiten Bewegungen auf wenige lokale Mythen (Sturm auf Springer; Besetzung des Odeon); sie verkürzt deren globalen Charakter auf national formatierte Nostalgie und die oft selbstmitleidigen Memoiren eines in die Jahre geratenen Bürgertums. Unterschlagen wird dabei die teils katalysierende Wirkung der Proteste von MigrantInnen, GaststudentInnen oder ArbeiterInnen, auch in den Bewegungen der Metropolen selbst, deren Einfluss erst allmählich von jüngeren Forschungsarbeiten dokumentiert wird. Wenn der transnationale Charakter von 68 wahrgenommen wird, dann meist im Negativen, etwa als fehlgeleitete Identifikation mit nationalistischen oder sogar antisemitischen Befreiungsbewegungen. Während diese Einschätzung keineswegs falsch ist, verkennt sie doch, dass 1968 als globales Phänomen sich ohne die ambivalenten Vorgänge der Dekolonisation und des Neokolonialismus vermutlich überhaupt nie in dieser Form ereignet hätte. Eine der Konsequenzen dieses Phänomens war jedoch auch die in Deutschland überfällige gesellschaftliche Problematisierung der Nazivergangenheit, die erst mit der Studentenbewegung der 1960er zu einer historischen Auseinandersetzung führte, die zwar noch immer unvollständig ist, jedoch trotz aller Ambivalenzen und relativierenden Identifikationen den großen historischen Verdienst der hiesigen 68er Bewegung darstellt.

Zum zweiten jedoch fällt die Synchronizität der Ereignisse schon zu diesem frühen Zeitpunkt auf – ein Faktor, der sich im Laufe des Jahrzehnts noch bedeutend verstärken sollte. Dieser Umstand verdankt sich einer technologischen Entwicklung, die Marshall McLuhan Mitte der 1960er als elektronische Implosion der Welt beschreiben wird – als ihr Zusammenschrumpfen auf ein global village, das archaische Instinkte mit Hochtechnologie verbindet. Das Aufkommen des Fernsehens und der Satellitenübertragungen spielt dabei eine wesentliche Rolle. 1961 wird auch zum ersten Mal ein politisches Ereignis noch am selben Tag in einem anderen Kontinent im Fernsehen übertragen. Zu diesem Zeitpunkt müssen entwickelte Filme noch per Flugzeug verschickt werden, und nur die günstige Zeitverschiebung und der frühe Arbeitsbeginn ermöglichen es, dass der Beginn des Mauerbaus in Berlin noch am selben Tag in den amerikanischen Abendnachrichten ausgestrahlt wird – woraufhin sich Präsident Kennedy beschwert, er habe zuwenig Zeit für eine Reaktion gehabt. Das Fernsehen erhöht den Radius und die Mobilisationskraft von Protestaktionen enorm – sie verändert sie aber gleichzeitig. Schon 1960 finden sich am Flughafen von Tokyo 10.000 Studierende zusammen, um gegen den Besuch von Präsident Eisenhower zu protestieren. Als dieser es jedoch vorzieht, gar nicht erst zu landen, werden die Proteste dennoch fortgeführt: für die Kamera eines CBS-Teams, das das einzige Publikum dieser Demonstration darstellt. Später beschwert sich Martin Luther King bei den Medien, dass sie Gewalt und Konflikt durch ihre Aufmerksamkeitsmechanismen geradezu provozierten. Um den Auslöser der Filmkamera zu betätigen, warteten die Kameramänner auf bestimmte Signale – zu denen vor allem Akte der Gewalt gehören. Fernsehbilder vom Krieg aus Vietnam tragen hingegen dazu bei, die Mobilisation gegen diesen Krieg weltweit zu verstärken. Die 68er Generation ist die erste Fernsehgeneration; so erzählt Daniel Cohn-Bendit auch davon, wie er andere Studentenführer teilweise nur aus dem Fernsehen kannte. Es ist kein Zufall, dass StudentInnen an den verschiedensten Orten dieselbe Losung brüllen: "The whole world is watching!"

Die Protestbewegungen der 1960er sind also nicht nur Konsequenz jener transnationalen Verbindungen, die aus ihrem weitgehend postkolonialen Charakter resultieren, sondern auch Produkte eines globalen Mediennetzwerks, das die Frage der Postkolonialität ebenso wie die des politischen Protests seither grundlegend transformiert und neu formuliert. (Hito Steyerl)

>>> The great wake-up call
"1968" aus postkolonialistischer Perspektive II: Am 17. Januar 1961 wurde Patrice Lumumba ermordet: Er galt als Hoffnungsträger der antikolonialen Befreiungsbewegungen - von Jens Kastner

Konferenzprogramme
  • International Conference of Labour and Social History: 1968 – Ein Blick auf die Protestbewegungen 40 Jahre danach aus globaler Perspektive

  • University of Leeds: Memories of 1968: International Perspectives

  • Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts: Das Jahr 1968 aus der Sicht der Gesellschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas


  • Zur Person:
    Hito Steyerl ist Künstlerin und Autorin und lebt in Berlin.
    • Bildpunkt ist die Zeitschrift der IG Bildende Kunst und erscheint vier Mal jährlich. Jede Ausgabe widmet sich in einem Themenschwerpunkt ästhetischen, aktivistischen und theoretischen Strategien samt ihrer Überschneidungen.

* * *Das Heft Nr. 01/2008 steht unter dem Titel "zwei drei viele ...achtungssechzig" und enthält Texte u.a. von Hito Steyerl, Jens Kastner, Kristina Schulz, Ines Doujak und Luisa Ziaja, Vlatka Frketic, Oliver Marchart, Robert Schindel, Krunoslav Stojakovic sowie künstlerische Beiträge von Lisl Ponger, Gülsün Karamustafa, und Heidrun Holzfeind.Versand-Abos sind zum Preis von 12 € (Inland) bzw. 16 € (Ausland) pro Jahr über die IG Bildende Kunst unter office@igbildendekunst.at zu beziehen.
      cover: ig bildende kunst/toledo i dertschei

      Bildpunkt ist die Zeitschrift der IG Bildende Kunst und erscheint vier Mal jährlich. Jede Ausgabe widmet sich in einem Themenschwerpunkt ästhetischen, aktivistischen und theoretischen Strategien samt ihrer Überschneidungen.

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      Das Heft Nr. 01/2008 steht unter dem Titel "zwei drei viele ...achtungssechzig" und enthält Texte u.a. von Hito Steyerl, Jens Kastner, Kristina Schulz, Ines Doujak und Luisa Ziaja, Vlatka Frketic, Oliver Marchart, Robert Schindel, Krunoslav Stojakovic sowie künstlerische Beiträge von Lisl Ponger, Gülsün Karamustafa, und Heidrun Holzfeind.

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