Vom Herzblatt zur Herzenskunst

24. Februar 2008, 17:39
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Rainhard Fendrich debütiert in der Ehe-Komödie "Nächstes Jahr – gleiche Zeit" an den Kammerspielen

Wien – Bevor Rainhard Fendrich mit Strada del Sole und Schickeria oder Razzia den Austropop-Koffer mit Hits bepackte: Da drückte der Barde, wie wir alle trotz Musical- und Filmauftritten vergessen haben, die Schauspielschulbank am Konservatorium der Stadt Wien. Das ist zwar lange her, doch die dabei offensichtlich erworbenen Fertigkeiten machten sich in einer zwischen Herzblatt-Onkel und Hymnen-Dichtkunst mäandernden Karriere selten so bezahlt wie bei der samstägigen Premiere in den Wiener Kammerspielen des Josefstadt-Theaters.

Klar: Wenn Fendrich Theater spielt, dann verfügt selbst das klapprigste kalifornische Strandhotelzimmer über ein Pianino. Und auf dem darf der für das Sprechtheater wiedergewonnene Akteur in einer keiner weiteren Showeinlage aufgeschlossenen Inszenierung Herbert Föttingers auch zwei eigens komponierte Lieder singen. Eines davon ist wirklich schön — und es trägt denselben Titel wie das Programm des Abends: Same Time, Next Year.

Romantische Komödie ist ein Begriff, der für Bernard Slades Klassiker aus den 70er-Jahren, zu Deutsch Nächstes Jahr – gleiche Zeit, weder ausreicht noch passt. Das Stück erschließt sich in der auf die zwei Hauptfiguren, Doris und George, fokussierten Josefstadt-Fassung vielmehr als melodramatischer Abriss einer Kulturgeschichte der Ehe.

Fern ihrer jeweils eigenen glück- und kinderreichen Familien schlittern Doris (Sona MacDonald) und George (Fendrich) einander anno 1951 das erste Mal in die Arme. Der mit Gewissensbissen und großer Erfülltheit zugleich vollzogene Ehebruch wird fortan jährlich, zum immergleichen Datum, wiederholt, über dreißig Jahre lang. Zeit genug also, um die Genese des moralischen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Amerika der Nachkriegszeit unter einen komprimierten Bogen zu bringen.

Nach einem etwas zu echauffierten Auftakt Fendrichs geht das Paar, Hand in Hand bzw. Knie auf Knie einen feinsinnigen, anrührenden Weg durch die wechselvollen Jahrzehnte ihrer geheimnisvoll geschmiedeten Doppelehe. Auch wenn einmal der Kostümfundus mit dem Zaunpfahl winkt (MacDonald als Hippiebraut, frisch von der Anti-Vietnamkriegsdemo): Nichts kann an diesem Abend dem hingebungsvollen Spiel der beiden und vor allem dem in einmalige Schattierungen (Licht: Franz Henmüller) getauchten Bühnenbild von Rolf Langenfass etwas anhaben: Die düstere Patina der olivgrünen Wände (samt Edward Hopper) deuten gar einen Raum der Unwirklichkeit an. Alles in allem ein Glücksfall! (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 2. 2008)

  • Jedes Jahr zur gleichen Zeit etwas ganz Neues: Sona MacDonald und Rainhard Fendrich auf Tuchfühlung.
    foto: rita newman

    Jedes Jahr zur gleichen Zeit etwas ganz Neues: Sona MacDonald und Rainhard Fendrich auf Tuchfühlung.

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