Hans Menasse: "Man muss ballsicher sein"

27. Februar 2008, 13:21
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Der Vienna-Star und Ex-Internationale erzählt, wie der Fußball einmal war, wie er heute sein sollte - ein Interview

Standard:Ich möchte mit dem Jahr 1938 beginnen. Sie sind damals Wien im letzten Moment entkommen. Kann man das so sagen?

Menasse: Mein Bruder und ich sind im Dezember 1938 mit einem Kindertransport nach England geschickt worden. Ich war damals acht Jahre alt und habe natürlich nicht gewusst, was das bedeutet.

Standard: Im englischen Exil haben Sie Ihre fußballerische Karriere begonnen.

Menasse: Ich war schon immer fußballnarrisch. In England ist das weitergegangen. Wie der Krieg begonnen hat, im September 1939, sind die Schulen aufs Land evakuiert worden. Und da hat's die Möglichkeit gegeben, Fußball zu spielen. Mit 15 habe ich ein Probespiel bei Derby County gemacht, dann war ich bei der sogenannten Fohlenmannschaft von Luton Town. Ein Scout hat mich Arsenal empfohlen. Ich hab bis heute den Brief von Arsenal, wo sie schreiben, dass ich zu einem Probetraining kommen soll. Das war 1947. Aber da war ich dann schon auf dem Weg zurück nach Wien.

Standard: Ihre Eltern haben den Krieg und die Verfolgung in Wien überlebt.

Menasse: Meine Mutter war Katholikin, mein Vater Jude. Dass mein Vater überlebt hat, war wie ein Wunder. Beide Eltern waren nach dem Krieg so was von nervenzerrüttet, das kann man sich gar nicht vorstellen.

Standard: Haben sie gleich nach ihrer Rückkehr zu kicken begonnen?

Menasse: Mein Vater hat mich, ohne zu fragen, an der Hand genommen, auf die Hohe Warte geführt und gesagt: So, du wirst jetzt für die Vienna spielen. Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich lieber bei der Austria gespielt. Die Austria war immer mein Lieblingsverein, weil die am schönsten gespielt haben - das Wiener Scheiberlspiel, das technische.

Standard: Sie haben ja doch auch bei der Austria gespielt.

Menasse: Ja, kurz, leider. Wir waren ja wirklich wie die Sklaven. Selbst bei einer Abmeldung hätte man eineinhalb Jahre warten müssen. Und dann hätte man in die Unterklasse wechseln müssen.

Standard: Zuletzt ist immer von der 78er-Generation die Rede gewesen. Sie sind Teil der 54er-Generation. War das die beste Fußballergeneration, die Österreich je hatte?

Menasse: Tatsächlich war der dritte Platz bei der WM in der Schweiz ein Riesenerfolg. Und leider hat es damals keinen Europacup gegeben. Alle Wiener Vereine waren damals ja immer unterwegs. Das waren zwar Freundschaftsspiele, aber wir haben fast alle gewonnen. Die 78er, das war natürlich auch eine sehr gute Generation. Es ist ja ein Glücksfall, wenn gleichzeitig ein paar außerordentliche Talente da sind. Das ist in jedem Land so. Wenn vier, fünf Superfußballer da sind, die ergänzt man dann mit ein paar sogenannten Handwerkern, und dann kommt eine Supermannschaft heraus. Momentan haben wir leider sehr wenige Talente.

Standard: Wann haben Sie zuletzt ein Länderspiel gesehen?

Menasse: Vor kurzem das Match gegen Deutschland. Früher war ich immer bei der Austria. Ich war mit Joschi Walter befreundet, war zehn Jahre lang im Vorstand. Jetzt schau ich mir die Länderspiele an und gehe ein paar Mal ins Horr-Stadion.

Standard: Was sehen Sie dort, was haben Sie gesehen? Wie würden Sie den österreichischen Fußball im letzten halben Jahrhundert, von 1954 an, beschreiben?

Menasse: Wir haben einen Fehler gemacht. Österreichs Fußball-Erfolge waren immer die Folge der Technik, des Scheiberlspiels. Irgendwann aber hat man angefangen zu sagen: Wir müssen, was zum Teil ja stimmt, athletischer werden. Und dann ist das Balltraining, die Technik vernachlässigt worden. Man muss aber vor allem ballsicher sein.

Standard: Eine gemeine Frage: Fällt Ihnen spontan ein aktueller Teamspieler ein, von dem Sie sagen würden, so sollte einer sein?

Menasse: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, ohne dass man jemandem wehtut. Aber nur zum Beispiel: Ich habe den Leitgeb gesehen, ganz am Anfang bei Sturm, und der ist mir sofort aufgefallen. Der hat einmal angedeutet, ist auf der anderen Seite vorbeigegangen, hat einen Schmäh gemacht, einen Haken, er ist schnell, er ist direkt, er ist nach vorn. Und jetzt hat er das große Pech, dass er nicht laufend spielt. Wäre er nicht zu Salzburg gegangen, wäre er wahrscheinlich schon ganz ein anderer Spieler.

Standard: Halten Sie Vereine wie Salzburg oder die Austria zur Zeit der Stronach-Hochblüte für schädlich?

Menasse: Es wäre überhaupt nicht schädlich, sondern, im Gegenteil, ein Riesenglück. Nur müssten die, die das Geld von Herrn Stronach, Herrn Mateschitz oder wem auch immer bekommen, vernünftig und fachmännisch damit umgehen. Mittlerweile sagt und schreibt das ja schon jeder, dass der Herr Stronach, seit er bei der Austria ist, fast nur von falschen Beratern, von falschen Leuten umgeben war. Beim Herrn Mateschitz ist es ein bisserl besser. Der hat immerhin mit Beckenbauer, Trapattoni, Matthäus, Kreuzer, Hochhauser und so weiter Fachleute. Nur da ist halt wieder die Philosophie vom Herrn Trapattoni mit seinem Defensivkonzept. Das ist auch nicht das Ideale.

Standard: Hat Sie das Deutschlandspiel für die EURO optimistischer gestimmt?

Menasse: Ja und nein. Die erste Hälfte war ja wirklich sehr gut. Aber ich habe schon befürchtet, dass wir in der zweiten Halbzeit zurückfallen würden. Wenn man jetzt sagt, wir haben eigentlich über 90 Minuten eh gut gespielt und dazwischen halt nur die drei Tore bekommen, dann lügt man sich schon wieder in den Sack.

Standard: Sie sagen, die Spieler sind athletischer geworden. Und die Laufstatistiken deuten ja auf gute Kondition hin. Wieso bricht dann die Mannschaft regelmäßig ein?

Menasse: Ich weiß nicht, wie viel Glauben ich diesen Statistiken schenken soll. Es ist für mich halt ein Unterschied, ob ich immer wieder in Stellung laufe und so ein großes Laufpensum erledige oder ob ich immer nur dem Gegner nachlaufe. Bei ausländischen Mannschaften sieht man ja, dass, wenn beispielsweise einer auf der rechten Seite durchgeht, drei, vier oder fünf mitsprinten. Bei uns bestenfalls einer oder zwei. Und manchmal ist es so, dass ein österreichischer Mittelfeldspieler während eines ganzen Spiels kein einziges Mal den gegnerischen Strafraum betritt. Das darf nicht sein.

Standard: Ließe sich das in kurzer Zeit, also bis zur EURO, ändern?

Menasse: Hickersberger hat das alles ja auch selber gesagt. Ich glaube, sie arbeiten daran. Zuletzt hat er ja eh mit zwei Stürmern gespielt. Und es sind auch mehr nachgekommen. Die wissen schon, wie's geht.Ob sie's umsetzen können, hängt letztlich ein bisserl vom Gegner auch ab.

Standard: Die heißen bei der EM Kroatien, Polen, Deutschland. Wie wird sich Österreich da schlagen?

Menasse: Ich kann nur hoffen. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir, wenn wir wirklich sehr gut spielen, gegen Kroatien zum Beispiel das Match lange Zeit ausgeglichen halten können. Und wenn es so ist, müssen es ja nicht immer wir sein, die ein dummes Tor bekommen. Vielleicht kriegen wir einen Elfer, vielleicht patzt der gegnerische Goalie.

Standard: Wie zum Beispiel Deutschlands Jens Lehmann?

Menasse: Beim Lehmann hat es, leider Gottes, nichts gebracht. Und bei uns - na ja. Aber wenn zum Beispiel die Deutschen gegen Polen gewinnen und die Polen nervös werden, dann könnten wir Polen eventuell schlagen. Und wenn dann im letzten Spiel Deutschland schon durch ist, ist alles möglich. Aber das ist natürlich nur "wishful thinking". (Mit Hans Menasse sprach Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25.2. 2008)

  • Der Vienna- und spätere Austria-Stürmer Hans Menasse brachte den Rapid-Libero Ernst Happel zuweilen in ziemlich arge Bedrängnis.
    foto: menasse

    Der Vienna- und spätere Austria-Stürmer Hans Menasse brachte den Rapid-Libero Ernst Happel zuweilen in ziemlich arge Bedrängnis.

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