Meine Tante Karin trinkt nicht nur, sie ist auch Kettenraucherin. Früher hat sie Rothändle...
...gequalmt, vier Packungen am Tag, dann ist sie auf Selbstgedrehte umgestiegen. Gut, haben wir gedacht, bewegt sie zumindest ihre Finger, ist gesund. Aber nein, sie hat sich eine Wuzlmaschine angeschafft, jetzt macht es in ihrer Nähe ständig Zssck, zssck. Selbstverständlich schimpft sie auf die Antiraucherkampagnen, sagt, dass die öffentliche Lärmverschmutzung mit Hintergrundsbeschallung schlimmer und weit ungesünder ist.
Irgendwann ist es dieser Tante Karin eingefallen, sich bei der Millionenshow zu melden. Da sie in Berlin lebt, ging sie zu "Wer wird Millionär?". Und tatsächlich hat sie sich mit ihrem bei Kreuzworträtseln erworbenen Allgemeinwissen bis in die Sendung durchgekämpft und es dort auch auf den Kandidatenstuhl geschafft. Sechs, acht Gläser Rotwein hatte sie da intus, und es spricht für Günther Jauch, dass er angesichts dieser Fahne nicht vom Stuhl gefallen ist. Wie aber muss er sich gewundert haben, als diese illuminierte Tante Karin dann bis zur 125.000-Euro-Frage durchmarschierte. Da aber war Schluss, denn wie Luís Nazário de Lima als Fußballer heißt, Cafu, Edmilson, Kaka oder Ronaldo, wusste Tante Karin nicht.
Daran muss ich jetzt denken, wenn von Ronaldos gerissener Patella-Sehne und seinem Karriereende die Rede ist. Was für eine Berg- und Talfahrt hat dieser Ausnahmefußballer hinter sich, zweimal Weltmeister, Rekordtorschütze, Weltfußballer, aber auch Verletzungen, Übergewicht, Schmähungen, verkorkste Saisonen. Wie Fred Astaire ist er in jungen Jahren durch die gegnerischen Strafräume getänzelt, wie Kafka seine Felice hat er die Verteidiger stehen gelassen, ist einfach durchmarschiert wie Tante Karin in "Wer wird Millionär". Vielleicht nicht ganz so genial wie Maradona oder Messi, aber dennoch phänomenal. Dann die Rückschläge, 1998 der dubiose Zusammenbruch vor dem WM-Finale, Krisen, Schwarten, titellose Jahre bei den Galaktischen. 31 Jahre ist Ronaldo alt, dennoch hat er schon drei Fußballerleben hinter sich.
Aber davon hatte Tante Karin, der Fußball völlig piepe ist, keine Ahnung, nicht einmal der Hinweis auf die finale Schamdreiecksfrisur hatte genutzt, weshalb sie mit 64.000 Euro nach Hause ging, die zwar in guten Rotwein investiert, aber inzwischen längst versoffen worden sind. Und? Ob sie sich jetzt für Fußball interessiert? "Ach wo! Kindchen! Was tät ick mit dem Kies? Mehr trinken und rauchen kann ick nich." 74 ist die Tante Karin jetzt, so alt muss der Sportinvalide Ronaldo erst noch werden. Zssck, zssck. (Franzobel, DER STANDARD Printausgabe 26. Februar 2008)