Betucht, aber unpolitisch

25. Februar 2008, 17:00
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Linke, Nazis, Krocha: Alle tragen ein Palästinensertuch - Mit politischem Statement hat das heute kaum mehr etwas zu tun

Es sieht gut aus, wärmt und sorgt für ein bisschen "Radical Chic"; es lässt Biedermenschen wie UmstürzlerInnen wirken und Neonazis wie Linke: Das Palästinensertuch ist wieder da. Revolution liegt trotzdem nicht in der Luft - die Modeindustrie hat das Symbol des palästinensischen Befreiungskampfes aufgegriffen und es zum hippen Accessoire verkommen lassen.

"Sinnentleertes Requisit"

"Das Palästinensertuch ist zum sinnentleerten Requisit geworden", sagt Gerda Buxbaum, Modehistorikerin und Direktorin der Modeschule Hetzendorf. Wie auch das Konterfei von Che Guevara, das - mittlerweile mehr Mode-Gag als Revolutionssymbol - abertausendfach von Fahnen, T-Shirts und Pins herunterblickt. "Das in der Mode mit politischen Symbolen kokettiert wird, war aber immer schon so", sagt Buxbaum. "Nach der Revolution 1848 waren zum Beispiel die Farben schwarz, gold und rot überall präsent." An der Modeschule ist das Comeback des Palästinensertuchs jedenfalls kein Thema: "Unsere SchülerInnen greifen in ihren Entwürfen nur sehr selten auf Einflüsse dieser Art zurück."

Tuch-Ikone Arafat

Das Palästinensertuch oder "Kefiya" stammt ursprünglich aus dem Irak - dort wurde es von der männlichen Landbevölkerung getragen. Heute ist es im gesamten arabischen Raum verbreitet, Farbe und Material variieren dabei nach Region: In Saudi-Arabien ist das Tuch meist reinweiß, in den Golfstaaten rot-weiß, in Palästina schwarz-weiß gemustert. Mit dem Agal, einer Kordel, wird es oft am Kopf befestigt.

In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Kefiya zum Sinnbild der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung: Der Großmufti von Jerusalem rief alle Männer dazu auf, statt ihrer traditionellen Kopfbedeckung, dem Fez (eine rote, zylinderförmige Kappe mit schwarzer Quaste), die Kefiya zu tragen und damit ein Zeichen gegen Kolonialismus und jüdische Besiedlung zu setzen. Die Ikone des Palästinensertuchs ist allerdings Palästinenserführer Yassir Arafat. Er hat sein Tuch zum Dreieck gefaltet so getragen, dass der Faltenwurf angeblich das historische Palästina symbolisierte.

Mit der 68iger-Bewegung kamen die Tücher nach Mitteleuropa, wo die Linke damit ihr politisches Statement ablegte. Die Farbsymbolik spielte dabei eine wichtige Rolle: Schwarzgemustert stand für einen "normalen Linken", rot für einen Anarchisten.

Accessoire für Neonazis

Auch heute wird mit der Kefiya noch ein gewisser Links-Chic verbunden, aber auch eine neue Generation von Neonazis schlingt sich das Tuch um den Hals: Die so genannten "Autonomen Nationalisten" demonstrieren damit ihre Feindschaft zu Israel und ihren Antisemitismus. "Die klassische Uniform des Rechten gibt es nicht mehr", sagt Heribert Schiedel, Betreuer der Rechtsextremismus-Sammlung im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW).

Die "Autonomen Nationalisten" sind mit ihrem Auftreten und in ihrer Zielsetzung kaum mehr von linksextremistischen Pendants zu unterscheiden: Sie besetzen Häuser, bilden bei Demonstrationen schwarze Blöcke, suchen im Gegensatz zu den "klassischen Neonazis" gezielte Auseinandersetzung mit der Polizei. Ihr Feind: das so genannte und stark antisemitisch konnotierte "internationale Finanzkapital". In Österreich ist diese Szene noch relativ klein, in Deutschland gibt es bereits einige Hundert von der Rechtsextremen mit der linken Optik.

"Krachen" mit dem Palästinensertuch

Ohne jeden politischen Hintergrund hat das Palästinensertuch allerdings eine neue Jugendszene erobert: die "Krocha". "Krocha" steht für "lassen wir es krachen", nach Eigendefinition gehen die Krocha "gerne shoppen oder ins Solarium", abends halten sie sich in Discotheken auf, sie gehen "krochen". AnhängerInnen der "Krocha"-Kultur sind leicht erkennbar: Von weitem stechen einem ihre Schirmkappen ins Auge, die sie kunstvoll auf ihren Köpfen balancieren, dazu tragen sie golddurchwirkte Turnschuhe - und natürlich Palästinensertücher in allen möglichen Farben und Ausführungen. "Die 'Krocha' sind eine reine Spaßkultur", sagt Philipp Ikrath, Leiter des Hamburger Departements des österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung. "Bei ihnen stehen Selbstinszenierung und Konsum im Vordergrund. Das Palästinensertuch hat für sie überhaupt keine politische Bedeutung - es ist reines Modeaccessoire."

Das Phänomen der "Krocha" beschränkt sich auf Wien und Umgebung, die Zentrale der "Krocha"-Kultur ist die Disco "Nachtschicht". Dass bald europaweit in der Käppi-Tuch-Uniform "gekracht" wird, glaubt Ikrath nicht: "Das ist vermutlich eine sehr kurzlebige Erscheinung - und Wien ist auch nicht die Stadt, in der internationale Trends entstehen." (Nicole Bojar)

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    Ein palästinensischer Polizist steht im Gazastreifen vor einem Porträt Yassir Arafats, der Symbolfigur für das Palästinensertuch

  • Befreiungskampf im Schaufenster von Diesel
    foto: nicole bojar

    Befreiungskampf im Schaufenster von Diesel

  • Schwarz-Weiß, weiß-schwarz: Egal, die Mode stimmt
    foto: matthias cremer

    Schwarz-Weiß, weiß-schwarz: Egal, die Mode stimmt

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