Know-how ist, was man weiß

17. April 2008, 13:54
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Ein Quartett mit öster­reichischen Wurzeln und Ästen sitzt im Führer­stand von Lok Moskau und träumt vom Bahnhof mit dem Pokal und dem Ausgang zur Champions League

Lindabrunn - Das Reh hechtete die Rampe zum Hauptspielfeld hinunter, rutschte aus, rappelte sich wieder auf, schlug einen Haken nach links und raste auf das Föhrenwäldchen hinter dem nördlichen Tor zu. Der Hund war kaum zehn Meter hinter ihm. Der Zaun rund um die Sportschule Lindabrunn würde der Flucht ein Ende machen. Freilich fand das Paar keiner mehr, auch nicht einige das Föhrenwäldchen absuchende Betreuer von Lok Moskau. Nur einer der Masseure sammelte eine Handvoll Rehfell, das er mit dem Manual-therapeuten eingehend untersuchte. Wahrscheinlich Jäger.

Die Kicker von Lok Moskau übten ungerührt vom Schicksal des Wildes Corner-Varianten, und man kann durchaus feststellen, dass der Hund dem Rehhintern näher war als der Ball oftmals dem Tor. "Es geht um das Legen der neuronalen Bahnen im Gehirn", stellt Alfred Tatar, trocken wie die alten Föhrennadeln hinter den Toren, fest. Sobald man sich vom Schock angesichts der auf einem Fußballplatz ungewohnten Terminologie erholt hat, beginnt man zu begreifen: Hier hat jemand einen Plan, den er mit Mitteln, die über Hoppauf und Hand-aufs-Herz hinausgehen, verfolgt. Russlands Cupsieger und UEFA-Cup-Teilnehmer Lok Moskau absolvierte bis Sonntag das vierte Trainingslager en suite.

Am Sonntag verließ die Mannschaft Lindabrunn, kehrte heim. Am 9. März coacht der Tadschike und ehemalige russische Internationale Rashid Rachimow, der 1995 bei der Wiener Austria anheuerte, um seine Karriere in Ried (unter Cheftrainer Tatar) zu beenden, Lok im Supercup gegen Meister Zenit St. Petersburg zum ersten Mal. Anschließend geht es in die Meisterschaft, in der Lok von vier Österreichern gelenkt wird.

Außer Rachimow werken noch der ehemalige Chef der ÖFB-Trainerausbildung, Gerhard Hitzel (reformiert die Nachwuchsakademie von Lok), und Sergej Mandreko (auch ein Tadschike), der mit Didi Kühbauer und Peter Stöger in Rapids Meisterteam 1995/96 geigte und wie Rachimow bei Pamir Duschanbe anfing. Rachimows Engagement bei Lok mag als Beweis für die intakten autoritären Strukturen des russischen Fußballs gelten. Der Cheftrainer eines Spitzenvereins ist ein König. Wenn er gesprochen hat, wird nicht mehr diskutiert, und der ausgewachsenen Führungskraft Rachimow sind das ideale Bedingungen. Doch der lukrative Job ist auch ein Beweis, dass sich Erfolg auszahlt, denn Rachimow/Tatar haben nicht nur die Admira, sondern anschließend auch Russlands Äquivalent von Altach, Amkar Perm, gerettet. Unter anderem haben sie im Vorjahr Lok zweimal 1:0 geschlagen.

Der Eisenbahnkonzern und die Transtelekom suchten einen Nachfolger für Anatoli Byschowez und fanden Rachimow. Der zog seinen Freund Tatar mit, und seit zwei Monaten rütteln sie die zerstritten gewesene Mannschaft wach, sanieren ihren deplorablen körperlichen Zustand und versuchen, den Kickern nicht nur Mut, sondern auch Denken beizubringen. Know-how-Transfer von Österreich nach Russland.

Rachimow über Tatar: "Er schaut unscheinbar aus, aber er hat bessere Ideen und mehr Köpfchen als alle anderen. Und er versteht mich:" Tatar über Rachimow: "Er ist die beste Führungspersönlichkeit, die ich im Fußball kenne. Er weiß, was er will, und er weiß, wie er es durchsetzt."

An diesem Nachmittag üben sie Angriffsvarianten über die Seite. Aufgabe: Was passiert, wenn der Außenverteidiger mit dem Ball in die Angriffshälfte eindringt? Zwei Lösungsbeispiele trichtert Rachimow der Mannschaft ein. Es geht zäh. Nach einer halben Stunde ist die Truppe geistig am Zusammenbrechen. Rachimow staucht sie zusammen, dann lässt er sie 20 Minuten lang auf verkleinertem Feld spielen. Er sitzt auf der Trainerbank, die braune Gesichtsfarbe vor Nachdenken grau und die Augen klein, und die Wimpern stehen antennenlang in die Dämmerung hinein.

Keine Zeit

"Ich bin froh, dass ich aus Österreich weg bin", sagt er. Nicht dass es ihm in Wien nicht mehr gefällt. Im Gegenteil, seine Familie lebt hier. Aber der Fußball! "Wenn einer Geld investiert, dann machen sie nichts draus!" Zum ersten Mal muss er Meister werden und um die Champions League kämpfen. "Wir brauchen noch Zeit", sagt er. Und weiß, dass er keine Zeit mehr hat.

"Jetzt scherzen sie wenigstens." Rachimow hat eine totenstille Mannschaft übernommen, aus der drei Spieler mit Funktionären intrigierten. "Wenn einer das bei mir macht, und ich erfahre es, ist er weg." Rachimow ist ein autoritärer Typ, der klug genug ist, zu wissen, dass ein Cheftrainer dem Anspruch eines Klubs wie Lok Moskau (Budget 70 Millionen Dollar) nicht allein genügen kann. "Zu groß, alle Großen wie Rafael Benitez oder Arsene Wenger sind Chefs, Psychologen und haben einen großen Stab mit Fachleuten."

Sollte er mit seinem Stabführer Tatar bei Lok Moskau das Reh erwischen, ist er nicht mehr so viele Ecken weit weg vom großen Fußball. Und eine Partnerschaft, die in Ried begann, könnte sich zu einer europäischen Freundschaft auswachsen. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 3. März 2008)

  • Gerhard Hitzel, Trainer Rashid Rachimow, Alfred Tatar und Sergej Mandreko (von links) sind für die Lok verantwortlich.
    foto: aleksandra pawloff

    Gerhard Hitzel, Trainer Rashid Rachimow, Alfred Tatar und Sergej Mandreko (von links) sind für die Lok verantwortlich.

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