STANDARD-Interview: "Da ging etwas verloren"

22. Februar 2008, 19:06
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Was verbinden junge Leute mit Geschichtsdaten wie dem Jahr 1918? Eine Diskussion zum Untergang der Monarchie mit Schülern, Studenten und einer jungen Historikerin

STANDARD: Was ist Ihr Geschichtsbild von 1918? Da ist ein großes Reich von 52 Millionen Menschen zusammengebrochen, das bis in die heutige Ukraine, nach Polen, Bosnien, nach Oberitalien, nach Rumänien gereicht hat. Was bedeutet das für Sie heute ?

Saracevic: Ich stamme ja selbst aus Ex-Jugoslawien, ich bin in Bosnien geboren, meine Mutter ist Kroatin, mein Vater muslimischer Bosnier. Natürlich bedeutet mir das etwas, dass das alles einmal zu Österreich gehört hat. Ich lebe jetzt in Österreich, bin österreichischer Staatsbürger, aber diese Länder gehören eben auch zu mir. Ich glaube, dass Österreich damals einen großen Identitätsverlust erlitten hat. Österreich war damals Ungarn, Tschechien, Bosnien, Kroatien usw. - und dann wird das alles reduziert auf das, was heute noch übrig ist. Ich empfinde es positiv, dass das so ein großes Vielvölkerreich war.

STANDARD: Dass Österreich-Ungarn sich Bosnien 1879 bzw. 1908 sozusagen unter den Nagel gerissen hat, das stört Sie nicht?

Saracevic: Nein, wenn's nicht Österreich gemacht hätte, hätte es wer anderer gemacht. Vorher war Bosnien unter den Türken, und ich glaube, da ist es uns unter den Österreichern besser gegangen. Schade, dass diese Vielfalt verlorengegangen ist.

Tazreiter: Es sind in der Donaumonarchie einige sehr gravierende Fehler gemacht worden, die zum Auseinanderdriften der verschiedenen Völker geführt haben, und ich denke, dass wir jetzt gerade in der EU relativ viel von den Fehlern der Donaumonarchie lernen können - was hat uns damals auseinandergebracht. Es gab einen falsch verstandenen Nationalismus - im deutschsprachigen Bereich die deutschnationale, alldeutsche Bewegung, in Tschechien hat man sich unter Anführungszeichen "verarscht" gefühlt, weil z. B. die Ungarn gleichberechtigt mit den Deutschen waren, aber andere nicht.

STANDARD: Der Gedanke mit der EU ist sehr interessant - war die Monarchie so ein kleiner Vorläufer der EU?

Tazreiter: Nein, dafür ist die EU leider noch nicht nahe genug zusammengerückt. Die EU sollte ein Bundesstaat werden.

STANDARD: Die EU ist natürlich demokratisch verfasst, was die Monarchie nur sehr bedingt war.

Wöbber: Ob die EU demokratisch verfasst ist, darüber lässt sich sehr streiten. Die relevanten Entscheidungsorgane werden nur ganz indirekt gewählt. Momentan ist es ja eine Meritokratie, die Fachleute herrschen ... Oder eine Expertokratie. Darin bestand übrigens auch die k.u.k.-Monarchie. Da ist zwar oben jemand herumgehüpft, aber die einzelnen Entscheidungen wurden ja vom Beamtenapparat getroffen.

Paweronschitz: Aber was für ein konkretes Bild habt ihr vor Augen, wenn ihr das Wort "Monarchie" hört ?

Tazreiter: Einen schwachmatischen Kaiser Franz Joseph.

Erker: Das Erste, was mir einfällt ist: Der Weltkrieg ist verloren, der Kaiser dankt ab, der Krieg ist vorbei. Das ist für manche schon einmal schmerzhaft gewesen, denke ich, ich habe auch ein paar Interviews geführt mit älteren Leuten, die zum Ende der Monarchie geboren sind und dem nachtrauern, dem Kaiser vor allen. Das war etwas Romantisches. Die sehen nicht so sehr die politische Seite der Monarchie, sondern etwas Schönes, Prunkvolles. Das, muss ich zugeben, ist auch eines meiner ersten Bilder, wenn ich an die Monarchie denke. Und eben, dass eine Klasse oder ein Monarch von oben herab regiert hat.

Tazreiter: Mir kommt manchmal vor, dass sich die Österreicher nach der Monarchie sehnen.

Paweronschitz: Gerade hier in Wien oder auch im Salzkammergut leben wir ganz gut von der Monarchie. Wenn ich mir den österreichischen Tourismus anschaue, was wir immer mit Franz Joseph und Sisi und deren Verklärung an Geld verdienen! Damit verkaufen wir Österreich.

STANDARD: Könnte man sagen, Monarchie ist einfach schöner als Demokratie, zumindest rein äußerlich? Ist Demokratie langweilig?

Wöbber: Man muss ja irgendetwas Erhöhtes konstruieren. Das tun die Boulevardblätter andauernd.

Saracevic: Es geht darum, dass eine Person an der Spitze steht, die Österreich repräsentiert. Ein Symbol. Ich meine, sieht irgendjemand den Bundeskanzler Gusenbauer als Repräsentanten von Österreich? Doch eher nicht.

STANDARD: Aber wir haben den Bundespräsidenten in der Hofburg. Ist das zu wenig Repräsentanz?

Saracevic: Ja, auf jeden Fall.

STANDARD:Sollten wir wieder einen Kaiser haben?

Tazreiter: Das wäre jedenfalls ein interessantes Experiment.

Saracevic: Ich denke, wenn eine Person, die Österreich besser repräsentieren könnte, vorhanden wäre, wäre das nicht schlecht.

STANDARD: Ja, aber in einer Erbmonarchie, da hätten wir dann das Risiko der genetischen Faktoren.

Saracevic: Ich glaube nicht, dass jetzt sofort eine Monarchie eingeführt werden sollte, aber schon, dass man auf dem Prinzip der Monarchie wieder aufbaut. Das muss ja keine Erbmonarchie sein, sondern ein System, bei dem nach dem Ableben des einen Kaisers ein anderer vom Volk gewählt wird.

Erker: Ich habe überhaupt kein Bedürfnis nach einer strahlenden Persönlichkeit, die Österreich so repräsentiert, wie es vielleicht einmal ein Monarch getan hat. Ich brauche den Prunk und das Tamtam nicht, der Bundespräsident repräsentiert Österreich, und er muss nicht in der Kutsche vorfahren.

Wöbber: Brauchen weiß ich nicht, aber es würde es vielen Menschen leichter machen. Da laufen diese Politiker alle im dunklen Anzug herum, die sehen alle gleich aus. Ich persönlich bin völlig zufrieden, wenn die einen ordentlichen Job machen.

Paweronschitz: Aber wenn wir meinen, wir brauchen eine Repräsentationsfigur - Brot und Spiele sozusagen -, dann beschäftigen wir die Massen, aber die Anzugträger machen in der Zwischenzeit, was sie wollen.

Tazreiter: Ist das im Moment nicht eh so?

STANDARD: Hat jemand von Ihnen "Wir sind Kaiser" gesehen?

Tazreiter: Das war lustig überspitzt.

Paweronschitz: Aber dass es so etwas überhaupt gibt, 90 Jahre nach dem Ende der Monarchie, im österreichischen Fernsehen - woanders würde es das, denke ich, gar nicht mehr geben.

Saracevic: Das bedeutet, dass viele sich das wieder zurückwünschen, weil sie damit Positives verbinden.

STANDARD: War es eigentlich schade um diese große Monarchie?

Erker: Um Aspekte war es schade, aber nicht um alles. Dass es verschiedene Kulturen und Identitäten gab - da ist sicherlich etwas verlorengegangen.

STANDARD: Ist diese Vielvölker-Nostalgie nicht ein bisschen unrealistisch? Es gab ja Nationalitätenstreitereien bis hin zum Militäreinsatz.

Tazreiter: Vielleicht kann man das in der EU besser machen, in so einem Staatenbund braucht man ein Ziel. Gegen Riesen wie China und Indien können wir als Wirtschaftsmacht alleine auf Dauer sicherlich nicht mithalten.

Saracevic: Die Leute werden aber nicht so schnell sagen, wir sind keine Slowenen oder Franzosen, sondern Europäer.

Tazreiter: Das wird sich aber langsam abschwächen, weil viele Leute sagen, ich bin Franzose, aber gleichzeitig Bürger der EU. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24. 2. 2008)

Linda Erker (23) studiert Geschichte und Spanisch, Schwerpunkt: Zeitgeschichte. Sie arbeitet im Museum.

Sandra Paweronschitz (31) arbeitet am Inst. für Zeitgeschichte, betreut die NachRichten, Zeitungs-Originalausgaben zu 1938.

Aldin Saracevic (16), geboren in Bosnien, österr. Staatsbürger und Gymnasiast im 10. Bezirk in Wien. Interessen: Geschichte und Sport.

Ambros Josef Tazreiter (18), besucht die Sir Karl Popper Schule, Mitglied einer nichtschlagenden katholischen Verbindung.

Karsten Wöbber (21), deutscher Staatsbürger, studiert in Wien Soziologie, liest "alles, was mir in die Finger kommt".

Eine weitere Diskussion mit demselben Personenkreis zum Thema "Anschluss 1938" erscheint im ALBUM am 1. März 2008.
  • Schade um die vielen Kulturen und Identitäten, ein Kaiser muss nicht sein, aber ein "Symbol" wäre nicht schlecht, die EU könnte aus den Fehlern der Donaumonarchie lernen - Schüler und Studenten diskutierten in den Prunkräumen des Standard den Übergang von Monarchie zu Republik.
    foto: c. fischer

    Schade um die vielen Kulturen und Identitäten, ein Kaiser muss nicht sein, aber ein "Symbol" wäre nicht schlecht, die EU könnte aus den Fehlern der Donaumonarchie lernen - Schüler und Studenten diskutierten in den Prunkräumen des Standard den Übergang von Monarchie zu Republik.

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