"Obama ist wie ein iPod": Für die Politik vernachlässigen Ohios Studierende gerne ihre akademische Karriere
Am einem normalen Samstag Vormittag sind Studierende am College of Wooster entweder in der Bibliothek zu finden oder sie schlafen sich von der Party in der campuseigenen Disko aus – oder eine Kombination aus beidem. Am Samstag eine Woche vor den Vorwahlen haben eine handvoll Studierende allerdings andere Prioritäten: Sie gehen auf Stimmenfang in die Ortschaft.
Menschen links der Mitte
Wooster ist ein kleines Städtchen eine Stunde südlich von Cleveland im Tor zum Mittelwesten, Ohio. Das College ist der einzige Fleck in der Stadt, an dem man Menschen links der Mitte findet. Rund fünfundzwanzig davon wollen an diesem Samstag Vormittag für Barack Obama werben, etwa fünfzehn weitere Studierende sind Hillary Clinton-Fans. RepublikanerInnen brauchen nicht aufzustehen, mit dem Ausscheiden Mitt Romneys hat John McCain die republikanische Nominierung inoffiziell gewonnen.
"Wir versuchen ein Gefühl dafür zu bekommen, wo die Menschen stehen und wir versuchen, Obama in der Gemeinde sichtbar zu machen", erklärt Sam Hickey, der Mathematik im dritten Jahr studiert. Er geht gemeinsam mit der Biologiestudentin Claire Kirby von Tür zu Tür. Für sie ist Obama eine Inspiration. "Er denkt, dass Menschen mehr in die Regierungsarbeit involviert sein sollen und dass nicht Lobbyisten und große Konzerne entscheiden sollen, was die Themen in Washington sind."
"Ich will Amerikanerin werden"
Auch Lena Mityushina wirbt an diesem Vormittag für Obama. Lena ist Russin, eine von rund 250 internationalen Studierenden. Sie wirbt trotzdem für Obama: "Ich will später Amerikanerin werden und stolz auf meinen Präsidenten sein. Deshalb helfe ich ihnen beim Auswählen". Der Pakistani Aneeb Sharif verfolgt das Rennen genau, nicht nur weil er ein Politikwissenschaftsstudent ist. "Wer der nächste U.S. Präsident oder Präsidentin ist, beeinflusst nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt, vor allem Pakistan, weil wir sehr eng mit den USA zusammenarbeiten. Bush war eine Katastrophe." Deshalb ist er für Hillary Clinton.
Clinton in der Minderheit
Damit ist er am College in der Minderheit. Auch wenn Umfragen Clinton in Ohio einen fünfprozentigen Vorsprung voraussagen, hier am Campus ist Obama eine Mehrheit gesichert. Das macht sich auch beim "Hillary für Anfänger" Treffen bemerkbar, das die "Wooster Studenten für Hilary" organisiert haben. "Obama ist wie ein iPod", beklagt sich ein Clinton-Unterstützer, "Es gibt wesentlich bessere Geräte, aber alle kaufen den iPod, weil das gerade cool ist."
Sarah Green-Golan, die Sprecherin der Gruppe, versucht die Stimmung im Raum von Anti-Obama zu Pro-Clinton zu drehen: "Es ist schade, dass Obama nicht beschlossen hat, in acht Jahren zu kandidieren. Er hat die Qualitäten eines großartigen Präsidenten, aber nicht die Erfahrung." Die 21-Jährige hat in den Winterferien freiwillig für die Clinton Kampagne im Bundesstaat Nevada gearbeitet und hat danach die Gruppe am College aufgebaut. "Ich bin mir sicher, wenn man über die Last, dass sie eine Frau ist, hinweg sehen würde, wäre sie die unumstrittene demokratische Kandidatin: Hillary hat bereits außenpolitische Erfahrung, sie ist in über 82 Länder gereist und hat auch schon Frieden verhandelt. Obama hat diese Erfahrung nicht. Das macht mir Angst."
Zwei Themen geben Diskussionsstoff
Ansonsten bleiben die ClintonwahlkämpferInnen bei Themen. "Ich habe mir gedacht: Ok, der eine ist schwarz, die andere eine Frau, ich schaue mir gleich ihre Positionen an", erzählt Alex Jue seine persönliche Clinton-Geschichte. Thematisch scheinen sich die Studierenden nicht von der übrigen Bevölkerung zu unterscheiden. Die Diskussion kommt immer wieder auf zwei Themen zurück: Die allgemeine Gesundheitsversicherung und den Irakkrieg. Aus letzterem will Clinton sich nicht abrupt zurückziehen. "Es ist unrealistisch, ein bestimmtes Datum zu setzen. Was wir brauchen ist ein Plan und den will Hillary innerhalb ihrer ersten 60 Tage im Amt erstellen", versucht Sarah die Unentschlossenen zu überzeugen und es klingt ein bisschen aus einem Kampagnentextbuch, wenn sie sagt: "Außerdem will Hillary eine allgemeine Gesundheitsversicherung. Obamas Plan deckt laut New York Times, Times Magazin und anderen, rund 15 Millionen Menschen nicht ab."
Tatsächlich will Obama nicht sofort eine Gesundheitsversicherung verpflichten, sagt Ted Hickey. Der Wirtschaftsstudent ist Sprecher der "Students for Obama": "Ich mag Hillarys System, aber wie alles ist auch das ein Kampf für sie. Barack sagt: Wir stellen es für alle zur Verfügung und machen es für Kinder verpflichtend. Wenn alle davon überzeugt sind, dann werden alle das staatliche Angebot annehmen. Sein Plan zeigt seinen Willen, Kompromisse einzugehen und eine Balance zu finden."
Wahlkampfort Internet
Durch Facebook ist es für beide Gruppen einfach, sich zu organisieren. "Es ist das erste Rennen, bei dem die neuen Medien so gezielt eingesetzt werden", beobachtet die Politikwissenschaftsprofessorin Angela Bos, "2004 hat man noch nicht so viele Facebook-Gruppen gesehen. Das trägt sicher zur Mobilisation von Jugendlichen bei." Die Faszination von jungen Menschen für Obama sieht sie in seinem Kampagnenstil und seinem Image begründet. "Junge WählerInnen tendieren eher zum Kandidaten des Idealismus. Zusätzlich passt sein Grassroots Stil zum Campusumfeld." Bos hofft auf eine Steigerung der Wahlbeteiligung, allerdings könnte die komplizierte WählerInnenregistrierung das Gegenteil bewirken.
Ob es morgen eine Entscheidung gibt oder nicht, eines ist sicher: Wie auch in Wooster, Ohio, werden Studierende ihre akademische Karriere für ein paar Wochen ruhen lassen, um bis zur tatsächlichen Wahl im November an Türen in verschlafenen, amerikanischen Kleinstädten klopfen. (Gastautor Yussi Pick/derStandard.at, 3. März 2008)