Russen in Österreich: "Politik im heutigen Russland verstehe ich nicht mehr"

29. Februar 2008, 18:46
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Rund 19.000 Russen leben in Österreich - Ihr Verhältnis zur russischen Politik schwankt zwischen Desinteresse und Unverständnis - Eine derStandard.at- Reportage

"Natürlich verfolge ich, was in Russland passiert. Aber als halber Georgier interessiert mich mehr was in Georgien los ist“, sagt Eli Enukaschwili, während er aufmerksam um die Wünsche seiner Gäste besorgt ist. Der 25-Jährige vertritt seinen Vater im russisch-georgischen Restaurant Stolichniy. Seit mittlerweile sechs Jahren bekocht der Familienbetrieb in der Wiener Innenstadt seine Kunden mit russischen und georgischen Spezialitäten. Was er sich von den Wahlen am kommenden Sonntag erwartet, beantwortet er sachlich. "Putin und Medwedew tauschen einfach nur die Rollen.“ Lieber als über Politik redet er über das Restaurant. Das Publikum sei gemischt. An manchen Tagen kommen mehr Österreicher, an anderen eben mehr Russen. Das bestätigen auch die ersten beiden Mittagsgäste - Österreicher. Sie arbeiten bei der Versicherung gegenüber und nehmen das Menüangebot schon seit Jahren wahr. "Das russische Essen ist würziger", sagen sie. Russischer wird es eher am Abend. Dann gibt es Musik und "echte russische Atmosphäre", so Enukaschwili. Wie sich die denn von der österreichischer unterscheidet? Enukaschwili: "Die Leute sind lauter als sonst."

Russische Feinschmecker

Das kulinarische Heimweh lässt sich in dem kleinen russischen Delikatessenladen „Kalinka“ im zweiten Wiener Gemeindebezirk bekämpfen. Seit sieben Jahren gibt es hier alles was das Herz begehrt: Wodka, russische Süßigkeiten, geräucherten Fisch, russische Bücher und Filme. Zu den Kunden zählen natürlich viele Russen oder Leute aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch Österreicher kommen. „Die kaufen gern Wodka“, erzählt Olga, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte und schmunzelt. Vor 17 Jahren ist sie aus Kiew nach Österreich gekommen. Was in Russland heute passiert, interessiert sie, zwar „aber die Politik im heutigen Russland verstehe ich nicht mehr.“

In Österreich leben nach Angaben der Statistik Austria 19.000 Staatsbürger der Russischen Föderation, 5.155 davon in Wien. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es eine Tradition russischer Migration nach Wien. „Damals waren das politische Migranten aus dem Zarenreich, darunter vor allem Sozialdemokraten und Sozialisten“, erklärt der Historiker Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Verena Moritz Autor des im Jahr 2005 erschienen Buches „Russisches Wien“ ist.

Job und Alltag statt Politik

Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzky, die bekannten russischen Revolutionäre, wohnten zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine Zeit lang in Wien. Die russische Migration nach Österreich und im speziellen nach Wien war bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 überwiegend politisch motiviert. Die in Wien steigende Zahl der Russen nach der politischen Wende habe höchstwahrscheinlich wirtschaftliche Gründe, vermutet Leidinger. Auch die bisher mögliche politische Zuordnung der Migranten löst sich auf. „Gespräche drehen sich um Alltag und Job, weniger um Politik“, erklärt Leidinger.

Serguei Tikhomirov, der Herausgeber der seit Oktober 2005 in Österreich erscheinenden russischen Monatszeitschrift „Sootechestvennik“ (Landsmann), glaubt aber sehr wohl, dass Politik noch Thema unter den Russen in Österreich ist. Tikhomirov denkt, dass „die Russische Föderation im Moment eine verantwortungsvollere und professionellere Regierung als jemals zuvor hat.“ Die Themen der Zeitung sind aber nicht nur politisch. Das Angebot reicht von Kultur und Soziales bis hin zu "How it works in Austria"-Artikeln, die beispielsweise das österreichische Versicherungssystem erklären.

Um die Verbesserung der kulturellen Verbindungen zwischen Russland und Österreich kümmert sich Oleg Ksenofontov. Der gebürtige Moskauer ist seit 2005 Direktor des Russischen Kulturinstitutes mit Sitz in Wien. Die 13 Mitarbeiter des Institutes entsendet die Zentrale in Moskau, die in einem Naheverhältnis zum russischen Außenministerium steht. „Unser Ziel: einander besser zu verstehen“. Sprachkurse, Austausch von Studierenden und kulturelle Veranstaltungen sollen helfen dieses Ziel zu erreichen. Bei seiner Einschätzung der Präsidentenwahlen bleibt er ganz Diplomat: „Die Leute in Russland sind zufrieden. Die Menschen leben besser. Warum sollten sie diese Linie nicht weiter unterstützen?“ Seine Sekretärin beantwortet die Frage, wie die Wahlen ausgehen werden, sehr pragmatisch mit „wie geplant wahrscheinlich.“ (Michaela Kampl, derStandard.at, 27.2.2008)

  • Hochprozentiges wird häufig nachgefragt im "Kalinka".
    foto: michaela kampl

    Hochprozentiges wird häufig nachgefragt im "Kalinka".

  • Hoch die Gläser: russische Atmosphäre im Lokal "Stolichny".
    foto: michaela kampl

    Hoch die Gläser: russische Atmosphäre im Lokal "Stolichny".

  • Auch für geistige Nahrung ist im russischen Delikatessenladen gesorgt.
    foto: michaela kampl

    Auch für geistige Nahrung ist im russischen Delikatessenladen gesorgt.

  • Geräucherter Fisch: von Makrele über Butterfisch bis zu Lachs ist im "Kalinka" alles zu haben.
    foto: michaela kampl

    Geräucherter Fisch: von Makrele über Butterfisch bis zu Lachs ist im "Kalinka" alles zu haben.

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