Unsere verkehrte Welt und das Hundertmetergeld

29. Februar 2008, 19:03
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Bilder scheinen mitunter dazu zu neigen, ein unseliges Eigenleben zu entfalten

Kaum klopft der SPÖ-Chef einmal ordentlich auf den Putz, tauchen ein paar Akten auf und schon ist er wieder in der Verteidigung. Glaubt er nun, die Welt steht Kopf - wir können das verstehen, wir haben da unsere Erfahrungen.

Aufmerksame Leser wird beim Betrachten der Kulturseite der Donnerstagausgabe wahrscheinlich ein eigentümliches Gefühl beschlichen haben. Der zweite Blick macht deutlich: Das Bild zu "Der Idiot" aus dem Züricher Schauspielhaus stand auf dem Kopf. Das ist bei einer auf dem Boden liegenden Figur nicht ganz so arg, wirkte aber doch irgendwie irritierend. Wie es dazu kam, ist schwierig zu erklären: Das Bild erscheint auch in unserem elektronischen Fotoarchiv verkehrt - als einziges einer ganzen Serie, warum, ist rätselhaft.

Bilder scheinen mitunter dazu zu neigen, ein unseliges Eigenleben zu entfalten. Vor geraumer Zeit fand sich im RONDO eine Aufnahme aus Kitzbühel, auf der der Schlusshang der Weltcup-Piste zu sehen war. Mit abgebildet waren dort zwei Heißluftballons mit den Werbeaufschriften iduA und ressöG. Das war unschwer in "Audi" und "Gösser" zu übersetzen, unmöglich war es dagegen zu ergründen, wie sich das Bild auf dem Weg von einem Bildcomputer zum nächsten gedreht haben könnte.

Ein Buchstabe, eine Panne

Ein Albtraum, möchte man glauben. Diesem haben wir schon am 20. Februar in der Besprechung der Max-Ernst-Ausstellung der Albertina die Referenz erwiesen. Wir haben über einen surrealistischen Bilderroman referiert, gemeint war jedoch, dass der Künstler mit seinen Zeichnungen in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts dem Genre des trivialen Fortsetzungsromans hingebungsvoll die Reverenz erweisen wollte.

Was ein einzelner Buchstabe nicht verändern kann! kWh oder KW, das ist ein Unterschied, an dem nicht nur Schüler, aufgerufen, ihr Definitionswissen zu zeigen, scheitern können. Wir schrieben am 28. Februar über die "Kraft des kleinen Wassers" von einem "vibrierenden Zeiger, der am Schaltkasten 100 Kilowattstunden anzeigt". Physiker stöhnen auf, weshalb ein Exkurs ins Lehrbuch geboten ist. Wattstunde ist eine Maßeinheit der Arbeit (entspricht der Energie, die eine Maschine mit einem Watt Leistung in einer Stunde abgibt), Kilowatt ist die Maßeinheit für die Wirkleistung des Stromes, der von einem Gerät aufgenommen wird.

Dies zu behalten erfordert ein wenig Hirnarbeit. Wienerisch gesagt: Ein bisserl Bries muss man haben. Womit sich die ungewöhnliche Wortwahl Brieskicker, in unserem Sportteil am vergangenen Montag zu finden, erklärt. Das ist also einer, der nicht nur mit den Beinen spielt, eine in Österreich offenbar rare Spezies.

Mit ein bisserl Bries wird auch klar, dass wir am Donnerstag in einem Bericht über das harte Pendlerlos das amtliche Kilometergeld deutlich zu niedrig angesetzt haben. Wir schrieben, dass die niederösterreichische SPÖ eine Erhöhung von 0,38 Cent auf 0,45 Cent fordert. So billig gibt es auch Heidemaria Onodi nicht, 0,38 Euro oder 45 Cent (ohne Null und Komma davor) wäre richtig gewesen. Was wir geboten haben, war sozusagen das Hundertmeter-Geld.

Persönlichkeitsschutz

Eine Frage ernster Natur ist in Zusammenhang mit dem Kriminalfall in Spitz zu klären. Es ist keine Reverenz an irgendeine Art von Boulevardjournalismus, wenn auch der Standard Bild und Name eines Tatverdächtigen veröffentlicht. Die Polizei hat die Medien um Unterstützung in der Ermittlungsarbeit gebeten. Werden Name und Bild eines Verdächtigen zusammen mit einem Fahndungsersuchen von der Exekutive präsentiert, so ist die Publikation nicht nur erlaubt, sondern gleichsam eine selbstverständliche mediale Aufgabe. Es geht nicht um Menschenhetze, sondern um die Aufklärung eines Schwerverbrechens. (Otto Ranftl/DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.3.2008)

Sie erreichen Otto Ranftl, den Leserbeauftragten des STANDARD, unter otto.ranftl@derStandard.at oder Leserbriefe@derStandard.at.

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