"Niemand wird beschämt"

23. April 2008, 11:13
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In Vorarlberg werden Schulreformen über- parteilich diskutiert: "Seit Pisa redet man wieder über die gemeinsame Schule"

Feldkirch - "Drei Veranstaltungen, 1500 Besucher", strahlt Gerhard Rüdisser, Obmann der Unabhängigen Bildungsgewerkschaft. Vorträge und Diskussionen zur Schulreform kommen offenbar an. Sollen sie auch, denn "Information und Bewusstseinsbildung" sind Ziele der ARGE Gemeinsame Schule, einer überparteilichen Vereinigung von Lehrern, Eltern und Schülern.

Seit knapp einem Jahr arbeitet die bunte Truppe an einem Modell für eine Gemeinsame Schule der 6- bis 15-Jährigen. "Die Schule ist ein Gemeinschaftswerk aller Beteiligten. Sie ist einladend, freundlich und anregend gestaltet, ein Ort, an dem Kinder sich wohl fühlen, gerne lernen. Niemand wird dort beschämt, niemand soll sich als Versager fühlen." Diese Sätze stammen aus der Grundsatzerklärung der österreichweit einmaligen ARGE. Lehrer-Gewerkschafter, Eltern, katholische Familienfunktionäre, Einzelpersonen haben sich zusammengetan, um neue Schulideen zu entwickeln. Rüdisser: "Seit Pisa getraut man sich ja wieder, über die gemeinsame Schule zu reden."

Noch ist die neue Schule eine Vision, aber eine, deren Verwirklichung sehr nahe liegt, wie die jüngste Veranstaltung der Schulreformer in Feldkirch zeigte: Man müsse nur nach Finnland schauen. Rainer Domisch, leitender Beamter in der finnischen Schulbehörde und parteifreier Schattenkultusminister der SPD in Hessen, erzählte, warum finnische Schulkinder die besten sind.

Anpassen an die Kinder

"Am Anfang stand die Einsicht, dass Schule und Lernen sich der Entwicklung und den Bedürfnissen der Kinder anpasst", erzählte der 61-jährige Pädagoge. Ganz im Sinne der Vorarlberger, ihr Credo: "Die Entwicklung jedes einzelnen Kindes muss gefördert werden." Die gemeinsame Schule für alle Kinder und Jugendlichen ist in Finnland längst Realität. Domisch: "Die Aufteilung der Kinder mit zehn Jahren kennt man nur noch aus Erzählungen oder Geschichtsbüchern." Natürlich habe es Widerstand gegeben. "Fünf Jahre lang, von zwei Blöcken, den Gymnasiallehrern und den akademischen Eltern." Doch die Idee der Chancengleichheit setzte sich durch: Eine Schule, die Kinder das Lernen lehrt, Selbstverantwortung und Partnerschaft, wie es auch die ARGE möchte: "Lernen muss in erster Linie Freude machen."

Die finnische Schulbürokratie ist schmal: "Es gibt nur das Ministerium und die Kommunen." Gemeinden und Eltern tragen die Hauptverantwortung. Ähnlich die Vorarlberger Forderung: "Die Schule wird autonom."

Veränderung sei möglich, vorausgesetzt, man lege "ideologische Blenden" ab, sagte Domisch. Die Vorarlberger Initiative will noch im Frühling konkrete Vorschläge zur Reform präsentieren. (Jutta Berger/DER STANDARD Printausgabe, 26. Februar 2008)

  • Kinder lernen miteinander, bekommen individuelle Lehrpläne - fast wie in Finnland. In der Hauptschule Bregenz/Rieden zeigt man, wie Schule sein könnte.
    foto: standard/grass

    Kinder lernen miteinander, bekommen individuelle Lehrpläne - fast wie in Finnland. In der Hauptschule Bregenz/Rieden zeigt man, wie Schule sein könnte.

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