"Leichensuche" im Keller von Flöttl

27. Februar 2008, 17:29
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Die Richterin schickt die "Soko Bawag" in die Kel­ler von Alt-Bawag-Chef Walter Flöttl, Ziel der Suche: Akten aus der Ära Karibik I - mit Video

Action im Bawag-Prozess: Am Montagnachmittag beauftragte die Richterin eine "freiwillige Nachschau" und schickte die "Soko Bawag" in die Keller von Alt-Bawag-Chef Walter Flöttl und der Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG. Ziel der Suche: Akten aus der Ära Karibik I.

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Wien - Die tägliche Überraschung im Bawag-Prozess am Montag in ausgesuchter Form: Am Vormittag schied Richterin Claudia Bandion-Ortner das Thema Karibik I aus - am Nachmittag ließ sie nach Akten für diese ersten Flöttl-Geschäfte suchen.

Nachdem Helmut Elsner (Staatsanwalt Georg Krakow hat die Anklage gegen ihn auf Karibik I ausgedehnt) gesagt hatte, er habe gehört, dass Karibik-I-Unterlagen noch im Keller seines Vorgängers, Walter Flöttl, deponiert seien, wurde es hektisch im Saal. Man solle doch einen Blick darauf werfen, meinte die Richterin - und schickte flugs und im Rahmen einer "freiwilligen Nachschau" die Sonderkommission (Soko Bawag) zu Flöttl Seniors Wohnung. "Gehen Sie nachschauen, ob noch Leichen versteckt sind", gab sie der Soko mit auf den Weg.

Bei der Wohnung von Wolfgang Flöttls 84-jährigem Vater, der 1987 die Geschäfte mit seinem Sohn begonnen hatte, handelt es sich um das berühmte Penthouse am Wiener Fleischmarkt, neben dem (kleineren) von Ex-ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch. Auf den Weg gemacht haben sich drei Ermittler, Flöttl junior, der sich um seinen Vater sorgte, und dessen beide Anwälte. Auch zur langjährigen Bawag-Prüfungskanzlei, KPMG, wurde ein Kriminalistenteam entsandt. Mit dabei: Ex-KPMG-Partner Robert Reiter, der zuvor angeboten hatte: "Ich kann im Keller der KPMG suchen, ob ich noch etwas finde."

Ob und was gefunden wurde, wird sich dieser Tage herausstellen. Gegenüber Vertrauten hat der schwerkranke Flöttl-Senior stets betont, die ersten Karibik-Geschäfte seien im Wesentlichen so genannte Pipe-Geschäfte gewesen. Also Deals, bei denen es (gegen Besicherung durch Aktien) um Finanzierungen von Unternehmensübernahmen geht; ein aggressives Geschäft, das in den Achzigern in den USA sehr modern war.

Begonnen hatte der 74. Tag des Bawag-Prozesses ("gefühlter Tag: 300ster", stöhnte ein Journalist) mit einer Beschwerde "über die nachhaltige Unzufriedenheit" mit den jüngsten Verhandlungen. Richard Soyer, Verteidiger von Ex-Bawag-Aufsichtsratschef Günter Weninger, ergriff gleich Wort und Mikrofon, hielt ein Plädoyer für ein zügiger geführtes Verfahren. Hintergrund: Wolfgang Schubert, Anwalt des Angeklagten Helmut Elsner, hat begonnen, seine tausend Fragen an den Gutachter Fritz Kleiner zu stellen. Würden diese Fragen alle zugelassen, bedeute das eine "extreme Kosten- und Zeitbelastung der übrigen Angeklagten", teilweise seien die Fragen für die Beweisaufnahme "ohne Nutzen und überflüssig", dienten "nur der Verzögerung des Verfahrens", argumentierte Soyer.

Vorwürfe, gegen die sich Elsners Anwalt heftig wehrte: "Ich als Vertreter des einzigen inhaftierten Angeklagten habe das geringste Interesse an einem langen Verfahren. Aber ich werde das Gutachten, das unrichtige Zitate und Fakten enthält, weiterhin in allen Facetten hinterfragen."

Abgekürzte Fragenrunde Nachdem sich auch Elsner ("Ich stelle die Kompetenz des Sachverständigen für die Flöttl-Geschäfte in Frage") und Flöttl ("Ich habe durch meine Anreise überwältigende Kosten und werde nur noch Fragen des Gerichts und Staatsanwalts beantworten") beklagt hatten, sprach die Richterin ein Machtwort. Schubert müsse am Mittwoch "eine Frage nach der anderen Fragen an den Gutachter stellen, er wird sie notieren und ausarbeiten. Die Antworten kommen zu einem anderen Zeitpunkt".

Den Rest des Vormittags nützte die Richterin für ergänzende Fragen an die Angeklagten, in den Mittelpunkt des Geschehens gerieten dabei Ex-Prüfer Reiter und Ex-Präsident Günter Weninger. Weninger (der Staatsanwalt hat die Anklage gegen ihn eingeschränkt) - beteuerte, lebhaft und dezidiert wie selten zuvor im Prozess, wenig Informationen vom Bawag-Vorstand bekommen zu haben. Er habe die Sonderkommission Bawag 2006 um zusätzliche Einvernahmen seiner selbst gebeten, "weil ich die Neuigkeiten aus den Medien erfahren habe. Ich war selbst von vielen Informationen überrascht." Die Schlussfolgerung des Angeklagten: "Ich bin getäuscht worden."

Detail am Rande: Selbst die Formulierung der Kreditaufträge, die die Solidaritätsprivatstiftung des ÖGB für die Bawag übernahm (damit diese bilanzieren konnte), stammten von der Bawag.

Viel Erklärungsbedarf hatte am Montag auch Ex-Bankprüfer Reiter. Am längsten tüftelte er ("Nicht böse sein, aber es geht um sehr viel, um meine private und berufliche Existenz") an der Antwort auf eine ganz zentrale Frage des Staatsanwalts: Der wollte wissen, was Reiter getan hätte, wenn ihm Bawag-Vorstand Johann Zwettler über seine Zweifel an Flöttls Vermögenswerten informiert hätte. Reiters Antwort nach zehn Minuten und vielen Erklärungsversuchen: "In dem Fall hätte man die Werte der Bilder herausfinden müssen. Da schaut man im Internet nach, das habe ich für zwei Bilder getan." "Warum nur für zwei?", wollte Krakow wissen. Reiter: "Das schien mir ausreichend."

Geht es nach Elsner, könnte auch Kanzler Alfred Gusenbauer Bawag-Zeuge werden. Er könne Elsners Anwesenheit bei einem Gewerkschaftertreffen bezeugen. An einem Tag, an dem Elsner laut Flöttl bei ihm im Wiener Marriott gewesen sein soll. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.02.2008)

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