Wenn Mitarbeiter gefährlich werden

29. Februar 2008, 19:16
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Man muss nicht gleich handgreiflich werden - Working Place Violence findet häufig auch auf psychischer Ebene statt

Working Place Violence ist längst kein Einzelphänomen mehr. Aggressionen werden zunehmend nach außen getragen. Der Kriminalpsychologe Thomas Müller sprach über mögliche Ursachen und Szenarien.

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Wenn Mitarbeiter in außergewöhnliche Bedrängnis kommen, sind sie auch zu außergewöhnlichen Handlungen fähig. Diese finden laut zahlreichen empirischen Untersuchungen meistens freitags statt und richten sich häufig gegen den Personalchef, so der Kriminalpsychologe Thomas Müller bei einem Vortrag zum Thema „Tatort Arbeitsplatz“ bei der Austrian Business Travel Association (Abta).

Für die Eskalation brauche es dafür oft nicht viel. „Eine länger andauernde Stresssituation, die der Mitarbeiter selbst nicht abbauen kann, mögliche Umstrukturierungen im Betrieb, die seine Identifikation mit dem Unternehmen verschlechtern – wenn dann noch ein privates Problem dazukommt, kann es zur Katastrophe kommen“, so Müller, denn die Menschen suchen jemand anderes, der an ihrer Situation schuld ist.

Kein Einzelphänomen

Working Place Violence sei längst kein Einzelphänomen mehr. Darunter sind alle Handlungen zu verstehen, die andere in außergewöhnliche Belastungssituationen bringen – von anonymen Schreiben und Beschwerden über Nötigung und Drohungen bis hin zur totalen Eskalation.

Die moralischen und ethischen Wertvorstellungen haben sich geändert. Heute werden Aggressionen häufiger nach außen getragen und verstärkt auch am Arbeitsplatz abgeladen – nach dem Motto: „Mir geht’s schlecht, aber wenn es dem Chef noch schlechter geht, geht es mir wieder besser“, analysiert Müller. Der Auslöser für destruktives Verhalten ist die Summe vieler Kleinigkeiten, die als persönliche Demütigungen empfunden werden und nicht ausschließlich im Arbeitsprozess zu suchen sind, so Müller. „Man will Macht ausüben, um das eigene Selbstwertgefühl wieder zu stärken“, so seine Analyse.

Klare Symptome

Retrospektiv betrachtet gibt es immer klare Symptome dafür, warum jemand destruktive Maßnahmen setzt, aber man könne in die Psyche eines Menschen nicht hineinschauen. Dafür sei das menschliche Verhalten viel zu komplex. Genauso wenig könne man sagen, wer besonders gefährdet sei, so Müller.

Der Schlüsselfaktor für destruktives Verhalten sei aber das Selbstwertgefühl, das sich aus dem persönlichen Erfolg, der Interaktion mit Menschen und dem eigenen Wohlbefinden zusammensetzt. Der entscheidende Punkt ist, wie jemand mit sinkendem Selbstwertgefühl umgeht, so der Kriminalpsychologe.

Zumeist persönlich motiviert

Die Möglichkeiten des Erkennens sind schwierig und würden einer interdisziplinären Betrachtung bedürfen, die für Vorgesetzte kaum möglich ist. Die entscheidende Frage ist aber immer, wie wir mit den Menschen umgehen, denn 90 Prozent der Fälle von Gewalt am Arbeitsplatz, sind persönlich motiviert, und nur zehn Prozent haben finanzielle Motive, so Müller. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD; Printausgabe, 1./2.3.2008)

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    Man muss nicht gleich handgreiflich werden. Working Place Violence findet häufig auch auf psychischer Ebene statt.

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