"Westen soll sich Schuhe anziehen"

1. April 2008, 13:55
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Michael Neumayr, bis vor kurzem im Vorstand der Entwicklungsbank für die Ostländer, der Londoner EBRD, streut den Österreichern Rosen für ihr Engagement im Osten

STANDARD: Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) unterstützt seit 1991 mit ihren Finanzierungen die ehemals kommunistischen Länder auf ihrem Weg in die Marktwirtschaft. Sie haben jetzt fünf Jahre dort gearbeitet, kennen also auch das Engagement der österreichischen Unternehmen im Osten. Wie gut sind die Österreicher wirklich?

Neumayr: Die Österreicher - und zwar nicht nur die Banken - haben im Osten absolut die Nase vorn, vor allem wenn man sie mit Ländern wie Deutschland vergleicht. Die Österreicher haben aufgrund der gemeinsamen Geschichte weniger Scheu, dort zu investieren und werden von den Partnern im Osten auch lieber als andere aufgenommen.

STANDARD: Den österreichischen Unternehmern bringen die Geschäfte im Osten hohe Gewinne. Wer profitiert mehr: die heimische Wirtschaft oder die der Länder?

Neumayr: Das ist eine Win-Win-Situation. Für diese Länder ist es unheimlich wichtig, dass ein entwickelter Bankenmarkt entsteht, den brauchen sie für eine funktionierende Wirtschaft. Es gibt also keinen Grund, mit dem Finger auf die Österreicher zu zeigen und zu sagen: "Die haben auf dem Rücken des armen Ostens sehr viel Geld verdient."

STANDARD: Die EBRD verlagert jetzt ihre regionalen Schwerpunkte und geht weiter in den Osten und Südosten, etwa nach Aserbaidschan oder in die Mongolei. Brauchen junge EU-Länder wie die Slowakei die EBRD gar nicht mehr?

Neumayr: Doch, ihr Bankenmarkt beispielsweise deckt noch immer nicht alles ab. Etwa die Eigenkapitalfinanzierung für Unternehmen, die nicht in den Hauptstädten sind, oder die Finanzierung von Energieeffizienz-Investitionen. Das macht die EBRD dort mit lokalen Banken. Schwerpunktmäßig geht man nun aber weiter in die Länder, die die Entwicklungsbank mehr brauchen.

STANDARD: Haben die Österreicher dort auch Chancen?

Neumayr: Am Balkan zum Beispiel sind sie ja schon. In der Mongolei ist es natürlich schwierig, obwohl dort Aufbruchstimmung herrscht. Da gibt es Unternehmer, die tolle Firmengruppen auf die Beine gestellt haben. Dort gibt es ein paar westliche Investoren im Bergbau - für Österreich zugegebenermaßen nicht rasend interessant. Aber Kasachstan, Ukraine, Armenien, Georgien, das sind durchaus Märkte für Österreich. Es gibt aber logische Grenzen für die Österreicher, kleine Länder, in denen es schon wegen der Sprache und der Entfernungen schwierig ist.

STANDARD: Die Türkei möchte, dass die EBRD im Land aktiv wird. Besonders die USA, die zehn Prozent der EBRD-Stimmrechte halten, bremsen. Wären Sie dafür?

Neumayr: Ja, das wäre gut und sinnvoll.

STANDARD: Derzeit heißt die Expansionsrichtung von West nach Ost. In die Gegenrichtung läuft wenig, abgesehen von Riesen wie Gasprom. Für ukrainische Banken etwa ist es unmöglich, in Europa zuzukaufen - wann wird diese Einbahnstraße geöffnet?

Neumayr: Diese Entwicklung ist nicht fair, das wird sich aber geben. Man darf russische oder ukrainische Investoren auch in Österreich nicht von vornherein abweisen. Da orte ich tatsächlich ein bisschen Nationalismus. Wobei man natürlich prüfen muss, mit wem man Geschäfte macht, woher dessen Geld kommt. Nehmen Sie Strabag-Partner Oleg Deripaska: Bei seiner Vergangenheit gibt es sicher ein paar Fragezeichen, aber er wurde nie gerichtlich belangt, auch nicht in den USA. Und er ist bereit, mit offenen Karten zu spielen.

STANDARD: Das Wachstum verlangsamt sich nun auch im Osten; nicht zuletzt wegen der Finanzkrise. Gefährlich für die Region?

Neumayr: Ich glaube nicht, dass es im Osten zu einem Crash kommt. Die Entwicklung lässt sich am besten am Beispiel Kasachstan beschreiben: Kasachstan hat sehr aggressiv Gelder bei westlichen Banken aufgenommen. Diese Kredite werden jetzt fällig, die Aufnahme neuer wird schwierig, weil den Kasachen jetzt, wo es regnet, der Schirm weggenommen wird. Da ist nun wieder die EBRD gefragt; mit ihr werden dann auch die westlichen Banken wieder finanzieren.

STANDARD: Stichwort Finanzkrise. Inwiefern kann der Westen überhaupt Vorbild für den Osten sein?

Neumayr: Manche Länder kommen derzeit zum Handkuss, kommen wie die Jungfrau zum Kind. Die Vorbildwirkung ist begrenzt. Vor allem wenn man sieht, was unter Corporate Governance (unternehmerisches Wohlverhalten; Anm.) alles geschieht im Westen - da darf man nicht mit dem Finger auf die "bloßfüßigen Ostler" zeigen, sondern soll sich gefälligst selbst an der Nase nehmen und Schuhe anziehen. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2008)

ZUR PERSON: Michael Neumayr (53) ist Jurist und Banker, hat bis Ende 2002 die Abteilung International Finance bei der BA-CA geführt. Bis Ende Februar war er als Delegierter Österreichs und anderer Staaten im EBRD-Vorstand tätig; zuständig für Strategie und Finanzierungsentscheidungen.
  • EBRD-Banker Michael Neumayr glaubt, dass die derzeitige Investitionseinbahnstraße West-Ost über kurz oder lang geöffnet werden wird.
    foto: standard/ebrd

    EBRD-Banker Michael Neumayr glaubt, dass die derzeitige Investitionseinbahnstraße West-Ost über kurz oder lang geöffnet werden wird.

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