Betucht, aber unpolitisch

Redaktion, 25. Februar 2008, 17:00
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    foto: apa/ap/mohammed ballas

    Ein palästinensischer Polizist steht im Gazastreifen vor einem Porträt Yassir Arafats, der Symbolfigur für das Palästinensertuch

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    foto: nicole bojar

    Befreiungskampf im Schaufenster von Diesel

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    foto: matthias cremer

    Schwarz-Weiß, weiß-schwarz: Egal, die Mode stimmt

Linke, Nazis, Krocha: Alle tragen ein Palästinensertuch - Mit politischem Statement hat das heute kaum mehr etwas zu tun

Es sieht gut aus, wärmt und sorgt für ein bisschen "Radical Chic"; es lässt Biedermenschen wie UmstürzlerInnen wirken und Neonazis wie Linke: Das Palästinensertuch ist wieder da. Revolution liegt trotzdem nicht in der Luft - die Modeindustrie hat das Symbol des palästinensischen Befreiungskampfes aufgegriffen und es zum hippen Accessoire verkommen lassen.

"Sinnentleertes Requisit"

"Das Palästinensertuch ist zum sinnentleerten Requisit geworden", sagt Gerda Buxbaum, Modehistorikerin und Direktorin der Modeschule Hetzendorf. Wie auch das Konterfei von Che Guevara, das - mittlerweile mehr Mode-Gag als Revolutionssymbol - abertausendfach von Fahnen, T-Shirts und Pins herunterblickt. "Das in der Mode mit politischen Symbolen kokettiert wird, war aber immer schon so", sagt Buxbaum. "Nach der Revolution 1848 waren zum Beispiel die Farben schwarz, gold und rot überall präsent." An der Modeschule ist das Comeback des Palästinensertuchs jedenfalls kein Thema: "Unsere SchülerInnen greifen in ihren Entwürfen nur sehr selten auf Einflüsse dieser Art zurück."

Tuch-Ikone Arafat

Das Palästinensertuch oder "Kefiya" stammt ursprünglich aus dem Irak - dort wurde es von der männlichen Landbevölkerung getragen. Heute ist es im gesamten arabischen Raum verbreitet, Farbe und Material variieren dabei nach Region: In Saudi-Arabien ist das Tuch meist reinweiß, in den Golfstaaten rot-weiß, in Palästina schwarz-weiß gemustert. Mit dem Agal, einer Kordel, wird es oft am Kopf befestigt.

In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Kefiya zum Sinnbild der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung: Der Großmufti von Jerusalem rief alle Männer dazu auf, statt ihrer traditionellen Kopfbedeckung, dem Fez (eine rote, zylinderförmige Kappe mit schwarzer Quaste), die Kefiya zu tragen und damit ein Zeichen gegen Kolonialismus und jüdische Besiedlung zu setzen. Die Ikone des Palästinensertuchs ist allerdings Palästinenserführer Yassir Arafat. Er hat sein Tuch zum Dreieck gefaltet so getragen, dass der Faltenwurf angeblich das historische Palästina symbolisierte.

Mit der 68iger-Bewegung kamen die Tücher nach Mitteleuropa, wo die Linke damit ihr politisches Statement ablegte. Die Farbsymbolik spielte dabei eine wichtige Rolle: Schwarzgemustert stand für einen "normalen Linken", rot für einen Anarchisten.

Accessoire für Neonazis

Auch heute wird mit der Kefiya noch ein gewisser Links-Chic verbunden, aber auch eine neue Generation von Neonazis schlingt sich das Tuch um den Hals: Die so genannten "Autonomen Nationalisten" demonstrieren damit ihre Feindschaft zu Israel und ihren Antisemitismus. "Die klassische Uniform des Rechten gibt es nicht mehr", sagt Heribert Schiedel, Betreuer der Rechtsextremismus-Sammlung im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW).

Die "Autonomen Nationalisten" sind mit ihrem Auftreten und in ihrer Zielsetzung kaum mehr von linksextremistischen Pendants zu unterscheiden: Sie besetzen Häuser, bilden bei Demonstrationen schwarze Blöcke, suchen im Gegensatz zu den "klassischen Neonazis" gezielte Auseinandersetzung mit der Polizei. Ihr Feind: das so genannte und stark antisemitisch konnotierte "internationale Finanzkapital". In Österreich ist diese Szene noch relativ klein, in Deutschland gibt es bereits einige Hundert von der Rechtsextremen mit der linken Optik.

"Krachen" mit dem Palästinensertuch

Ohne jeden politischen Hintergrund hat das Palästinensertuch allerdings eine neue Jugendszene erobert: die "Krocha". "Krocha" steht für "lassen wir es krachen", nach Eigendefinition gehen die Krocha "gerne shoppen oder ins Solarium", abends halten sie sich in Discotheken auf, sie gehen "krochen". AnhängerInnen der "Krocha"-Kultur sind leicht erkennbar: Von weitem stechen einem ihre Schirmkappen ins Auge, die sie kunstvoll auf ihren Köpfen balancieren, dazu tragen sie golddurchwirkte Turnschuhe - und natürlich Palästinensertücher in allen möglichen Farben und Ausführungen. "Die 'Krocha' sind eine reine Spaßkultur", sagt Philipp Ikrath, Leiter des Hamburger Departements des österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung. "Bei ihnen stehen Selbstinszenierung und Konsum im Vordergrund. Das Palästinensertuch hat für sie überhaupt keine politische Bedeutung - es ist reines Modeaccessoire."

Das Phänomen der "Krocha" beschränkt sich auf Wien und Umgebung, die Zentrale der "Krocha"-Kultur ist die Disco "Nachtschicht". Dass bald europaweit in der Käppi-Tuch-Uniform "gekracht" wird, glaubt Ikrath nicht: "Das ist vermutlich eine sehr kurzlebige Erscheinung - und Wien ist auch nicht die Stadt, in der internationale Trends entstehen." (Nicole Bojar)

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Posting 1 bis 25 von 76
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der hochnotpeinliche Herr Staatsanwalt
00
29.2.2008, 21:25
das würde alles nach und nach erklären ...

wieso ich letztens beim spar am kärntner ring von generationsgenossen im weitesten denkbaren sinne (dh. von mehreren leuten über 20 aber unter 30, wobei ich da schon die obergrenze erreicht habe) seltsam beäugt wurde, nachdem ich neben einem kornspitz "so ein eckiges noch dazu bitte" geordert hatte (könnte irgendwie "wie noch da reih" vermischt mit "tzubito" geklungen haben) ... besonders verblüffend war, daß ein wirklich armer junger mensch, ein offenbar verunfallter (wintersport?), der technoidest zusammengeflickt mit krücken und seltsam anzusehenden riesigen knieschrauben durch den spar humpelte, beim bezahlen offenbar irgendwie kommunikation aufnahm (kommentierte meinen einkauf, während seine begleiterin bloß schwieg) ... hm *nachdenk*

Langlebiges Feuerzeug
013

was!?
ich versteh kein wort.

fetznpupperl
 
00
27.2.2008, 14:01

ich weiß, was linke und was nazis sind, ebenso kenn ich das palästinensertuch - was i net kenn, sind "krocha". bitte um aufklärung, was ist das?

Anna Moser1
32
27.2.2008, 12:21
Bin verwirrt

Vielleicht kann mir jemand erklären, warum Linke diese Kefiya tragen/trugen, das hab ich nämlich noch nie verstanden. Auch nach Lesen dieses Artikels nicht. Warum hat die 68er Generation mit dem Tragen dieses Tuches mit den Palästinensern sympathisiert? Das ist ja wiederum ein Zeichen von Antisemitismus und ich dachte immer, die 68er hätten sich auch gegen das Unter-den-Tisch-Kehren der Fehler der Kriegsgeneration gestellt. Bitte um Antwort. Dankeschön.

ich! ich! ich! ...ich auch!!!!
75
27.2.2008, 14:38

weil es ein einfaches statment gegen ein apartheid-regime im nahen osten ist?

maNishma
00
21.3.2008, 17:59
sie meinen die regime,

die nach 1948 mehr als 850 000 juden vertrieben haben?

Paul Janson
33

Das Pali-Tuch ist ein Smybol für Terrorismus und Judenhass.

Die 68er Meinungselite hat es nur immer als Symbol für Freiheit verkauft. Und Generationen später glauben es die Jugendlichen immer noch:-)

der hochnotpeinliche Herr Staatsanwalt
01
29.2.2008, 21:07

gerade nicht, oder etwa gerade schon? oder doch eher gerade nicht? bin auch überfragt (wills aber nicht gleich verwirrt nennen)

a c
22
28.2.2008, 00:43

sie müssen wahrscheinlich saudi arabien meinen?

das land mit den besten religiösen freiheiten und für frauen ein paradies.

ullatica
 
41
27.2.2008, 12:34
das hilft auch nicht wirklich, oder? ich finds auch höchst seltsam!!!



Coole Kids tragen kein Pali-Tuch
[Dieses Flugblatt wurde auf der LL-Demo 2002 von den JungdemokratInnen/Junge Linke Berlin verteilt]

Okay, Du bist etwas verwundert. Du trägst ein Pali-Tuch. Du bist jung, Du nennst Dich radikal, oder auch nicht. Du nennst Dich antifaschistisch, oder auch nicht. Jedenfalls trägst Du ein Pali-Tuch.
Vielleicht hast Du Dir das gerade gekauft, vielleicht ist es schon eine Weile her. Um auf den Punkt zu kommen. Jedes Kleidungsstück ist eine Aussage. Jedes Kleidungsstück hat eine Geschichte. Und dieses ganz besonders. Seit die Studenten im Jahr 1968 für den Vietcong und gegen die Amerikaner in Vietnam waren, kam dieses Kleidungsstück langsam in Mode.

Anna Moser1
30
27.2.2008, 12:53
Vielen Dank ullatica

Linke hätten niemals die Palästinensertücher tragen dürfen. Einerseits wurde damit offensichtlich eine anti-imperialistische Einstellung zur Schau gestellt, andererseits kann man es auch als Antisemitismus interpretieren. Und da fangen für mich dann die Widersprüche an. Wenn es über Amerika nach Europa kam, weil sich die europäische 68er Bewegung mit der amerikanischen solidarisierte, versteh ich es noch eher. Aber man hätte dann trotzdem darüber nachdenken müssen, dass es für unseren Sprachraum eine ganz andere Bedeutung hat, etwas eindeutig Antisemitisches zu tragen.

Ludovico Settembrini
20
27.2.2008, 14:58

aeh, antiimperialismus und antisemitismus haben auch ueberschneidungen.
denken sie an die achse PLO - RAF, denken sie u.a. auch an horst mahler...

ullatica
 
00
26.2.2008, 22:07

für alle, die sich diese "bewegung" noch nicht vorstellen können (leider ohne flash-kapperl.....)
"krocha" in action:
http://www.youtube.com/watch?v=UskXna6kpLE
http://www.youtube.com/watch?v=k... re=related

iljahu
 
66
26.2.2008, 15:53
Was ich mitunter lustig finde

ist, das jenes Tuch ein merkmal einer der undemokratischsten Gesellschaften weltweit, ausgerechnet von den Linken herumgetragen wird.

Von den Krocha red ich gar nicht, die wissen nicht einmal, das "der mittlere Osten" nix zum essen is!

trigg
12
26.2.2008, 14:13
Kroch ma

eine ins Solarium!

Peinlich peinlich - die armen verwirrten Kinder.
Aber im Fasching hab ich einige als Krocha verkleidet im Flex gesehen- braune Schuhcreme im Gesicht, Pali-tuch um und diese seltsamen Kappen- das hatte schon etwas

BAM OIDA

die nette Schlaftablette
00
10.5.2008, 20:39

fix, oida. und ich mach fix bei einer krocha-party im juni. sozusagen, als verfrühtes faschingsfest ;-) schuhcreme ins gesicht...gute idee! ich darf aber den weissen stricht zwischen haaransatz und stirn nicht vergessen...

Peter Eisendraht
14
26.2.2008, 13:30
krocher tipp

wer schranzen wil aber es niocht ann (wie ich)

einen krocher fragen, am besten vor der schicht oder in der htl neustadt

der vokiu krocher erklärte es mir so:
v, t, vau, tee oida!

also fussis in v- stellung . dann das T bildet

wuzz wuzz mucke eine und geht scho!
BaM OiDA!

Colette
04
26.2.2008, 14:26
????

bin ich denn schon soo alt? ich versteh KEIN WORT!!

Peter Eisendraht
00
26.2.2008, 14:56
keine sorge - ich weiss auch erst seit 14 tagen was das ist

das aha erlebnis posting:

http://derstandard.at/?url=/?id=3067213

krocher in action:
http://www.youtube.com/watch?v=UskXna6kpLE

Böses Mädchen
01
26.2.2008, 15:39
"Schranzen" ist das:

http://derstandard.at/?url=/?id=3067213

Hat mir mein Sohn erklärt.

Der Tanzstil schaut auba scho cool aus. ;-) Wenns nur net so aunstrengend wär, in mein Oita.

insertnamehere
 
67
26.2.2008, 13:18
Ist das Palituch jetzt also auch auf Che-Guevara-Leiberl-Level ankommen.

"Ich trage ein Che-Guevara-Leiberl, um gegen multinationale Ausbeuter-Konzerne zu protestieren, wie zum Beispiel den, von dem ich mein Che-Guevara-Leiberl gekauft hab."

trollvottel
88
26.2.2008, 17:12

Dass Che Guevara Menschen wegen ihrer Homosexualität abknallen ließ, ist den meisten Autonomen offenbar ebenso unbekannt wie die Tatsache, dass das Palituch lange Zeit ein eindeutiges antijüdisches Statement war (und vielleicht noch ist).

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