Wirklichkeit und Leere

27. Februar 2008, 18:40
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Der Schriftsteller Martin Prinz reiste für den STANDARD in den Süden des Landes des wahlumkämpften Niederösterreich

Martin Prinz reiste bis nach Mönichkirchen, wo die Demarkationslinie zwischen den früheren Besatzungszonen noch immer zu sehen ist

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Offenbar war es allein die Gewohnheit der zurück liegenden Winterwochen, die auch an diesem Morgen die meisten Leute mit hoch gezogenen Mantelkrägen durch die Straßen und Gassen der Stadt eilen ließ. Ganz so als könnten sie es trotz des hellen Morgenrots nicht glauben, dass tatsächlich ein Tag mit erster Frühlingswärme bevorstand. Während die Winzerin Birgit Wiederstein diesbezüglich bereits eine Woche davor optimistisch gewesen war, als ich sie gefragt hatte, ob sie mir zum Auftakt meiner Reise einen Einblick in die gerade in ihren Weingärten vonstatten gehende Arbeit geben könne. Und so strahlen auf der Fahrt zur Stadt hinaus die Raffinerie-Rauchsäulen genauso neonfarben weiß in den hellen Tag, wie es auch der die Äcker und Wiesen neben der Autobahn überziehende Raureif tut. Flugzeuge steigen im Minutentakt über Schwechat auf, Ferienbeginn in Ostösterreich.

Und dann, kaum bin ich am Flughafen vorbei, ist die Autobahn so leer, als führe man ins Niemandsland. Zwar sollte ich in ein solches an diesem ersten Reisetag auch noch kommen, doch keineswegs beim Besuch im Weingarten. Hier, wo eine Fernreise schon allein daraus bestand, dass einem nicht nur die nächste, sondern auch die übernächste Jahreszeit anhand der im Schnitt freigelegten und bereits wieder in Saft gehenden Weinstock-Triebe in buchstäblich begreifbare Nähe rückt - und einem vor allem eines klar wird: wie wenig ein Begriff wie "Idylle" davon erzählt.

Pastellfarbene Täuschung

Nur wenige Autobahnminuten weg, doch mindestens eine Welt weit entfernt, liegt das Outlet-Center in Parndorf. Ganz abgesehen davon, dass sich Parndorf - wie ich bei der Anfahrt bemerke - gar nicht mehr in Niederösterreich befindet. Doch davon lasse ich mich zuerst genauso wenig beirren wie von den Pastellfarben des als Dorf-Imitation errichteten Zentrums für Sonderangebote oder dem Frösteln, das einem in den von unentwegt dahinblubbernder Musik berieselten Shopping-Arkaden bald herauf kriecht. Erst die kaum sich voneinander unterscheidenden Gesichter der hier Einkaufenden Leute schlagen mich schließlich in die Flucht.

Gierig leere Gesichter, die offenbar nur mehr jener Sonderangebotslogik folgen, wonach man sich beim Kauf eines um ein Drittel oder gar die Hälfte reduzierten Designerstücks, an das man angesichts seines ursprünglichen Preises nie im Leben gedacht hätte, etwas erspare. Eine Täuschung, wie alles hier. Selbst die Musik. Denn als in den Dörfern rundum die Glocken schlagen, ist es im Outlet-Center still. Und das nicht nur, da die Kirchturm-Imitation keine Glocken hat.

Aus Lilienfeld

Eine Reisegeschichte, so lautete der Auftrag für diese Fahrt. Und das nicht aus Malaysia, Australien oder Finnland, sondern aus Niederösterreich. Doch wo, fragte ich mich in den Wochen davor, beginnt man eine Reise durch ein Bundesland, das man kennt wie kein zweites? Jedenfalls nicht in Lilienfeld, dem Ort, in dem ich aufgewachsen war, so viel war sicher. Sondern stattdessen, wie ich mir beim Blick auf die Landkarte dachte, etwa im Marchfeld, dessen flache Landschaft mir immer fremd gewesen war, oder im Waldviertel, wo ich als Kind einmal mit den Eltern Urlaubstage auf einem Campingplatz nahe des "Eisernen Vorhangs" verbracht hatte – dabei ständig gebannt von der Vorstellung, wie gefährlich diese Grenze war.

Doch spätestens als ich bei diesen Planungen die verschiedenen Gegenden Niederösterreichs durch hatte, und mit der Buckligen Welt in jenem Landesteil gelandet war, der sich auch als kleinster so verwegen als ganze Welt bezeichnete, entschied ich kurzerhand, meine Reise dort zu starten, wo Niederösterreich zumindest auf dem ersten Blick nicht war - in Wien, genauer: im Café Schwarzenberg und einem Treffen mit der jüngsten Drei-Hauben-Köchin Niederösterreichs, Jacqueline Pfeiffer.

Kein gallischer Akzent

Womit ich aber im sicheren Gelände der großen Stadt letztlich doch nirgendwo anders begann als in jenem kleinen Lilienfeld, da auch sie dort herkam. Gesehen hatten wir uns aber vermutlich nur im Kindergarten. Und obwohl mir ihre Gesichtszüge im Café gleich wieder bekannt vorkommen, hatte ich mich in den letzten Jahren trotz bestimmt da und dort aufgetauchter Erwähnungen ihres Namens nicht an sie erinnert. Bis ich vor einem Jahr eine Geschichte Christoph Wagners im "Profil" gelesen hatte, in der er von einem Besuch im Le Ciel erzählte, wo er nicht nur aufgrund der französisch akzentuierten Küche, sondern auch wegen Jacqueline Pfeiffers Vornamen, im Gespräch mit der Küchenchefin schon sein bestes Mittelschul-Französisch auspacken wollte, bis ihn Pfeiffers - wie er es formulierte - nicht unbedingt gallischer Akzent sicherheitshalber doch genauer nachfragen ließ, woher sie denn komme. "I kumm aus Lilienfeld!", sei darauf ihre Antwort gewesen. Aus Lilienfeld – schon allein das klänge bei mir nie so uneingeschränkt.

Noch viel weniger könnte ich davon erzählen, mich dort so zu erholen, wie sie bei ihren regelmäßigen Großeltern-Besuchen in Lilienfeld. Was nicht nur daran liegt, dass meine Großmutter tot ist und mein demenzkranker Großvater von seinem Leben kaum mehr etwas weiß. Sondern an der mir immer noch viel zu nahen Geschichte meiner Familie in diesem Ort. Eine, die bis in die Gegenwart reicht und nicht nur aufgrund der Tatsache, dass mein Großvater nach dem Krieg dort 30 Jahre lang Bürgermeister gewesen war, Stoff für jene Art von Heimatroman wäre, wie er erst geschrieben werden müsste. Ob mir das jemals möglich sein wird, weiß ich nicht. Nur, dass dieser Roman vom Vergessen noch viel mehr als von der Erinnerung erzählen müsste. Und von jenen unaufhörlichen Phantomschmerzen, die angesichts dessen, wie wenig einem letztlich selbst das eigene Leben Zuhause ist, nicht nur jener spürt, der wie mein 96-jähriger Großvater manchmal nicht einmal mehr weiß, wo er wohnt. Was als Leere viel mehr als bloßes Nichtwissen ist. Mehr als genug, um immer häufiger zu sagen: Ich gehöre längst nicht mehr in mein Leben. Ich gehöre schon längst in mein Grab.

Im Feindesland

Auf der Südautobahn, nach einem geduldig ausgehaltenen Stau auf der neuen Wien-Umfahrung, dämmert es an meinem ersten Reisetag durch Niederösterreich bereits. Und so sehe ich zwar nach der Abzweigung auf die Wechsel-Bundesstraße nichts mehr vom abgelebten, doch offenbar früher stolzen Ortszentrum Aspangs, und weiß auch noch nicht, dass der als Pizzeria zum x-ten Mal neu eröffnete "Wanghof" an der Abzweigung ins Feistritztal früher so viele Übernachtungen hatte, dass deshalb beim Bäcker jeden Morgen gut 200 Semmeln bestellt werden mussten, merke aber, wie leer diese Straße ist. Dass dies mit der Autobahn zusammen hängt, kann ich mir natürlich denken. Erzählt bekomme ich es aber erst von Henriette Rois, deren Gasthof in Mönichkirchen ich mir nicht nur deshalb zur Übernachtung ausgesucht hatte, da der nächste Tag mit einem Termin auf einem Bauernhof in Krumbach beginnen würde, sondern da ich gelesen hatte, dass der "Rois" auch ein Feinkost-Geschäft war, eine Trafik, eine Parfümerie und sogar eine Waffenhandlung.

Ruhetag auf der Straße

Als ich ankomme, ist es längst finster, doch selbst im Dunkeln reicht der Blick von hier, auf knapp 1000 Metern Seehöhe, in die nächtliche Landschaft der Steiermark genauso hinein, wie in die der Buckligen Welt oder des Wiener Neustädter Beckens. Ein einzelner Wagen ist weiter unten in den Kehren zu hören, sonst außer dem Knirschen des Rollsplitts unter den Schuhen nichts. Und so lässt sich ungefähr erahnen, wovon Henriette Rois danach erzählt, als sie jene Nacht im Jahr 1985 beschreibt, in der die nur einen Bergkamm entfernte Autobahn eröffnet worden war. Denn einfach nur gespenstisch war es ihr vorgekommen, als sie damals, an ihrem Ruhetag, auf der Rückfahrt von einem Ausflug der einzige Wagen auf der Wechsel-Bundesstraße gewesen waren.

Nicht gespenstisch, doch merkwürdig war mir auf meiner kleinen Runde durch den Ort hingegen noch ein rot-weiß-roter Grenzschranken erschienen, bis ich auf den Informationstafeln in der dazugehörigen Wächterhütte las, dass sich hier die Demarkationslinie zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone befunden hatte. Neben Bildern aus der Besatzungszeit stieß ich hier aber auch auf eine Fotografie, die Hitler bei einem Besuch in Mönichkirchen im April 1941 zeigt, über den damals jedoch in der "Stuttgarter Illustrierten" unter dem Bild des "mutigen" Diktators gestanden war: Am Geburtstag Adolf Hitlers fern der Heimat im Feindesland.

Bahnstation Mönichkirchen

Erst 1965 deckte der "Stern" die Fälschung auf, indem ein Reporter des Magazins Ort und Stelle der damaligen Aufnahme noch einmal fotografierte. Nur diesmal ohne der Ortsbevölkerung am Straßenrand, und ohne Flaggen, stattdessen freier Sicht auf die Ortstafel am Bahnhofsgebäude: Mönichkirchen. Bildtext: Bahnstation Mönichkirchen. Nicht einmal die Bäume haben sich seither verändert. – Welche Warntafel die britischen Truppen angesichts der hiesigen Bevölkerung allerdings nach Kriegsende angebracht hatten und warum sie auch heute noch an der Bundesstraße stehen könnte, wird dann unter anderem in der zweiten Folge dieser Reisegeschichte zu lesen sein. (Martin Prinz/ DER STANDARD Printausgabe 28.2.2008)

  • Henriette und Johann Rois in ihrem Gasthof-Kaufhaus-Feinkostgeschäft in Mönichkirchen
    foto: standard/ christian fischer

    Henriette und Johann Rois in ihrem Gasthof-Kaufhaus-Feinkostgeschäft in Mönichkirchen

  • Im Ort steht noch eine Wachhütte als Erinnerung an die Besatzungszeit
    foto: standard/ christian fischer

    Im Ort steht noch eine Wachhütte als Erinnerung an die Besatzungszeit

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