Interview: "Nicht immer nur Opfer sein"

25. Februar 2008, 21:48
369 Postings

Auch eine Bankbeamtin mit Kopftuch könne Positives bewirken, meint Dudu Kücükgöl aus dem Bundesvorstand der Muslimischen Jugend

STANDARD: Der MIA-Award bittet erstmals erfolgreiche Frauen mit Einwanderungshintergrund vor den Vorhang. Warum hört man über Leistungen weiblicher Migrantinnen sonst wenig?

Kücükgöl: Weil diese Frauen in der Öffentlichkeit immer nur als Opfer dargestellt werden. Man sieht sie als Betroffene von Zwangsehe und Genitalverstümmelung oder auch von Studienverboten und Freiheitseinschränkungen.

STANDARD: Aber alle diese Probleme gibt es doch wirklich.

Kücükgöl: Natürlich, aber es wird völlig ignoriert, dass sie einen kleinen Teil dieser Frauen betreffen. Über die durchwegs positiven Erfahrungen der vielen anderen hört man nur wenig.

STANDARD: Oft heißt es, dass es Frauen aus muslimisch geprägten Kulturen schwerer haben als andere Einwanderinnen. Stimmt das?

Kücükgöl: Das hat meines Erachtens mit Kultur oder Religion wenig zu tun, sondern vielmehr mit dem sozialökonomischen Hintergrund der Herkunftsfamilien. Zugespitzt gesagt, hat eine Türkin aus Istanbul aus einer gebildeten Familie die gleichen Chancen wie ein angestammte Österreicherin. Wenn die Familie hingegen aus dem bäuerlichen Anatolien kommt, schaut es oft anders aus.

STANDARD: Sie tragen Kopftuch. Ist das ein Handicap für Ihr Fortkommen?

Kücükgöl: Man hat es mit Migrationshintergrund sicher nicht einfach, aber ich wehre mich, mein Kopftuch als Handicap zu bezeichnen. Das Problem haben jene, die das so sehen.

STANDARD: Wie kann man das ändern?

Kücükgöl: Zum Beispiel, indem Migrantinnen sichtbarer werden. Kennen Sie etwa eine Bank, in der eine Frau mit Kopftuch hinter dem Schalter steht?

STANDARD: Frau Kücükgöl, wann ist eine Einwanderin für Sie erfolgreich?

Kücükgöl: Wenn sie sich selbstverwirklichen kann und etwas bewegt: Das ist mehr als bloß zu arbeiten. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 26.2.2008)

Zur Person:
Die Wirtschaftspädagogin Dudu Kücükgöl (25) ist Mitinitiatorin des MIA-Awards. Sie stammt aus einer türkischen Familie
  • "Über die positiven Erfahrungen hört man nur wenig": Dudu Kücükgöl
    foto: privat

    "Über die positiven Erfahrungen hört man nur wenig": Dudu Kücükgöl

Share if you care.