Auf dem Militärflughafen Mihail Kogalniceanu wurden rätselhafte Pakete umgeladen
Flugplatz Mihail Kogalniceanu - Es geschah immer um 01.00 Uhr
früh: In einem abgetrennten Bereich des streng gesicherten
Militärflugplatzes Mihail Kogalniceanu, so berichtet es ein hoher
Beamter, beziehen zwei Scharfschützen Stellung auf einem Gebäudedach.
Wenig später trifft ein schwarzer Kleinbus ein und bleibt stehen.
Dann landet ein Flugzeug, und der schwarze Bus fährt zu der Maschine.
Große rätselhafte Pakete werden ausgeladen und in den Jet gebracht.
So hat sich das dem Informanten zufolge dreimal im Jahr 2004 und
zweimal 2005 abgespielt. Die Maschinen flogen anschließend nach
Nordafrika, an Bord ihre mysteriöse Fracht und zwei CIA-Agenten. Der
Beamte vermutet, dass es sich bei den verschnürten Paketen um
Menschen handelte, Terrorverdächtige in der Gefangenschaft des
US-Geheimdienstes.
Informant will anonym bleiben
Der Beamte hat diese Vorgänge der Nachrichtenagentur Associated
Press (AP) unter der Bedingung geschildert, dass er anonym bleiben
müsse. Sie passen zu dem schon lange von Menschenrechtsanwälten
geäußerten Verdacht, dass Rumänien in das CIA-Programm der
"außergewöhnlichen Übergabe" verwickelt war, bei dem es darum ging,
Terrorverdächtige entgegen gesetzlicher Vorschriften in andere Länder
zu bringen. Die Menschenrechtler werfen der CIA vor, sie habe die
Gefangenen in Länder gebracht, in denen Folter eine übliche Praxis
sei.
Erst nach und nach kommen die genauen Umstände dieser Transporte
ans Licht, oft zum Leidwesen der US-Verbündeten. So musste die
britische Regierung in der vergangenen Woche vor dem Unterhaus
einräumen, dass die zum Vereinigten Köngireich gehörende Insel Diego
Garcia im Indischen Ozean zweimal zum Wiederauftanken von Flugzeugen
genutzt wurde, die bei Geheimtransporten von Terrorverdächtigen
eingesetzt wurden.
EU kritisiert CIA-Transporte
Die EU-Kommission hat Polen und Rumänien kürzlich vorgeworfen, der
Aufforderung nach einer Stellungnahme zur Verwicklung in die
CIA-Transporte auszuweichen. Beide Regierungen haben alle Vorwürfe
zurückgewiesen, darunter auch den Bericht von Dick Marty, dem
Beauftragten des Europarats. Der Schweizer Diplomat kam zu dem
Schluss, dass die Gefangenen meist gefesselt waren, nackt und
isoliert gehalten wurden. Eine solche Behandlung widerspricht der
Europäischen Menschenrechtskonvention und würde auch einen Verstoß
gegen das rumänische Recht darstellen sowie gegen die Verpflichtung
des Landes zur Einhaltung der Menschenrechte, eine zentrale Bedingung
für den EU-Beitritt von Rumänien zum Jahresbeginn 2007.
Nach dem Bericht des rumänischen Informanten waren die US-Piloten
nach gefälschten Flugplänen unterwegs - oder nach gar keinen Plänen.
Ihre Ziele wurden nicht angegeben. Eingesetzt wurden Frachtflugzeuge
des Typs C-130 Hercules oder andere Maschinen der US-Streitkräfte.
Sie wurden stets in einem abgesperrten Teil nahe der Landebahn
abgestellt - unter dem Vorwand einer technischen Störung. Sie
schienen auf eine Reparatur zu warten, die aber niemals erfolgte.
Kein Zutritt für Rumänen
Zu drei Gebäuden des Luftwaffenstützpunkts hatten Rumänen keinen
Zutritt. Hier gingen nur Amerikaner ein und aus. "Es war alles so
eingerichtet, dass es so wirken sollte, als ob ganz normale
Aktivitäten im Gange seien", sagte der Beamte. "Aber glauben Sie mir,
es war sehr ungewöhnlich."
Aus einer Entfernung von 50 Metern habe man den Eindruck gehabt,
dass Pakete in das Flugzeug gebracht würden. Er vermute aber, dass es
sich um zusammengeschnürte Menschen gehandelt habe. Die gesamte
Szenerie habe überhaupt nicht an einen üblichen Frachtverkehr
erinnert.
Präsident weiß von nichts
Der rumänische Präsident Traian Basescu erklärte, er habe
keinerlei Kenntnis von solchen Vorgängen. Er wisse nichts von
Paketen, sagte Basescu im Fernsehen. Und sofort nach Bekanntwerden
der Vorwürfe im Jahr 2005 sei der Luftwaffenstützpunkt für rumänische
und ausländische Journalisten zugänglich gemacht worden.
Der Kommandant des Stützpunkts, Adrian Vasile, wies die
Darstellung zum Transport von Gefangenen ebenfalls zurück. "Der
Flugplatz wurde nie für CIA-Flüge genutzt", sagte er der amtlichen
Nachrichtenagentur Rompres. Auch hätten die Rumänen Zugang zu allen
Gebäuden auf dem Stützpunkt.
Aber der ehemalige Sicherheitsberater des Präsidenten, Ioan
Talpes, sagte im AP-Gespräch, der Stützpunkt Mihail Kogalniceanu habe
eine Vereinbarung mit der CIA gehabt. Der Geheimdienst habe den
Stützpunkt demnach nach eigenen Bedürfnissen nutzen können. "Es gab
offizielle Abmachungen geheimer und vertraulicher Natur, die
CIA-Flugzeugen das Recht gaben, auf rumänischen Flugplätzen zu
landen", sagte Talpes, der für den früheren Präsidenten Ion Iliescu
tätig war. "Sie hatten dort Aktionen, von denen wir nichts wussten."
Iliescu habe zugesichert, dass sich Rumänien um die Sicherung des
Zauns kümmere und sich ansonsten nicht einmische.
Der unabhängige Menschenrechtsermittler John Sifton sagte, die von
dem Informanten angegebenen Daten und Beschreibungen passten zu den
Zeiten und Strecken von bekannten CIA-Transporten in den Datenbanken
der Luftverkehrssicherheitsbehörde Eurocontrol. Dazu gehört ein Flug
im April 2004 von der US-Basis Guantanamo auf Kuba über Mihail
Kogalniceanu nach Casablanca in Marokko. "Das war eine Zeit, in der
sie Leute herumbewegten", sagte Sifton der Nachrichtenagentur AP. Die
Zwischenlandungen in Rumänien, fügte er hinzu, "kommen wir ziemlich
zwielichtig vor".
Nach dem Bericht Martys hielt die CIA zwischen 2002 und 2005
Al-Kaida-Mitglieder, Taliban-Führer und andere "Gefangene von hohem
Wert" in Rumänien und Polen fest. Der Bericht nennt fünf Personen,
die dies autorisierten oder zumindest davon wussten. Iliescu, Talpes,
der ehemalige Verteidigungsminister Ioan Mircea Pascu, der ehemalige
Militärgeheimdienstchef Sergiu Medar sowie der aktuelle Präsident
Basescu. Dem Bericht zufolge wurden die Gefangenen Verhörpraktiken
unterzogen, die einer Folter gleichkamen.
Regierung schweigt
Das Büro Basescus lehnte es ab, über den Inhalt des Berichts zu
sprechen. "Was haben wir damit zu tun?", erwiderte das Büro auf eine
Anfrage. Pascu sprach von einem "abgeschlossenen Thema", und Medar
lehnte eine Interviewanfrage ab.
Der Informant, der seinen Namen nicht angibt, um sich selbst zu
schützen, fragt sich, was an Bord von großen Flugzeugen aus dem Irak
geschehen sei, die auf dem Stützpunkt gelandet und dort mehrere Tage
abgestellt gewesen seien. "Sie haben falsche Informationen angegeben,
sie haben gelogen", sagte er. "Es ist viele Male geschehen, und es
gab nichts, was man tun konnte."
US-Präsident George W. Bush und Mitglieder seiner Regierung haben
die Transporte bestätigt, aber nicht die Namen der beteiligten Länder
genannt. Zu den Foltervorwürfen haben sie erklärt, die Vereinigten
Staaten setzten keine Folter ein.
Nach rumänischen Angaben haben die US-Streitkräfte etwa zwölf
Millionen Euro in den Stützpunkt Mihail Kogalniceanu investiert,
darunter 2,7 Millionen Euro für einen Zaun, eine neue Wartungshalle
und Straßenbauarbeiten. Der ehemalige Sicherheitsberater Talpes
sagte, die rumänischen Behörden hätten sich aus der "respektierten
Zone" der USA herausgehalten, weil sie sich nicht einer
"unfreundlichen Geste" schuldig machen wollten. Der Flugplatz habe
vor allem für Truppen- und Versorgungstransporte in den Irak und nach
Afghanistan gedient. Auf die Frage, ob er von Folterungen wisse,
antwortete Talpes: "Selbst wenn ich wüsste, dass einer meiner
Verbündeten etwas getan hat, würde ich es Ihnen nicht sagen."
CIA verteidigt Gefangenentransporte
CIA-Sprecher Mark Mansfield sagte, der Geheimdienst nehme zu der
Darstellung mit dem schwarzen Kleinbus nicht Stellung. Die Transporte
von Gefangenen verteidigte er jedoch als legal und effektiv. "Sie
haben mögliche Anschläge gestört, indem Terroristen von der Straße
genommen wurden. Und sie haben uns und unseren ausländischen Partnern
erlaubt, wertvolle Erkenntnisse über Terroristen zu erhalten, die auf
freiem Fuß sind."
Die rumänische Senatorin Norica Nicolai, ehemalige Ermittlerin und
Leiterin einer parlamentarischen Untersuchung, sagte, ihre
Überprüfungen hätten keinen Beweis dafür ergeben, dass die CIA ein
Gefängnis in Rumänien unterhalten habe oder Verhöre vorgenommen habe.
Sie warte noch auf die Antwort zu einer Anfrage an Marty, seine
Quellen zu nennen. "Es ist in unserem Interesse zu sehen, was
geschehen ist", sagte Nicolai. "Wir sind kein Land der Dritten Welt."
Aber der Oppositionspolitiker Cosmin Gusa hält eine umfassende
Aufklärung für unwahrscheinlich. "Niemand will da tiefer gehen",
sagte Gusa. "Sie wollen darüber nicht sprechen. Dieses Thema ist
tödlich." (William Kole/Associated Press)