Alex' schönste Altersflecken

27. Februar 2008, 17:00
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Auch nach der Eröffnung der Bibliotheca Alexandrina bleiben jene Seiten der Metropole am spannendsten, die aus ihrem antiken Archiv stammen

Beides, Erbe und Verfall, zählt zu den markanten Eindrücken, wenn sich Alex, wie Ägyptens liberalste Stadt von ihren Bewohnern salopp genannt wird, wie ein vergilbtes Album aus der Ära der Orientreisen aufblättert. Wäre Alexandria eine Alte, die mit zerfurchtem Gesicht am Tresen hockt, so wie die Stadt selbst am Rande des Mittelmeers - man würde ihr aufmerksam zuhören.

Denn dass diese Stadt etwas erlebt hat - man spürt es auf Schritt und Tritt: von der Weltstadt der Wissenschaft zum Fischerdorf; und dank Napoleon ein zweiter Höhenflug als kosmopolitische Belle- Epoque-Diva. Die Schaufenster und eleganten Cafés der Griechen, die noch vor drei Generationen, gemeinsam mit Franzosen, Briten, Italienern und Türken ein gutes Drittel der Bevölkerung stellten, sind dafür ein erstes Indiz. Ebenso wie die alten Grammofone und Singer-Nähmaschinen, die Alexandrias Attarin-Flohmarkt zum Geheimtipp für Antiquitätenjäger machen. In Bars wie dem "Cap d'Or" an der Sharia Adib, wo das mediterrane Licht durch bunte Glasfenster gebrochen wird, sind die alten französischen Chansons bis heute zu hören.

Kein Wunder also, dass diese Uferpromende einen ersten roten Faden touristischer Stadterkundungen abgibt - heute wie einst. Unmittelbar neben dem Gewimmel der buntgelackten Fischerboote und des quirligen Fischmarktes, die der Viermillionenstadt die freundliche Aura eines Fischerdorfes verleihen, reihen sich Alexandrias alte und auch seine neuen Sehenswürdigkeiten.

Schriftzeichen der Zeit

Der futuristische Bau der 2002 eröffneten Bibliothek etwa, der Raum für acht Millionen Bücher bescherte und die Stadt schlagartig in die öffentliche Wahrnehmung zurückrief - um nach mehr als zweitausendjähriger Pause an jene antike Bibliothek Ptolemäus' I. anzuknüpfen, dessen Agenten Alexandria im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung mittels 700.000 zusammengetragener Schriftrollen einst zum Weltarchiv der Antike gemacht hatten. Jetzt soll die leicht schräg stehende, mit Schriftzeichen aus allen bekannten Alphabeten geschmückte Gebäudescheibe als zweite erhellende Sonne über dem Mittelmeer wachen.

Doch auch die Schatten der lokalen Freizeitkicker, die auf der honiggelben Mauer des Fort Qaitbey einer Schattenkugel nachjagen, können lehrreicher Teil des Uferspazierganges sein. Das bereits 1480 von einem Mameluckensultan errichtete Gebäude liegt am anderen Ende der langgezogenen Bucht, an der sich Alexandria erstreckt. Nimmt man die Außenmauern des exponierten Forts näher unter die Lupe, lassen sich riesige Säulen aus rotem Granit ausmachen - Recyclingmaterial des berühmten Leuchtturms, der einst zu den Weltwundern der Antike zählte.

Andere Fundstücke tauchten erst im Laufe der 1990er-Jahre auf, als Unterwasserarchäologen rund um das Fort hunderte Relikte des abgesunkenen Alexandria entdeckten: Teile des Palastes aus der Ptolemäerzeit, Säulen, Kapitelle, Köpfe von Sphingen, die das Meer abgerissen hatte, Statuen des Nilgottes Hapi, schließlich ein vollständig erhaltenes Schiffswrack - und nicht zu vergessen: eine Sphinx, die die Züge von Ptolemäus XII. trägt - Kleopatras Vater.

Dass die meisten Geschichten gemeinsam mit den alten Steinen, wenn nicht im Meer, dann längst im Boden versunken sind, spielt dabei keine Rolle. Sie tauchen von Zeit zu Zeit wieder auf - so wie eine Badewanne am römischen Amphitheater Kom al-Dikka. Ein Modell wie maßgeschneidert für Alex und die Celebritys der Antike.

Anti-Aging für Alex

Alexandria kann aber auch im Abendlicht versinken, um im Stile einer alten Grande Dame aufzuerstehen. Dann verweist die Stadt allzu scharfe Kritiker in ihre Schranken - Michael Palin etwa. Alexandria, das ist wie Cannes mit Akne, hatte der britische Komiker einmal gesagt, in Anspielung auf den pickelig gewordenen Villenstuck der Corniche, der nur vereinzelt in neuem Glanz daherkommt - etwa im Fall des jüngst restaurierten Opernhauses.

Doch legt sich die samtige Dunkelheit über Alexandrias abgeschlagene Fassaden, so wie Nachtcreme über die Falten einer alten Diva, dann treten die Konturen klassizistischer Villen hervor, in deren Salons zu Beginn des letzten Jahrhunderts Europas Jetset zu Hause war - und neben Bohemiens auch Literaten von Weltrang. Immerhin ist Alexandria ja auch eine Stadt der Romanciers, von Lawrence Durrell wurde sie in "The Alexandria Quartet" verewigt. Der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus hat sie als hitzegeplagter Kairener in "Miramar" auch gleich zu seiner bevorzugten literarischen Sommerfrische gemacht.

Die Schreibstube des hier geborenen, später weltweit bekanntgewordenen Stadt-dichters Konstantinos Kavafis wurde - nur wenige Schritte von der alten Synagoge und dem rührenden "Brazilian Coffee Store" entfernt - in ein eigenes Museum verwandelt. Die altmodischen Tea-Rooms, die Durell und Co beschreiben, finden sich um den zentralen Platz Midan Ramla bis heute.

Wer durch die Eingangstür des "Cecil", eines der ehrwürdigen Grand Hotels der klassischen Ägyptenreise, schreitet, betritt damit auch das frühe zwanzigste Jahrhundert - und folgt so den Spuren Josephine Bakers, Agatha Christies, Winston Churchills. Alle wohnten sie hier; im ersten Stock hatte der britische Geheimdienst gar eine eigene Suite bezogen. Die Spione mögen verschwunden sein, der konspirative Belle-Epoque-Charme in der Hotelbar oder in den nahen Nostalgiecafés "Athenios" und "Trianon" hat sich gehalten. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/23./24.2.2008)

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    Die Bibliothek in Alexandria.

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