Institutionalisierte Hoffnungslosigkeit

28. Februar 2008, 21:00
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Peripherie gegen Zentrum, Nomaden gegen Bauern, transnationale Stammesfehden und internationale Interessen: ein Standard- Lokalaugenschein

Das größte Land Afrikas, der Sudan: Peripherie gegen Zentrum, Nomaden gegen Bauern, transnationale Stammesfehden und internationale Interessen. Ein Lokalaugenschein in Khartum und Darfur von Gudrun Harrer.

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Wenige Minuten nach dem Aussteigen sind wir von einer Gruppe Männer umringt: Routiniert begrüßt uns der Wortführer, Abdulbasit, der sich als einer der 34 (gewählten) Bürgermeister bezeichnet. Im Lager Salam bei al-Fashir, der Hauptstadt der Provinz Norddarfur, wohnen 51.000 Menschen; mehr kann es nicht aufnehmen, deshalb gibt es einen Aufnahmestopp, sagt Abdulbasit. Dass es weniger werden, weil die IDPs (Internally Displaced Persons, Binnenflüchtlinge) vermehrt in ihre Dörfer zurückkehren, wie die Behörden behaupten, kann er nicht bestätigen.

Das Lager, das wir selbst für unseren Besuch ausgesucht haben, macht einen armen, aber ordentlichen Eindruck, die Latrinen hinter Plastikplanen, die Wasserstellen. Nichts funktioniert wirklich gut hier, erklärt Abdulbasit, aber das Wasser noch am besten. Die Schulen im Lager hat Schweden gebaut. Die wenigen Frauen, die man sieht, sind im Gegensatz zu den Männern mit Arbeit beschäftigt. Kinder laufen uns nach, wollen fotografiert werden, allerdings ohne uns nachher anzubetteln wie in der Stadt, sie wollen nur die Fotos sehen. Im allgemeinen Treiben spricht mich ein alter Mann an: Es sei eine Schande, dass diese Kinder keine gute Ausbildung bekommen.

Was uns NGOs berichtet haben, bestätigt sich: Die Flüchtlinge, in diesem Fall aus dem großen Stamm Fur, der den drei sudanesischen Westprovinzen den Namen gegeben hat (Dar Fur: das Haus der Fur), nennen als große Priorität die Erziehung ihrer Kinder. Die meisten Lehrer kommen aus al-Fashir ins Lager, in der Früh sind sie meist spät dran, deshalb haben die Kinder hier weniger Unterrichtsstunden als anderswo im Sudan und sind benachteiligt, geht die Klage. Mittelschulen gibt es im Lager nicht, die Kinder, die nach al-Fashir hineingehen müssen, kommen dort schon müde an.

Misstrauen gegen alle

"Niemand will hier bleiben", sagt der frühere Bauer Abdulbasit auf die Frage nach einer Heimkehr. Aber die Hoffnung darauf hat er verloren. Die genaueren Umstände seiner Flucht, aus Tawila, lässt er sich eher aus der Nase ziehen. Als die Regierung bombardierte und die Janjaweed, die arabischen Reitermilizen, angriffen, so erzählt er dann, hatten die Rebellen, die zuvor die Stadt kontrollierten, diese schon wieder verlassen. Regierung und Janjaweed sind für ihn ein und dasselbe. Die Rebellen kämpfen "für uns", sagt er. Trotzdem beteuert er, dass die Flüchtlinge auch auf die Rebellengruppen keine Hoffnung mehr setzen, auf die Regierung ohnehin nicht.

Das Misstrauen Abdulbasits erstreckt sich auf die "Freunde der Regierung", er nennt Chinesen und Russen. Nur UNO und NGOs könnten helfen, aber die machen bei weitem nicht genug. Die Delegationen kommen und gehen.

Die Lagerführungen entwickeln sich zu einer starken politischen Kraft, sie seien gut organisiert und untereinander vernetzt, berichtet ein UNO-Vertreter. So wird darauf geachtet, dass alle die gleichen Positionen haben. Die Lager sind auf dem Weg zur Institutionalisierung: Die Bewohner verlangen von der Regierung langfristige Infrastruktur, was dann - diese Position der Regierung bestätigen NGOs - deren Rückführung nicht gerade erleichtert.

Da die Lagerbewohner kein Vertrauen in die Behörden haben, die nach eigener Aussage für die Sicherheit in den Camps sorgen, sondern, im Gegenteil, Übergriffe beklagen, droht deren Militarisierung: Rebellen bringen Waffen hinein. In den Lagern sind die Anhänger jener Rebellengruppen, die den DPA (Darfur Peace Accord) im Mai 2006 nicht unterschrieben haben, in der Mehrzahl, aber es gibt eine Spaltung in solche, die verhandeln wollen, und andere. Die UNO versucht, die Gruppen zusammenzuführen. Die Rebellenszene hat sich nach dem nur von der SLM/A (Sudan Liberation Movement/Army) von Minni Minnawi getragenen Friedensschluss weiter aufgesplittert.

Dessen zweiter Mann, Mustafa Tirab, gibt zu, dass die politischen Probleme, die dem Konflikt zugrunde liegen, noch ungelöst sind. Durch die schleppende Integration der Ex-Rebellen in die Sicherheitskräfte bestehe auch die Gefahr, dass etliche den Friedensprozess wieder verlassen. Aber das wichtigste sei im Moment, die draußen gebliebenen Rebellen - er nennt im wesentlichen fünf Namen - hereinzubekommen.

Die Klage zieht sich durch alle Treffen mit sudanesischen Offiziellen: Die Vermittler des DPA, allen voran der jetzige Weltbankpräsident Robert Zoellick, hätten damals versprochen, dass sie die Rebellen, die nicht unterschreiben, dafür verantwortlich machen werden. "Der Druck wird aber weiter nur auf die Regierung, nicht auf die Rebellen ausgeübt", sagt Staatspräsident Omar al-Bashir im Gespräch. Deshalb habe sich das Darfur-Friedensabkommen nicht weiterentwickelt. "Jedes Mal, wenn eine US-Drohung kommt, feiern die Rebellen und fühlen sich in ihrer Kompromisslosigkeit bestätigt", sagt auch ein ehemaliger Rebell aus dem Süden.

Die Behörden beteuern aber, dessen ungeachtet, dass sich die Situation in Darfur seit dem DPA verbessert. Laut dem Gouverneur von Norddarfur, Osman Kibir Yussuf, sind sowohl die Zahl der Gewaltakte als auch die der IPDs in den Lagern massiv gesunken. Darfur, das ist auch ein Streit um Zahlen; die westlichen Opferzahlen von bis zu 300.000 Toten werden ohnehin empört zurückgewiesen.

Loyalitäten verschaffen

Auch UNO-Beobachter bestätigen, dass es eine "weitgehende Abkoppelung" zwischen sudanesischer Armee und den arabischen Milizen gibt. Die Regierung versucht jetzt vermehrt, auf andere Art Loyalitäten zu gewinnen - etwa durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, besonders in Süddarfur. Was gut klingt und ist, bringt aber neue Probleme - denn es geht eben wieder zuungunsten anderer Gruppen aus.

Die Operationen in Westdarfur, bei denen Anfang Februar mehrere Dörfer bombardiert wurden, bezeichnen Beobachter als unproportional, auch wenn bestätigt ist, dass die Ortschaften von Rebellen gehalten wurden (die allerdings beim Regierungsangriff schon wieder weg gewesen sein dürften). Die humanitäre Lage ist unklar, sagt die UNO - wieder einmal differieren die Angaben über Opfer- und Flüchtlingszahlen. Eines ist klar, die Unamid, die Hybrid-Mission zwischen UNO und Afrikanischer Union (AU), ist schwach und zahnlos. Khartum bleibt dabei, dass es keine UNO-Soldaten aus dem Westen auf seinem Boden haben will: historische Ressentiments. Allerdings scheint Bewegung möglich, was asiatische UNO-Truppen anbelangt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.2.2008)

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    Ein afrikanischer Soldat der Unamid, der Hybrid-Mission der UNO und AU (Afrikanische Union) in Darfur, spricht mit einer Frau, die nach den jüngsten Regierungsangriffen in Westdarfur geflohen ist.

  • Abdulbasit (links), einer der gewählten Bürgermeister des Flüchtlingslagers Salam bei al-Fashir im Norddarfur, mit anderen Männern.
    foto: harrer

    Abdulbasit (links), einer der gewählten Bürgermeister des Flüchtlingslagers Salam bei al-Fashir im Norddarfur, mit anderen Männern.

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