Alexander Horwath: "Ruzowitzky hat Chancen"

25. Februar 2008, 06:18
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In der Nacht auf Montag werden in Los Angeles die Oscars vergeben. Der Direktor des Filmmuseums Alexander Horwath kommentiert ab 2.30 Uhr im ORF – im Interview

Standard: Paris Hilton darf nicht zur Oscar-Gala. Gut?

Horwath: Mir persönlich ist es wurscht, wobei ich finde, dass das klassische Starsystem Teil des Kinos ist. Insofern bin ich über jeden Pseudostar weniger froh. Als Bub habe ich die Oscar-Show immer als den Ort mit dem Maximum an genuinen Stars erlebt.

Standard: Ihre allererste Gala?

Horwath: Jane Fonda für Coming Home, 1978. Ich habe sie sehr verehrt.

Standard: Was hat sich seither verändert?

Horwath: Das klingt jetzt, als wäre ich ein alter Mann: Aber wie wir ständig über das Privatleben der Stars informiert werden, das habe ich aus den 70er-Jahren überhaupt nicht in Erinnerung. Ich weiß noch, wie ich amerikanische Zeitschriften bestellt habe, um über Paul Newman und Robert Redford zu lesen, die ich so mochte. Oder über Henry Fonda, Jodie Foster, John Belushi oder Dean Martin - meine ersten "Lieblingsstars".

Standard: Was gefällt Ihnen an der Oscar-Verleihung?

Horwath: Mir gefällt, dass sie Geschichtsbewusstsein hat. Dass sie sich nicht als Insel versteht, sondern durch die Jokes auf das aktuelle politische Geschehen im Austauschprozess mit der Wirklichkeit steht. Ich mag die Hommage an die Verstorbenen. Wir regen uns dann jedes Jahr darüber auf, wen sie nicht reingenommen haben - ein schönes Ritual. Genial sind die filmhistorischen Montagen zu einem bestimmten Thema.

Standard: Und was nicht?

Horwath: Das Fadeste sind die Lieder mit meist ödestem Arrangement. Mir schaudert vor der Vorstellung, wie sie die Musik von There Will Be Blood wiedergeben. Eine grobe Unart ist auch die implizite 90-Sekunden-Regel für die Dankesrede.

Standard: Gehen die nominierten Filme in Ordnung?

Horwath: Zum Teil. Die besten US-Filme des Jahres, I'm Not There oder Eastern Promises sind gar nicht nominiert. Aber in den Nominierungssritualen der Jury gibt es viele Ausschlussmechanismen. Filme einer bestimmten Art - zum Beispiel "vulgäre" Komödien mit Will Farrell oder den Farelly-Brüdern - werden nie nominiert, obwohl sie zu den stärksten Elementen des US-Kinos gehören. Man wird sehen, wie ich das in meine Moderation einbringen kann.

Standard: Von der Rollenverteilung her sind Sie Armin Assinger und Eugen Freund Robert Seeger.

Horwath: Genau, wobei es schön wäre, wenn der ORF irgendwann einmal die Anzahl der Kultursendungen an jene der Sportsendungen angleichen würde.

Standard: Ihr Favorit?

Horwath: Von den fünf nominierten ist There Will Be Blood wohl der beste Film, und ich halte es für denkbar, dass er es auch wird.

Standard: Wie stehen die Chancen von Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher"?

Horwath: Gut. Obwohl er ein so großes historisches Thema hat, ist sein Film von der Mise-en-scène und der Produktionsgrößenordnung her der kleinste der nominierten. Beim Auslands-Oscar ist das kein Nachteil. Ein Stoff, der sich mit der NS-Zeit befasst, hat zudem immer gute Chancen.

(Doris Priesching, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.02.2008)

Zur Person:
Alexander Horwath (43) war Filmkritiker bei Standard, "Presse", "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit". Seit 2002 ist er Direktor im Filmmuseum.
  • Fordert mehr Kultur im ORF: Alexander Horwath.
    foto: cremer

    Fordert mehr Kultur im ORF: Alexander Horwath.

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