Ab mit der Hecke!

29. Februar 2008, 13:25
3 Postings

Die Tätigkeit des Staudenschneidens kann suchtartiges Verhalten auslösen, berichtet Ute Woltron

Seit die Gemeinde T. im südlichen Niederösterreich über die ökologisch an sich vorbildliche Einrichtung einer Biohäcksel-Fernwärme-Heizanlage verfügt, die auch mit Strauchwerkabschnipseln gefüttert werden kann, wird es an allen Straßenrändern in und um diesen ehemals der Veredelung des Stahles verpflichteten Ort verdächtig kahl und kahler, und zwar ausnahmslos. Kein Meter Fahrbahnrand bleibt unberührt.

In Orange gekleidete Mannen haben seit mehreren Wochen alle behandschuhten Hände voll damit zu tun, die Hebelvorrichtungen riesiger fahrender Heckenschneidemaschinen zu bedienen und mit mahlendem Krachen meterhohe Hetscherln, Weißdorn, Pfaffenkappeln, Schlehen sowie alles andere Staudenwerk am Wegesrand bereits wenige Zentimeter über dem kargen Steinfeldboden in langsamer, aber beständiger Fahrt mit scharfer Klinge abzusäbeln und hinzustrecken.

Die Seitenränder aller Wege und Straßen in und um T. sind mittlerweile so sauber geputzt, dass es fast schon kalifornisch-golfplatzmäßig wirkt - aber vielleicht tut man der Gemeinde Unrecht, und es ist tatsächlich ein neugewonnener Ordnungs- und Säuberlichkeitstrieb, der für die Schneiderei verantwortlich ist, und gar nicht die vermutete Heizanlagen-Brennstoff-Akquise.

Staudenschneiden

Wie auch immer. Verdächtigungen sind schnell geäußert, und bei der Betrachtung der privateren Zonen nicht nur dieser Gegend in und rund um T. muss festgestellt werden, dass es auch alle anderen Heckenbesitzer derzeit (fast) genauso machen: Das heißt - es wird momentan überall staudengeschnitten, was das Zeug hält. Ja, liebe Überkorrekte, macht den Mund gleich wieder zu: Wir wissen eh, dass der Begriff Staude hier nicht wissenschaftlich richtig angewandt wurde, weil Stauden vielmehr krautige, nicht verholzende, mehrjährige Pflanzen sind, die ... Und so weiter.

Die Bezeichnung "Stauden" wird hier bewusst mundartlich für Büsche, Sträucher und andere holzige Grünzeuger eingesetzt, die, darauf pochen wir, hierzulande eben "Stauden" sind - und noch etwas: Wir reden hier nicht von Thujenhecken, damit das klar ist, sondern von ökologisch unvergleichlich wertvolleren endemischen Gewächsen, in denen sich Insekten und Vögel wohlfühlen und die nicht nach Friedhof stinken.

Nun, nachdem wir diese Fliege in den flüssigen Bernstein unserer Ausführungen eingeschlossen haben, zurück zur Sache: Wer sich noch nie an der befriedigenden Tätigkeit des Schneidens von Stauden versucht hat, kann überhaupt nicht ermessen, wie sehr man sich darin verlieren, ja nachgerade auflösen kann, wie beglückend das Staudenschneiden ist - bevor man dann wieder daraus erwacht. Normalerweise beginnt der Prozess damit, dass man zufälligerweise das eine oder andere aus einer Hecke oder einem Strauch herausstechende Ästchen entdeckt und als überflüssig empfindet. Die Gartenschere ist schnell gezückt. Schnipp. Ab. Wer in diesem Moment innezuhalten und die einmal losgelassenen Kräfte kreativer Destruktion zu zügeln imstande ist, ist ein Übermensch.

Der Rausch des Schneidens

Wir anderen bemerken vielmehr ganz plötzlich - so, als seien sie zuvor nicht da gewesen - noch viele andere gänzlich überflüssige, zu lange, zu alte oder irgendwie auffallend sitzende Ästchen, an denen dringend und sofort herumgeschnipselt werden muss. Wenn man die Schere schon bei der Hand hat ...

Da sich allerdings auch ordentliche Äste unter diesen Ästchen befinden, wird die Gartenschere recht bald zugunsten kräftigeren Geräts aus der Hand gelegt. Gartenzangen mit ausziehbaren Griffen, um auch in höhere Gefilde schneidend vordringen zu können; Heckenscheren, mit Akkubetrieb oder am Stromkabel hängend, das unweigerlich ein Mal pro Saison mit abgeschnitten wird; und, ja!, endlich!, die Krone der Gartengeräteschöpfung, die Motorsäge mit dem Mindestens-30-Zentimeter-Schwert - alles ist uns recht, sobald wir vom Rausch des Schneidens erfasst sind.

Gelegentlich entringen Nachbarn oder Verwandte einander gegenseitig das schwerste Gerät, um Totalschäden zu vermeiden, weil, wie gesagt, der Schneiderausch den Verstand umnebelt. Passen Sie also gut auf, wenn Sie Gartenscheren in die Hand nehmen. Es kann ganz übel enden. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/29/02/2008)

  • Die Gartenschere ist schnell gezückt. Schnipp. Ab.
    foto: stihl

    Die Gartenschere ist schnell gezückt. Schnipp. Ab.

Share if you care.