Zubin Mehta: "Ich habe immer Pfefferoni bei mir"

28. Februar 2008, 17:55
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Der Dirigent der Neuproduktion von Giuseppe Verdis "La forza del destino", die am Samstag an der Wiener Staatsoper Premiere hat, erinnert sich

... noch an die letzte von ihm geleitete Wiener Verdi-Premiere, die jedenfalls unter keinem guten Stern stand.


Wien – Glaubt man Zubin Mehta, so halten es viele Künstler für gefährlich, Giuseppe Verdis Macht des Schicksals aufzuführen. Der düstere Inhalt des Werkes, den man ohnedies nie so ganz versteht, könnte, so meinen sie, Unglück bringen. Doch auch der Troubadour, dessen Libretto an Verworrenheit und an unheilvollem Inhalt der Macht des Schicksals in nichts nachsteht, kann es in sich haben.

Die Premiere im Oktober 1993, die Zubin Mehta damals an der Wiener Staatsoper dirigiert hat, stand ja ebenfalls unter keinem guten Stern. Grund des Unheils war damals Cheryl Studer, die als Leonore nicht die allerglücklichste Figur machte. Mehta sieht das anders: Noch nach 15 Jahren ergreift er in ritterlicher Loyalität für die Studer Partei.

Mehta: "Sie hat eigentlich nur ein einziges hohes C verfehlt. Und schon ist vom Stehplatz aus ein Zischen losgegangen. Manchmal macht es sich das Publikum sehr leicht. Sonst hat sie die Partie nämlich tadellos gesungen. Ich habe ihr am Schluss demonstrativ applaudiert."

Dem bald 72-jährigen Maestro scheinen – ganz im Gegensatz zur von ihm verströmten souveränen Gelassenheit – solche unvorhergesehenen und heiklen Situationen vielleicht doch nicht ganz unwillkommen. So meldete er sich während seiner gegenwärtigen Probenzeit freiwillig als Pultkämpfer im Staatsopernrepertoire und dirigierte kürzlich eine sehr passable Aida.

Alles, was fad und abgesichert ist, scheint ihm auf die Nerven zu gehen. Das beginnt schon beim Essen.

Mehta: "Die Speisen, die man hier bekommt, schmecken wie in einem Spital. Darum schaue ich, dass ich immer ein paar Pfefferoni bei mir habe. Ich habe sie mir jetzt auch in mein Hotelzimmer bringen lassen."

Und auch seine Programme versteht er mit wachem Instinkt für das, was dem Publikum zumutbar und bekömmlich ist, zu würzen. Mehta: "Bei meiner Familie (worunter er das Israel Philharmonic Orchestra versteht, dessen Chefdirigent er seit 1969 ist, Anm.), da bin ich vorsichtig. Die Menschen dort unten haben seit 60 Jahren Krieg. Sie möchten sich, wenn sie in ein Konzert gehen, nicht anstrengen, sondern ein wenig erholen. Ausnahmen gibt es freilich. Zum Beispiel, als neulich der 98-jährige Josef Tal zur Aufführung eines seiner Werke erschienen ist, da hat das Publikum natürlich gejubelt. Wäre er nicht anwesend gewesen, wäre es vielleicht kein so großer Erfolg geworden."

Überdies hält er sogar die Moderne-Kapazität eines erfahrenen Spitzenorchesters für begrenzt.

Mehta: "Als ich zum Beispiel 1978 das New York Philharmonic Orchestra von Pierre Boulez übernommen habe, da sind die Musiker zu mir gekommen und haben gesagt, Boulez habe sehr oft zwei moderne Werke auf das Programm eines Abends gesetzt. 'Mach das, bitte, nicht auch! Wir können das nicht. Es geht über unsere Kräfte.' Ich habe immer nur ein zeitgenössisches Werk gespielt." Vor allem Olivier Messiaen, mit dem Mehta freundschaftlich verbunden war, hat er immer wieder aufgeführt. So ist es nicht verwunderlich, dass Messiaen auch beauftragt wurde, zur Feier des 150-jährigen Bestehens des New York Philharmonic, dessen Chefdirigent Mehta 13 Jahre war, ein neues Werk zu komponieren. Mehta hat alle großen Orchesterwerke Messiaens aufgeführt und dabei die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht.

Mehta: "Es war ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich eine Einführung in ein Werk gegeben habe – und Messiaen war anwesend. Oder noch schlimmer, wenn die Leute während einer Aufführung scharenweise den Saal verlassen haben und der Komponist, den natürlich kein Mensch gekannt hat, das miterleben musste. Das war für mich ein schreckliches Gefühl."

Wagner ist ein anderes Steckenpferd, das Mehta gerne reitet. So hat er 1981 in Israel mit seinem Israel Philharmonic Orchestra dessen Werke aufgeführt, was zu einem beispiellosen Skandal führte. Worauf ihn das Orchester aus Solidarität zum "Chefdirigenten auf Lebenszeit" ernannte. Auch als Chefdirigent des Maggio Musicale verlangt er sehr konsequent dem Orchester seinen Wagner ab.

Den Wagner-Ambitionen der Mailänder Scala, die die letzte Saison mit Tristan und Isolde eröffnet hat, begegnet er mit demonstrativem Optimismus.

Mehta: "Unter Barenboims Leitung wird das Orchester der Scala Wagners Orchesterstil sicher sehr bald lernen. Man muss einen bestimmten Klang von den Musikern so lange verlangen, bis er genau so gelingt, wie man ihn sich vorstellt. Manche Dirigenten warten das aber nicht ab, und sie gehen einfach weiter. Das darf man aber nicht."

Mehta scheint mit den Orchestern, mit denen er lange zusammengearbeitet hat, überhaupt eine gemeinsame geistige und auch künstlerische Identität zu entwickeln.

Mehta: "Wenn ein anderer Dirigent eines meiner Orchester leitet, dann glaube ich manchmal, dass ich selber dirigiere. Vor allem dann, wenn der Gast, der an der Spitze des Orchesters steht, keine besonders starke Persönlichkeit ist."

Einmal ist es allerdings vorgekommen, dass der gebürtige Inder selbst zum Medium eines omnipräsenten Überdirigenten geworden ist.

Mehta: "Sergiu Celibidache, den ich ganz besonders geschätzt und verehrt habe, war krank und konnte unmöglich dirigieren. Er hat mich ersucht, dass ich ihn vertrete. Ich bin ans Pult gegangen und habe gedacht, Celibidache steht hinter mir. Ich habe eigentlich nicht gewusst, dirigiert er oder ich. Es war ein mystisches Erlebnis. Für dieses Konzert habe ich auch kein Honorar genommen, sondern den Betrag für die Orchesterakademie verwendet." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.2.2008)

  • Zubin Mehta, Leib- und Seelendirigent der Wiener Philharmoniker, stand nicht nur schon viermal am Pult ihres Neujahrskonzertes, sondern wird das Orchester im Juni auch auf einer zehntägigen Kreuzfahrt begleiten.
    foto: standard / christian fischer

    Zubin Mehta, Leib- und Seelendirigent der Wiener Philharmoniker, stand nicht nur schon viermal am Pult ihres Neujahrskonzertes, sondern wird das Orchester im Juni auch auf einer zehntägigen Kreuzfahrt begleiten.

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