Das gibt's nur einmal

28. Februar 2008, 17:00
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Freunde der Schnäppchenjagd kommen auf den neuen Live-Shopping-Websites auf ihre Kosten - Hier ist jeder Tag ein Schlussverkauf

Vor ein paar Wochen schoss Amazon einen Bock: Das Internet-Kaufhaus stellte eine Acht-CD-Box der britischen Band Radiohead ins Netz, zu einem wirklich sensationellen Preis. Der Preis sollte sich als Fehler herausstellen - doch bis Amazon die falsche Etikettierung bemerkte, hatte sich die Nachricht vom Angebot bereits wie ein Lauffeuer in Foren und Blogs verbreitet. Bis auf Verkaufsrang zwei war das ungewöhnliche Angebot bereits geklettert. Und während das Internetmedienkaufhaus eine Flut von Stornierungen versandte, stellten sich diverse Glückliche ihr CD-Set ins Regal.

Was bei Amazon bloß ein dummer Fehler war, haben diverse Internetanbieter längst zum Verkaufskonzept gemacht: Live-Shopping nennt sich diese neue Strategie. Anstatt nur anzubieten, was sich gut verkauft, wird hier ein Produkt für einen beschränkten Zeitraum zu einem Superpreis ins Netz gestellt. Dem Käufer bleibt nur wenig Zeit, sein Schnäppchen zu machen. Mit ihm sind viele andere Benutzer auf der Jagd, und da das Produkt nur in begrenzter Stückzahl verkauft wird, kann es ganz schnell wieder von der Website verschwinden.

10.000 Produkte pro Tag

Die Rechnung scheint aufzugehen: Der Live-Shopping-Vorreiter www.woot.com verkauft am Tag durchschnittlich um die 10.000 Produkte, an guten Tagen sogar 20.000 bis 30.000. Im vergangenen Jahr kletterte sein Umsatz auf geschätzte 75 Millionen Dollar. Gab es am Anfang nur Technikprodukte, ist das Sortiment mittlerweile erweitert und bei Weinen und Kleidung angekommen.

Auch im deutschsprachigen Raum lässt sich auf diversen Live-Shopping-Plattformen einkaufen, die von der steigenden Lust des Verbrauchers profitieren, im Internet Geld auszugeben. Laut einer Bitcom-Statistik haben im vergangenen Jahr 26 Prozent der Österreicher das Internet für Warenkauf, Reisebuchung und kostenpflichtige Downloads genutzt - doch diese Zahl hat rasant angezogen, allein in den vergangenen drei Monaten stieg sie auf 37 Prozent, sagt das Institut Integral Markt- und Meinungsforschung.

Einfache Strukturen erwarten den Verbraucher auf den Live-Shopping-Seiten. Getreu dem Motto "Ein Tag, ein Produkt, ein Preis" besteht nicht die Gefahr, sich in einem großen Internetkaufhaus zu verlaufen. Vielmehr ähneln sie Blogs, bei www.schutzgeld.de beispielsweise im spaßi-gen Mafia-Design. Die kurzlebigen Angebote nennen sich dort "Heiße Ware", alles dreht sich um das Tagesschnäppchen des "Paten". Sobald sich der Benutzer als "Gang-Mitglied" angemeldet hat, darf er an den Geschäften des Mafioso, sprich: den Tiefpreisen, teilhaben.

Wiederholungs- und Serientäter

Optisch eher konventionell geben sich www.guut.de und www.preisbock.de, dafür provozieren sie den preisbewussten Besucher mit einer umfangreichen Übersicht, welche Spitzenangebote er in der letzten Zeit verpasst hat. Kommentare zu schreiben ist erlaubt, und meist offenbaren sich die Kunden als sehr zufrieden. Überhaupt zeigen Statistiken der verschiedenen Live-Shopping-Seiten: Viele Käufer sind Wiederholungs-, wenn nicht gar Serientäter.

Wie sich der Erfolg des Online-Shoppingtrends erklärt? Das Konzept fördert die Konsumfreude. Kunden bleibt wenig Zeit, über die Folgen des Kaufs nachzudenken, der Schnäppchenfaktor übt großen Druck aus. Doch auf den Plattformen macht man nicht nur einen billigen Fang, sondern erhält auch den Kick, den man von Versteigerungsplattformen wie Ebay kennt. Wer sparen will, muss entschlussfreudig sein und Spaß am Gruppenkonsum haben. Belohnung ist Exklusivität, man sichert sich eine Ware, an die andere nicht so leicht herankommen. Selbst wenn es sich nur um Schlapfen mit Lavendel-Leinsamen-Füllung handelt, die in der Mikrowelle erwärmbar sind. Der Jagdtrieb der Live-Shopper lässt sich nicht einmal davon beeinflussen, dass neue Angebote zu nachtschlafender Zeit eingestellt werden: Am meisten Zugriffe verzeichnen die Server um Mitternacht. (Johannes Lau/Der Standard/rondo/29/02/2008)

  • "Ein Tag, ein Produkt, ein Preis".
    foto: photodisc

    "Ein Tag, ein Produkt, ein Preis".

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