Altes Herz wird wieder jung: Nick Caves "Dig!!! Lazarus Dig!!!"

28. Februar 2008, 17:00
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Das neue Album setzt ein mit "Grinderman" begonnenes, würdeloses Alterswerk fort: Etwas Besseres kann uns kaum passieren

Dass man Nick Cave im günstigsten Fall als wertkonservativen, im schlechtesten als reaktionären, allerdings sich selbst in dieser Rolle stets heiter ironisierenden Künstler bezeichnen muss, offenbarte sich die vergangenen Jahre zunehmend. Trotz des bis heute erheblich unsere alten Vorstellungen von Harmonik und Lautstärke, Weniger ist Mehr und dem Zusammenhang von Thanatos und Tinnitus oder Unterschieden von Altem Testament und Iggy Pop durchbeutelndem Drogenwrack-Bluespunk-Frühwerk seiner Band The Birthday Party und heiteren Live-Klassikern wie "Drunk On The Pope's Blood" / "The Agony Is The Ecstasy" muss man sich doch auch eines ehrlich eingestehen:

Nach anfänglichen durchaus noch das Geräusch auf eventuell darin vorhandene Musik abklopfenden Trümmeralben seiner frühen Solokarriere verkomponierte sich der heute 50-Jährige zunehmend Richtung bildungsbürgerliche Schnarchnase. In diesem Umfeld, in einer Welt also, die auf Unterschiede wie Dur und Moll und Akkordprogressionen oder zeitlos schöne Liebesballaden und andere bürgerliche Trauerspiele Wert legt, wirkte ja zuletzt selbst Caves großes Vorbild Leonard Cohen wie ein quicklebendiger Avantgardist.

Bevor mit seinem 2007 erschienenen Befreiungsschlag "Grinderman" endlich ein würdeloses, völlig unkorrektes, künstlerisch wertloses und gegen seine angestammte Zielgruppe, heute lecker mit Rotwein und Fengshui für Zweitautos lebende Akademiker mit einer Vergangenheit als linksradikale Jung-SPÖ-Wähler wütendes Alterswerk erschien, galten neue Alben als zu bejubelnde Pflicht. Wirklich hören wollte man das alles nicht mehr.

Dass es jetzt mit der neuen CD "Dig!!! Lazarus Dig!!!" (Mute/EMI) gleich geil wie Nachbars Lumpi und ja zu Geschmacklosigkeit und nein zu Herzens- wie anderer Bildung schreiend weitergeht und so gut wie jedes oft auch feist Richtung Altherren-Rock mit Schweineorgel gedeutete Lied zusätzlich zum üblichen Bibelquatsch eine so genannte erotische Komponente besitzt, ja, super! Wenn man bedenkt, dass Rock zwar wortreich gedeutet werden kann, aber im günstigsten Fall schon auch bewusst den gesunden Menschenverstand rein körperlich verletzen sollte, haben wir es jetzt endlich wieder einmal mit einem wirklich guten Album von Nick Cave zu tun.

Hören wir zum Beispiel den Song "We Call Upon The Author". Der charakterisiert dieses mit wilden, wüsten Höhepunkten wie dem Titelsong "Lie Down Here (& Be My Girl)" oder "Albert Goes West" und jeder Menge Gitarrenlärm gesegnete Werk recht prächtig. Darin ergeht sich der auch rein äußerlich zunehmend zur Würdelosigkeit neigende Mann mit der Haarfarbe von Luciano Pavarotti und einem burgenländischen Kieberer-Schnauz über einem in den Dreck des guten alten Noiserock gezogenen Sixties-Soul-Beat nicht nur über die schriftstellerischen Defizite eines Charles Bukowski.

Er baut, während er sich bei Gott über die zwischen Fakt und Fiktion erheblich auseinanderklaffende Welt als etwas papierene Erfindung eines von der ideellen Kunst zum Kitsch der Tragödie gekommenen Schriftstellers beschwert, auch Angeber-Germanismen wie "papier mache" oder verwackelte Präpotenzen wie "He went the Hemming-way" ein.

Diese nur mild als Rollenspiel eines verbiesterten alten Taubenvergifters und sadistischen Lyrikers getarnte Suada schreckt dann selbst vor ausgesuchten Plattheiten wie diesen nicht zurück: "We call upon the author to explain a rampant discrimination, mass poverty, third world debt, infectious disease, global inequality and deepening socio-economic divisions - it does in your brain!"

Die Fragen, die sich jetzt die ältere Weltjugend stellt, lauten nicht nur: Was will uns der Dichter damit sagen? Hat er auch positive Lösungsvorschläge zu bieten? Etwa, wenn er singt: "I go guruing down the street, young people gather round my feet, ask me things - but I don't know where to start ..." Die entscheidende Frage lautet: Meint der Mann das ernst?! Nein, meint er nicht. Nick Cave sagt, wenn du mir blöd kommst, leg ich noch einen - und vor allem dir eine! - auf. Mehr Glück kann man sich im Leben nicht erwarten. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.2.2008)

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    foto: mute (emi)
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