Fußball als Auswärtsspiel in Zürich

27. Februar 2008, 17:08
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Wenn der Letzigrund in der Gruppenphase zur EURO den Nabel der Fußballwelt darstellt, begibt man sich auf fremdes Territorium

Zürich - Sie ist der größte Feind des Fußballfans und als solcher, obwohl farblich ansprechend, unbeliebter als der Schiedsrichter und geächteter als die Schwalbe. Denn während jene von Zeit zu Zeit dem Verein hilfreich sind, stellt sie sich ohne Ausnahme zwischen Mannschaft und Anhänger. Dem Publikum im Wiener Happel-Stadion ist sie in erster Linie als Plattform für Sponsoren aus der Automobilbranche ein Begriff, am Zürcher Letzigrund erfüllt die Laufbahn aber nicht nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihren primären Zweck als Arbeitsbereich der Leichtathleten. Das jährliche Meeting der laufenden, springenden und werfenden Weltklasse gibt der Umzingelung des Rasens durch roten Kunststoff nicht nur eine Berechtigung, es dreht gar den Spieß um: nicht die Leichtathleten sind hier fehl am Platz, es sind die zweiundzwanzig Ballesterer.

Schick herausgeputzt

„Das ist ein Leichtathletik-Stadion“ sagt Riccardo Zaltron von der Stadionsicherheit Letzigrund und teilt damit die Meinung der Zürcher Fußball-Fans, vor allem jene der Grasshoppers-Anhänger. Denen bleibt nämlich auch gar nichts erspart: nicht nur dass der Verein seit Jahren hinter Lokalrivalen und Meister FC Zürich hinterhinkt, September 2007 musste man auch noch in dessen Heimstadion, nämlich den Letzigrund umziehen - und das nach 78 Jahren am Hardturm. Das ist freilich bitter, aber so manches wird auch den Freunden der Hoppers nicht entgehen: die Konstruktion der beiden Architekten Eraldo Consolascio und Marie-Claude Betrix überrascht durch ihre luftige Bauweise, die Dach-Unterseite aus ungarischem Akazienholz ist eine in Stadien unübliche Augenweide und die Sitzplätze sind gemütlicher als anderswo. Der Letzigrund hat sich nämlich für die EURO 2008 ganz schick herausgeputzt.

Schweizer Mühlen

Dabei hätte es anders kommen sollen: Das Hardturm-Stadion war ursprünglich für einen Neubau und als Zürcher Austragungsort vorgesehen. Doch dann begannen die Schweizer Mühlen zu mahlen - als der Stadt nach zahlreichen Einsprüchen durch Anrainer und Umweltaktivisten ernsthaft der Verlust der EM-Spiele drohte, entschied man sich kurzerhand für eine Ersatzvariante, nämlich die Neuerrichtung des ebenfalls angegrauten Letzigrunds. 75 Millionen Euro flossen bis zur Fertigstellung Ende August 2007 in das Projekt, am Hardturm steht hingegen nach wie vor nur der Willen der Betreiber. Ein Baubeginn ist nicht in Aussicht, die mittelfristige Zukunft der Grasshoppers spielt sich am Letzigrund ab.

Lautstarke Fans

Vielleicht ist es gerade dieser Umstand, der die Fans zu Höchstleistungen treibt: sie sind nicht viele, nur 4600 an der Zahl als es zum Beispiel vergangenen Samstag gegen Xamax Neuchatel ging, aber die erweisen sich als aktive und lautstarke Gemeinschaft. Als müsste man doppelt so laut singen und schreien um den Schall über die Laufbahn hinweg auf den Rasen zu tragen. Die Unterstützung wirkt: Die Herren mit den vielversprechenden Namen Rinaldo und Dos Santos schießen die Heimelf mit sehenswerten Toren zum 2:0-Erfolg. „Wer nicht hüpft, der ischt ein Roter“ tönt es durch die Arena, etwa dreißig Xamax-Anhänger bleiben naturgemäß sitzen, erfreuen sich gewiss mehr an Cervelat mit Bürli und per Bauchladen serviertem Bier denn am Spiel ihrer Mannschaft.

Der Nabel der Vorrunde

Im Juni wird die Spielklasse am Letzigrund deutlich angehoben: drei Spiele der prominent besetzten Gruppe C werden hier ausgetragen, darunter die Neuauflage des WM-Endspiels zwischen Frankreich und Italien - Laufbahn hin oder her, Zürich ist damit quasi der Nabel der Vorrunde. „Das wird ein Fußballfest“ sagt Zoltran und Architekt Consolascio weiß auch der Kritik an der Antithese des geschlossenen Hexenkessels etwas entgegenzusetzen: die Nachbarn werden jeden Treffer genau registrieren. Etwa 32.000 Zuseher wird das Stadion zu diesem Zeitpunkt fassen, dafür müssen die Tribünen aber einen Teil der Laufbahn überragen. Das wird nach der EURO selbstverständlich rückgängig gemacht, am 29. August kommen schließlich die Leichtathleten. (Philip Bauer; derStandard.at, 27. Februar 2008)

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    Der Letzigrund aus der Vogelperspektive, auf dem Dach die größte Solarstromanlage Zürichs.

  • Die Unterseite des Dachs aus Akazienholz, die Rückseite ermöglicht den Blick nach außen.
    foto: derstandard.at/schüller

    Die Unterseite des Dachs aus Akazienholz, die Rückseite ermöglicht den Blick nach außen.

  • Der Spitzname "Geburtstagstorte" muss nicht großartig erklärt werden.
    foto: hassenstein/bongarts

    Der Spitzname "Geburtstagstorte" muss nicht großartig erklärt werden.

  • Keine Platzprobleme für die Fans der Gastmannschaft aus Neuchatel.
    foto: derstandard.at/schüller

    Keine Platzprobleme für die Fans der Gastmannschaft aus Neuchatel.

  • Wem Cervelat mit Bürli nicht mundet, steht...
    foto: derstandard.at/schüller

    Wem Cervelat mit Bürli nicht mundet, steht...

  • ..auch das sogenannte Magenbrot zur Verfügung, ein süßes Gebäckstück und Ladenhüter.
    foto: derstandard.at/schüller

    ..auch das sogenannte Magenbrot zur Verfügung, ein süßes Gebäckstück und Ladenhüter.

  • So stellt man sich in Zürich die Frau vor.
    foto: derstandard.at/schüller

    So stellt man sich in Zürich die Frau vor.

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