Der März begann im Februar - Doron Rabinovici

29. Februar 2008, 16:30
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Jubel empfing die einmarschierenden deutschen Truppen in Österreich. Nie wieder stieß die Wehrmacht bei Überschreitung nationaler Grenzen auf solche Begeisterung

"Wir sind überrumpelt worden," sagt Franzi Löw, die einstige Fürsorgerin des sogenannten Ältestenrates, der jüdischen Administration im nationalsozialistischen Wien. Sie karrt die Butterbrote her, dick bestrichen, füttert mich mit Marillenstrudel, als wäre der Krieg noch nicht vorbei, als wäre ich eines jener Kinder, die sie damals versorgte. So sehr die Juden seit Wochen die Okkupation gefürchtet hatten, blieb dennoch unvorstellbar, was mit ihnen geschehen würde. Von diesen Vorkommnissen will ich nicht leichthin fabulieren, sondern mich den Tatsachen und den Untaten trocken – mithilfe des historischen Instrumentariums – nähern.

Jubel empfing die einmarschierenden deutschen Truppen am Sonntag, dem 12. März 1938, in Österreich. Nie wieder stieß die Wehrmacht bei Überschreitung nationaler Grenzen auf solch hartnäckige Begeisterung. Der März 38 begann im Februar. Große Nazidemonstrationen zogen ab dem 19.Februar durch die Straßen des Landes. Die Vaterländische Front antwortete mit eigenen Manifestationen. Der Aufruf zu einer Kundgebung in Linz zeugte vom Zeitgeist: Unterschrieben war er mit "Heil Hitler" und mit "Heil Schuschnigg" zugleich. Graz wurde lange vor dem Einmarsch der Wehrmacht zu einer Hochburg des Nationalsozialismus. Tausende marschierten in jenen Tagen mit Fackeln und Hakenkreuzfahnen durch die Innenstadt. Selbst vom Rathaus wehte die Flagge des sogenannten Dritten Reichs. Am 1. März war der Innenminister, Arthur Seyß-Inquart, bei einer solchen Kundgebung dabei. Die New York Times schrieb: "15.000 Nazis trotzen in Graz Verbot mit Marsch für Minister Seyß-Inquart. Innenminister zeigt Hitlergruß bei Fackelparade, die seinen eigenen Befehl mißachtet."

Das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten meldete am 8. März: "Die Bürokratie läuft in hellen Scharen zu den Nazi über, die Vaterländische Front ist in völliger Auflösung, die Staatsautorität kapituliert täglich vor den Nazi, die alle behördlichen Anordnungen und alle Gesetze durchbrechen." Ehe der Bundespräsident Wilhelm Miklas den Minister Seyß-Inquart zum Kanzler ernannte, hatten die heimischen Nazis den Machtapparat in allen Bundesländern übernommen.

Er weiche der Gewalt, verkündete Schuschnigg, aber es war nicht bloß jene aus Deutschland, vor der er kapitulierte. Der sogenannte Anschluss war, so lehrt die Historiografie, ein dreifacher Prozess, der von außen, von unten und von oben erfolgte. Er wolle "kein deutsches Blut" vergießen, erklärte Schuschnigg, da grölten heimische Nazis längst, wenn das jüdische vom Messer spritze, gehe es noch mal so gut. Angesichts der Atmosphäre von Verfolgung und Terror gab das Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten, die seit 1934 im Untergrund waren, die Weisung aus, alle Aktivitäten für drei Monate einzustellen. Am 1.April 1938 wurde der erste Transport in das Konzentrationslager Dachau zwangsverschickt; von 151 deportierten Männern waren 60 Juden.

"Eines wird nun klar: während in Deutschland die ersten Opfer der Nazis die Linksparteien waren – Sozialisten und Kommunisten – sind es in Wien die Juden, die in erster Linie unter dem revolutionären Angriff der Nazis zu leiden haben. In 14 Tagen ist es gelungen, die Juden einem unendlich härteren Regime zu unterwerfen, als es in Deutschland in einem Jahr erreicht wurde." So die New York Times vom 23. März 1938.

Die Wiener Juden waren nicht Opfer einer fremden Politik. Bereits am 4.Februar 1938, fünf Wochen vor dem Anschluss, hatten Jugendliche eine Rauchbombe in den Tempel in der Hetzgasse geworfen. Jene Ausschreitungen und Raubzüge, die bisher in Deutschland unvorstellbar gewesen waren und nunmehr das besondere Ambiente des nazistischen Wien ausmachten, setzten nicht erst nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ein. Die heimischen Nationalsozialisten machten sich schon am Freitag, dem 11. März, an die Arbeit. SA, SS und Gendarmerie drangen in hunderte Wohnungen ein, um alle erdenklichen Wertgegenstände zu rauben – nach bereits lange vorbereiteten Proskriptionslisten.

Wiener Antisemiten erfanden die sogenannten Reibpartien. Eine Mordshetz, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit scharfer Lauge und Zahnbürsten hatten die Wiener Juden die Symbole und Parolen des Ständestaates vom Gehsteig zu waschen. Wo keine Kruckenkreuze mehr aufgestrichen waren, malte die SA zusätzliche auf, um den Spaß noch Monate fortzuführen. In den Synagogen wurden Thorarollen verbrannt. Juden wurden durch die Straßen gezerrt, wurden geprügelt, Orthodoxen wurden die Bärte rasiert.

Der zionistische Emissär Leo Lauterbach schrieb, die Verfolgten würden nicht mehr wagen, ihr Haus zu verlassen. Wenn er sie in ihren Wohnungen aufsuchte, traf er auf Menschen, die vor Angst zitterten und stammelten. Jenes Wien, in dem sie sich bisher daheim gefühlt hatten, war zu ihrer Falle geworden. Männer in Uniform und in Räuberzivil stürmten Tempel, griffen mit Dolch und Gummiknüppel jüdische Banker und Geschäftsleute auf. Die Raubzüge und Arisierungen nahmen solche Ausmaße an, dass selbst der Völkische Beobachter die sogenannten Volksgenossen zur Mäßigung aufforderte. Es brauche doch keiner ungeduldig werden. Alles werde seine Ordnung haben: "Pogrome werden keine veranstaltet, auch nicht von der Frau Hinterhuber gegen die Frau Sara Kohn im dritten Hof, Mezzanin, bei der Wasserleitung!"

Die Opfer wussten nicht, wie ihnen geschah. Wer von ihnen in jenen Tagen in das Deutsche Reich fahren konnte, pries sich glücklich, dem Kesseltreiben in Wien entkommen zu sein. Während das Novemberpogrom für die deutschen Juden eine einschneidende Wende bedeutete, unterschied es sich hierzulande nicht so sehr in der Qualität wie in der Quantität von vorherigen Gewalttaten. So kann gesagt werden: Während im März 1938 der "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte, wurde mit dem Novemberpogrom 1938 der Anschluss des "Altreichs" an die "ostmärkische Judenpolitik" vollzogen. Nach dem Pogrom wurde in einer "Besprechung über die Judenfrage" Wien ausdrücklich als Vorbild gepriesen. Über die Verwüstungen von Geschäften und Wertsachen drückte Göring zunächst sein Missfallen aus, aber über die Verhältnisse in der "Ostmark" war er begeistert. Sie sollten für Deutschland Modellcharakter haben.

Experten der Vertreibung

In Wien fand der Probegalopp statt. Die "Zentralstelle für Jüdische Auswanderung" wurde zur Koordinationsstelle der nazistischen "Judenpolitik". Sie funktionierte im Fließbandsystem. Die Menschen wurden abgefertigt. Sie waren gezwungen, ihr gesamtes Vermögen für ihr nacktes Überleben zu zahlen. Die Juden verließen das Amt ausgeplündert und mit einer Ausreiseerlaubnis. Wer nicht binnen 14 Tagen das Reich verlassen hatte, dem drohte das Konzentrationslager. Die Zentralstelle kontrollierte die jüdische Gemeindeadministration und organisierte später die Deportationen in die Vernichtung. Bald wurde dieses Modell in Berlin und Prag, dann in anderen Ländern kopiert. In Wien entstand der Prototyp dessen, was in den Ghettos "Judenrat" genannt wurde. Nicht wenige jener Täter, die von einer dieser Zentralstellen zur nächsten wanderten, stammten aus Österreich. Hierzulande waren sie Experten der Vertreibung und Vernichtung geworden. Die Eichmann-Männer nannte der Historiker Hans Safrian sein Buch über diese heimischen Verbrecher.

Zuweilen stoße ich auf Texte, in denen immer noch so getan wird, als wären die Massen 1938 mit Gewalt auf den Heldenplatz gekarrt worden, als wären die Begeisterten gegen ihren Willen die Bäume, die Monumente und selbst die weit entfernte Pallas Athene hochgejagt worden, als wären sie gezwungen worden, jenem Führer auf dem Balkon zuzujubeln. Zweifellos gab es andere, die nicht ins Gegröle einstimmten, und nicht unerwähnt dürfen jene bleiben, die in den Untergrund und ins politische Exil gingen. Den Lügen der Nazis setzten sie entgegen, Österreich sei nicht angeschlossen, sondern besetzt worden. Sie kämpften gewiss nicht für eine Lebenslüge, sondern gegen die Barbarei. Wer aber heute noch behauptet, das ganze Land sei ein einziges Widerstandsnest und nichts als das erste Opfer Hitlers gewesen, lügt.

Die Überlebenden erzählen, was sie im Wien jener Jahre mitzumachen hatten, wie sich die Nachbarn in Todfeinde verwandelten. Sie berichten auch, wie mit ihnen nachher, in der Zweiten Republik, umgegangen wurde. Franzi Löw war von der Annexion bis zur Befreiung, die ihre Landsleute unverdrossen den Zusammenbruch nennen, in Wien. Sie blieb da, nachdem die Gemeinde vertrieben oder ermordet war. Für die wenigen, die noch nicht deportiert wurden – die etwa durch die Ehe mit einem nichtjüdischen Menschen geschützt waren – gab es ein jüdisches Spital, einen jüdischen Ältestenrat und eben eine jüdische Fürsorgerin. Sie hatte für Kranke, für Gefangene, für sogenannte Mischlinge zu sorgen, doch um fünf Uhr in der Früh, ehe sie in die Arbeit ging, holte sie bei zwei nichtjüdischen Bäckern illegal Milch und Brot. Danach suchte sie heimlich manche der wenigen Untergetauchten, die U-Boote, auf und sammelte Lebensmittelkarten, Bekleidung, Geld und Naschereien für die Kleinen im Versteck. Ihr gelang es sogar mithilfe von Pater Ludwig Born, falsche Taufscheine für jüdische Waisenkinder zu beschaffen.

Franzi Löw ist vor einigen Jahren gestorben. Ich widmete ihr meine Studie Instanzen der Ohnmacht. Erst vor einiger Zeit erfuhr ich, dass es neueren Nachforschungen zufolge wohl Franzi Löw gewesen war, der das Überleben jenes kleinen dunkelhaarigen Naseweis zu verdanken ist, der damals, als Säugling, den Decknamen Robert Soël trug. Der erwachsene Robert Schindel lernte seine Lebensretterin nicht mehr kennen.

Viele Stunden befragte ich sie. Wenn ich den Mitschnitt abspiele, sehe ich sie wieder vor mir, sehe die Butterbrote, dick bestrichen, und den Marillenstrudel, und ich höre ihre feine Stimme mir antworten: "Wir sind überrumpelt worden." (Doron Rabinovici, ALBUM/DER STANDARD, 01/02.03.2008)

Zur Person:
Doron Rabinovici wurde 1961 in Tel Aviv geboren. Er lebt seit 1964 in Wien. Er ist Schriftsteller, Essayist und Historiker. Zuletzt erschienen von ihm 2005 der Roman "Ohnehin" bei Suhrkamp, im Jahr 2001 "Credo und Credit. Einmischungen" (edition suhrkamp) und im Jahr 2000 "Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938–1945. Der Weg zum Judenrat." (Jüd. Verlag bei Suhrkamp). Er war Mitinitiator der Großdemonstration "Nein zur Koalition mit dem Rassismus" im Februar 2000.
  • Doron Rabinovici: "Zuweilen stoße ich auf Texte, in denen immer noch so getan wird, als wären die Massen 1938 mit Gewalt auf den Heldenplatz gekarrt worden, als wären die Begeisterten gezwungen worden, jenem Führer auf dem Balkon zuzujubeln."
    foto: heribert corn

    Doron Rabinovici: "Zuweilen stoße ich auf Texte, in denen immer noch so getan wird, als wären die Massen 1938 mit Gewalt auf den Heldenplatz gekarrt worden, als wären die Begeisterten gezwungen worden, jenem Führer auf dem Balkon zuzujubeln."

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