Kaputte Knorpel regenerieren

25. Februar 2008, 16:45
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Heilbar ist die Knorpelabnutzung nicht - Die Palette an Therapien ist breit, die neueste heißt Magnetresonanz: Sie soll abgenützte Gelenke wieder fit machen

Der menschliche Bewegungsapparat ist nicht für die Ewigkeit konzipiert, früher oder später spürt das jeder in seinen Gelenken. Wer übergewichtig und weiblich ist, wahrscheinlich schon früher, in der Regel treten arthrotische Beschwerden im siebten Lebensjahrzehnt auf.

Hüfte, Knie und Daumensattelgelenke

"Schwachstellen sind vor allem Gelenke, die permanent belastet werden", berichtet der Wiener Unfallchirurg und Sporttraumatologe Reinhard Weinstabl von den häufigen Abnützungserscheinungen und erwähnt in diesem Zusammenhang vor allem Hüfte, Knie und Daumensattelgelenke.

Unwiderruflich und irreperabel

Das Problem der Arthrose ist unwiderruflich, der kaputte Gelenksknorpel ist irreparabel. Sichtbar machen lässt sich der Schaden im Detail mit der Magnetresonanztomografie.

Dass dieses diagnostisch radiologische Hilfsmittel auch therapeutische Qualitäten besitzt, ist durch einen Zufall entdeckt worden. "Patienten mit Kniebeschwerden waren, nachdem sie zur Magnetfelduntersuchung zwecks Diagnose geschickt wurden, plötzlich beschwerdefrei", erzählt Peter Valentin, Leiter des Unfallchirurgiezentrums in Klosterneuburg.

Kontroverse um Wirkung Valentin ist von dieser neuen Methode überzeugt. Seine Begeisterung kann sich Siegfried Trattnig, ärztlicher Leiter des Kompetenzzentrums für Hochfeld-Magnetresonanz an der Klinik für Radiodiagnostik am Wiener AKH, nicht nachvollziehen. "Zwischen klinischer Wirkung und dem, was man objektiv messen kann, sind oft große Unterschiede", betont er. Nicht dass er die neue Methode nicht für möglich hält, seine Skepsis begründet er jedoch in den fehlenden wissenschaftlichen Beweisen (siehe Interview unten).

Sicht- und spürbaren Erfolge

Weinstabl behandelt seine Patienten seit drei Monaten mit der neuen Methode. "Mit der Magnetresonanztherapie sind wir in der Lage, Knorpel- und Knochenzellen zu regenerieren", sagt er und berichtet von sicht- und spürbaren Erfolgen. Das Behandlungsprinzip: Der Zellstoffwechsel arthrotischer Gelenke ist massiv beeinträchtigt. Knorpelzellen degenerieren und werden zu minderwertigen Bindegewebszellen. Ihr genetischer Code, der ihnen ihre ursprüngliche Funktion verrät, bleibt jedoch unverändert.

Mutieren wieder zu Knorpelzellen

Mit Hilfe der Magnetresonanzbehandlung gelingt es den Bindegewebszellen, sich an ihre Herkunft zu erinnern. Sie mutieren wieder zu Knorpelzellen, und die Knorpelschicht im abgenützten Gelenk wird dicker. Was dem Magnetresonanz jedoch nicht gelingt, ist die Neubildung von Knorpelzellen. Für 60.0000 betroffene Patienten in Österreich könnte die neue Therapie trotzdem interessant sein.

Hohe Kosten

Allein: Die Kosten sind beträchtlich. Das Paket mit neun Behandlungsstunden kostet 760 Euro. Dafür ist eine bis zu 90-prozentige Verbesserung der Symptomatik zu erwarten, ist Unfallchirurg Valentin sicher.

Günstigere Alternativen Wem das zu teuer ist, dem stehen aber immerhin noch mehr als 200 andere Behandlungsmethoden zur Verfügung. Das Problem bis jetzt: Wirklich viel genützt hat bislang nichts. "Die Arthrose schreitet immer weiter fort", sagt Valentin realistisch. Biologische Knorpelschutzstoffe wie Chondroitin- und Glucosaminsulfat zum Schlucken oder das "Gleitmittel" Hyaluronsäure unmittelbar ins kranke Gelenk gespritzt verzögern zwar bewiesenermaßen den Knorpelabbau, doch wie lange das Fortschreiten der Erkrankung wirklich aufgehalten werden kann, weiß man weder in diesen Fällen noch nach einer Transplantation von Knorpelzellen.

Letze Option: Gelenkprothese

Die allerletzte Option für viele Athrotiker sind schlussendlich Gelenksprothesen. Das Einsetzen ist mittlerweile an jedem orthopädischen Spital Routine, nur das Operationsrisiko bleibt bestehen.

Die Magnetresonanzbehandlung ist hingegen völlig schmerz- und nebenwirkungsfrei", erklärt Weinstabl die Vorteile der neuen Behandlungsmethode. Der Patient setzt das betroffene Gelenk lediglich einem sehr hohen Magnetfeld aus, indem er es in eine eigens dafür vorgesehene Spule legt.

Funktionstüchtig und schmerzfrei

Was sich dann intrazellulär im Gelenk abspielt, sei zwar kompliziert, für den Patienten aber nicht spürbar. Und wenn das Resultat der Prozedur funktionstüchtige und schmerzfreie Gelenke sind, dann ist es vielen Betroffenen sicherlich eine Investition wert. (Regina Philipp, MEDSTANDARD, Printausgabe, 25.02.2008)

Optionen bei Arthrose

Mikrofrakturierung: Ist eine einfache Technik, die sich für Knorpelschäden eignet, die in der Ausdehnung relativ klein sind, aber tief bis zum Knochen reichen.

Im Rahmen einer Gelenksspiegelung werden mit einem dornartigen Instrument zwei Millimeter große Löcher in den Knochen geschlagen. Um die Löcher herum entstehen zahlreiche , feine Knochenrisse, sogenannte Mikrofrakturen.

Aus diesen künstlich erzeugten Knochendefekten tritt Blut aus, gerinnt und bleibt dort haften. Aus dem darunterliegenden Knochenmark gelangen Stammzellen an die Knochenoberfläche und bilden dort eine neue Faserknorpelschicht aus.

Knorpel-Knochen-Transplantat: Bei größeren Knorpelschäden wird das Gelenk zur Gänze geöffnet. Kleine Knorpel-Knochen-Zylinder werden aus beispielsweise wenig belasteten Kniearealen in den Knorpeldefekt der Belastungszone verpflanzt.

Meist werden dabei viele Zylinder gleichzeitig transplantiert. Das Verfahren wird deshalb auch als Mosaikplastik bezeichnet.

Im Gegensatz zur Mikrofrakturierung wird hier der Knorpeldefekt mit hyalinem Knorpel gefüllt. Langfristig ist dieser Knorpel widerstandsfähiger als der Faserknorpel.

Knorpelzelltransplantat: Knorpelmaterial wird aus einem nicht belasteten Areal des Gelenks entnommen und im Reagenzglas durch Züchtung vermehrt.

Drei bis sechs Wochen später wird der Knorpeldefekt zunächst mit einer vom angrenzenden Schienbeinkopf entfernten Knochenhaut übernäht . Anschließend werden dann die neuen Knorpelzellen eingespritzt und ersetzen die zerstörten Areale.

Die Operation ist technisch allerdings schwierig und sehr teuer. (phr)

Siehe
Interview: "Therapie-Effekte messen"

  • Eine Arthrose im Knie: Sie zieht schwere Bewegungseinschränkungen nach sich.
    foto: medstandard

    Eine Arthrose im Knie: Sie zieht schwere Bewegungseinschränkungen nach sich.

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